Olympia

Sehr wackeliger 100-Meter-Rekord Die rätselhafte Fabelzeit von Alex Wilson

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Wilson bei der EM 2018 in Berlin.

(Foto: imago/Chai v.d. Laage)

Mit dem Abschluss seiner Olympia-Vorbereitung stellt der Schweizer Sprinter Alex Wilson einen neuen Europarekord über 100 Meter auf. Sein 9,84-Sekunden-Lauf wirft sofort Zweifel auf - bei Experten und Wilson selbst. Ein Video soll die Fabelzeit widerlegen und ein weiteres wirft noch mehr Fragen auf.

Hat er nun den neuen 100-Meter-Europarekord aufgestellt oder nicht? Alex Wilson sagt selbst, dass die Frage ihn nicht mehr wirklich umtreibe. Große Verwirrung gab es am Sonntag trotzdem, als der 30-Jährige unerwartet eine Fabelzeit aus dem Ärmel schüttelte. 9,84 Sekunden auf 100 Metern. Ungläubig soll er nach seinem Lauf bei einem kleinen Meeting im US-amerikanischen Atlanta gefragt haben: "Stimmt es, sind Sie sicher, ist alles in Ordnung?"

Die Zweifel selbst beim Sprinter, sie machen dann doch etwas misstrauisch. Genauso wie die Tatsache, dass Wilson seine persönliche Bestzeit mit dem Lauf pulverisiert hat. Die lag nämlich bei 10,08 Sekunden, der alte Schweizer Rekord. In der Olympia-Vorbereitung ist er mit Bestzeiten von 10,38 beziehungsweise 20,64 Sekunden auf 200 Metern nicht wirklich aufgefallen. Auch den Schweizer Rekord über 200 Metern egalisierte er am Sonntag mit 19,89 Sekunden. Im Schweizer Fernsehsender SRF sagte er nach seiner Rückkehr aus den USA: "Am Anfang war ich geschockt. Ich brauchte einen Moment, um es zu glauben. Aber es ist, wie es ist. Warum sollte ich die Zeitmessung hinterfragen."

Dass das sogar sein Berater tat, spricht Bände. Am Montag sagte Andreas Hedinger der Nachrichtenagentur Keystone-SDA: "Direkt nach dem Rennen dachte Alex, dass er vielleicht 10,10 Sekunden oder bestenfalls 10,00 gelaufen ist, aber niemals so schnell, wie es auf der Anzeigetafel im Stadion und in den Ranglisten zu lesen war". Weiter erklärte er: "Ich selber stelle mir bei diesen Auftritten die gleichen Fragen wie ihr Journalisten. Der Athlet sah sich selber nicht in so guter Form, auch wenn er sich gut vorbereitet hatte."

"Wissen, dass das nicht möglich ist"

Das sahen auch einige Experten. Der renommierte US-Trainer Rana Reider twitterte direkt: "Wir wissen zu 100 Prozent, dass es nicht möglich ist." Auch Laurent Meuwly, Nationalcoach in den Niederlanden, hatte seine Zweifel. Mithilfe eines (zugegeben sehr wackeligen) Videos und mehrerer Screenshots versuchte er zu beweisen, dass Wilsons Zeit im besten Fall bei 10,3 Sekunden lag. So soll die Zeittafel schon vor der Ziellinie bei eben jenen 10,3 Sekunden gestanden haben. Eine weitere verlangsamte Variante der Aufnahme zeigt etwas Ähnliches: Es ist sichtbar, dass Wilson die Ziellinie erst nach der Zehn-Sekunde-Marke überschreitet. Auffällig sei zudem, dass der Zweite eine Zeit von 11,09 Sekunden gehabt habe. Wilson hätte demnach mehr als zehn Meter Vorsprung haben müssen.

Dass seine Zeit gut werden würde, hat Wilson schon vorher geahnt, wie er später im SRF erzählte: "Ich wusste, dass die Bedingungen perfekt sind und der Schweizer Rekord fallen könnte. Ich fühlte mich so gut wie noch nie in einem Rennen." Seine Erklärung, warum er sich so gut fühlte, sie klingt ein bisschen nach vielleicht (zu) einfacher Mathematik.

