Olympia

Russland unter Beschuss Doping-Anklage des entthronten Champions

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Nicht nur im Becken Konkurrenten: Jewegeni Rylow (links) und Ryan Murphy.

(Foto: imago images/ITAR-TASS)

Zu den Olympischen Spielen 2021 reist US-Schwimmer Ryan Murphy als Titelverteidiger über zwei Rückenstrecken an. Beide Titel muss er Jewegeni Rylow abtreten. Der startet für das Russische Olympische Komitee. Es entspinnt sich eine Doping-Kontroverse.

Er kam als der König der Rückenschwimmer und ging als ein Doping-Ankläger. Der US-Schwimmer Ryan Murphy hat nach seiner Silber-Medaille im 200-Meter-Rücken-Finale die Integrität des Schwimmsports infrage gestellt. Der 26-jährige Olympiasieger von Rio hatte bei den Olympischen Spielen in Tokio nach dem russischen Schwimmer Jewegeni Rylow angeschlagen. "Wenn mir so eine Frage gestellt wird, habe ich ungefähr 15 Gedanken. 13 davon würden mich in große Schwierigkeiten bringen", sagte Murphy als er nach dem Rennen auf Doping angesprochen wurde. Dann ergänzte er: "Ich versuche, mich nicht darin zu verfangen. Es ist das ganze Jahr über eine große mentale Belastung für mich, zu wissen, dass ich in einem Rennen schwimme, das wahrscheinlich nicht sauber ist, und das ist es auch."

Nur wenig später schlug das Russische Olympische Komitee (ROC) auf Twitter zurück und bezichtigte Murphy der Propaganda. "Wie nervtötend unsere Siege für einige unserer Kollegen sind. Ja, wir sind hier bei den Olympischen Spielen. Völlig zu Recht. Ob es jemandem gefällt oder nicht", schrieb das ROC, das als Statthalter für das von der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) mit einer Dopingsperre belegte Russland bei den Spielen antritt, in den sozialen Medien. "Es wurde wieder die alte Leier vom russischen Doping angestimmt", hieß es weiter. "Englischsprachige Propaganda, die in der Hitze von Tokio verbalen Schweiß ausstößt. Aus den Mündern von Athleten, die durch Niederlagen beleidigt sind. Wir werden euch nicht trösten. Vergebt denen, die schwächer sind. Gott ist ihr Richter. Und für uns - ein Assistent."

Der Streit begann bereits vorher

Schon vor drei Tagen war es Murphy nicht gelungen gegen die ROC-Dominanz anzuschwimmen. Im Finale über 100 Meter Rücken hatte erst Rylow und dann sein Landsmann Kliment Kolesnikow angeschlagen. Auf der anschließenden Pressekonferenz, die auch das Ende der langjährigen olympischen Dominanz der US-Schwimmer auf dieser Strecke markierte, schien es so als ob Kolesnikow sich auf Russisch über seinen US-amerikanischen Gegner lustig machte, berichtete das "Wall Street Journal". Nun also, nach der nächsten Finalniederlage, wollte Murphy, der in Rio zwei Einzel- und ein Mannschaftsgold geholt hatte, nicht mehr an sich halten.

Nach dem Rennen im Becken und dem Schlagabtausch danach, saßen Murphy und Rylow gemeinsam mit dem britischen Bronzemedaillen-Gewinner Luke Greenback bei der Pressekonferenz. Die Worte des US-Schwimmers klangen weniger anklagend, doch zurücknehmen wollte er wenig. Angesprochen darauf, ob es ein sauberes Finale gewesen sei, sagte Murphy: "Die Frage kann man nicht mit 100-prozentiger Sicherheit beantworten. Ich weiß nicht, ob es zu 100 Prozent sauber war. Und das liegt an Dingen, die in der Vergangenheit passiert sind. Am Ende glaube ich, dass es Doping im Schwimmen gibt."

Murphy erzählte von einem Treffen mit dem neuen Generalsekretär des Wassersport-Dachverbands FINA, Brent Nowicki, während der US-Trials im Juni. Dabei habe der Schwimmer den Boss um mehr Transparenz im Kampf gegen Doping gebeten. Dieser soll ihm geantwortet haben, dass es eine lange Zeit dauern werden, den Sport vom Doping zu befreien. "Wenn du das dann von ganz oben hörst, ist das natürlich schon hart", sagte Murphy nun.

Auch der Brite Greenback zweifelt

Auch der drittplatzierte Brite Greenback äußerte seine Sorge. "Es ist natürlich eine sehr schwierige Situation, wenn man nicht weiß, ob der Gegner sauber ist. Das ist etwas, das zum Sport dazugehört, und um ehrlich zu sein, muss der Verband das in Angriff nehmen." Doch da hörte es nicht auf. Während Rylow auf der Pressekonferenz eintraf, berichtet der "Independent", holte Greenback weiter aus: "Vor den Olympischen Spielen gibt es viele Medienberichte über den russischen Verband. Es ist frustrierend, das als Athlet zu sehen, wenn man weiß, dass es ein staatlich gefördertes Dopingprogramm gibt und mehr getan werden könnte, um dagegen vorzugehen."

Der Russe tat die Anschuldigungen, die sich, zumindest auf der Pressekonferenz nicht direkt gegen ihn richteten, mit einem Schulterzucken ab. Er sagte, dass er für einen "sauberen Sport" sei und ergänzte: "Ich war immer für saubere Wettkämpfe. Ich bin immer getestet worden." Nach Angaben der Russischen Anti-Doping-Agentur RUSADA ist Rylow in diesem Jahr dreimal getestet worden. "Ryan hat mich auch nicht bezichtigt, ich werde es deswegen auch nicht kommentieren."

Das Thema Doping und Russland beschäftigt nicht zum ersten Mal bei diesen Spielen. Erst am Mittwoch schäumte der Tennis-Spieler Danniil Medvedv, als ihm ein Journalist eine Frage zum Thema Doping stellte. "Das ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich keine Frage beantworte. Sie sollten sich dafür schämen", sagte der 25-Jährige und forderte dazu noch den Ausschluss des Journalisten von den Olympischen Spielen. Für Hintergründe hatte der erzürnt davoneilende Tennis-Spieler keine Zeit.

Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA hatte Russland im Dezember 2019 eigentlich für vier Jahre von den wichtigsten Sportereignissen der Welt ausgeschlossen. Doch Ende 2020 halbierte der CAS die Sperre. In Russland existierte ein staatlich organisiertes Doping-System. In Tokio dürfen russische Sportler als neutrale Athleten unter dem Namen "Russisches Olympisches Komitee" (ROC) antreten.

Quelle: ntv.de

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