Im Interview mit dem Schweizer "Blick" berechnete er, wie sich seine Fabelzeit zusammensetzt. Als Ausgangslage nahm er seine persönliche Bestzeit von etwas über zehn Sekunden: "Mit zwei Metern Rückenwind wären das 9,80. Bei mir wurden 1,9 Meter Rückenwind gemessen, vielleicht waren es aber auch mal 2,5 - der Wind ist nicht immer regelmäßig." Nicht nur der Wind sei optimal gewesen, auch der Rest hätte nicht besser sein können: "Dann gibt mir die Bahn noch ein Zehntel, meine neuen Superschuhe holen nochmal einen Zehntel raus. Wenn all das zusammenkommt, sind die 9,84 Sekunden durchaus möglich."

Die Sprintspikes also, auch sie sollen ihren Beitrag zur Fabelzeit beigetragen haben. Sie seien seine "Geheimwaffe diese Saison", wie er später sagte. Dass sie in Tokio ein größeres Thema werden könnten, deutete sich schon im Vorfeld an. Der schnellste Mensch der Erde, Usain Bolt, beklagte sich schon jetzt, dass die neue Generation der Spikes unfair sei. Er habe gar nicht glauben können, dass die jetzt doch erlaubt seien. Mit ihnen, so erzählte er dem britischen "Guardian", hätte er eine Zeit unter 9,5 Sekunden laufen können.

Ein unglückliches Video

Eine andere Sache bleibt im Gegensatz dazu unerlaubt: Ähnlich schnell wie Wilson lief, stand auch der Dopingvorwurf im Raum, für den es jedoch keinen konkreten Hinweis gibt. Dass die Olympischen Spiele und die Vorbereitung diesmal jedoch unabhängig vom von Wilson dafür prädestiniert sind, erklärte ARD-Experte Hajo Seppelt jüngst schon im Interview mit ntv.de: "Doping hat auch Langzeiteffekte." In den vergangenen anderthalb bis zwei Jahren habe es durch die Pandemie phasenweise wenig oder sogar gar keine Dopingkontrollen in manchen Gegenden der Welt gegeben. Es sei schon auffällig, "dass im letzten Jahr in einigen Sportarten, in der Leichtathletik oder im Radsport zum Beispiel, Rekorde gepurzelt sind."

Der Dopingvorwurf bei Wilson wurde noch zusätzlich befeuert, dass offenbar ein Video auftauchte, dass ihn mit dem wegen Dopings auf Lebenszeit gesperrten Trainer Raymund Stewart zeigen soll. Im April sei das am Rande eines Fußballturniers in Las Vegas entstanden, sagte Wilson im "Blick". Sein Trainer habe ihn auf die "Legende" aufmerksam gemacht. Daraufhin habe Stewart ihm für zehn Minuten einige Übungen gezeigt, erklärte Wilson. Dass ausgerechnet jetzt dieses Bildmaterial auftaucht, es macht den Sprinter misstrauisch: "Ich denke im Moment, dass mir da jemand eindeutig schaden will." Er werde nun "umso mehr aufpassen - was ich esse und trinke, was ich anfasse, mit wem ich rede". Mit Doping habe er nichts zu tun, "es wäre falsch, das zu behaupten".

Es bleibt also dabei, Wilsons sensationelle Zeit haften zumindest einige Zweifel an: Der wahrscheinlichste wird wohl die Zeitmessung sein, bei der fraglich ist, ob sie internationalen Standards genügt. Wilson interessiert sich dafür nicht mehr. Er hat seine Leistung gebracht, ob der Rekord auch wirklich ein Rekord ist, kann er sowieso nicht beeinflussen. Als er zum ersten Mal den Schweizer Rekord lief, dauerte das Prozedere beim Verband auch "ein halbes Jahr".

Quelle: ntv.de, ses/dpa/sid

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