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Eingang zur Doping-Kontrollstation der Boxer in Rio.
Eingang zur Doping-Kontrollstation der Boxer in Rio.(Foto: dpa)
Sonntag, 21. August 2016

Experten planen den Aufstand: Doping bleibt auch nach Rio ein Problem

Russlands Staatsdoping scheint nur die Spitze des Eisbergs der Dopingpraxis im Spitzensport zu sein. Experten sind sich einig, dass eine Kehrtwende kurzfristig gar nicht möglich ist. Sie kritisieren die halbherzige Vorgehensweise des IOC und schmieden eigene Pläne.

Die skandalöse Doping-Akte Russland wird nach dem Erlöschen des Olympischen Feuers in Rio nicht geschlossen. Nach dem Copacabana-Kompromiss mit der Zulassung von 285 Athleten aus dem Land, in dem Staatsdoping festgestellt wurde, muss die in Verruf geratene Sportgroßmacht mit weiteren Folgen und Sanktionen rechnen. Das arg in die Bredouille geratene Internationale Olympische Komitee mit dem Deutschen Thomas Bach an der Spitze muss nun über den unfassbaren Betrug im Winterspiele-Kontrolllabor von Sotschi richten.

"Sie können sicher sein, dass alle Dopingproben von allen russischen Athleten überprüft werden, und zwar auf Doping und auf Manipulation", kündigte IOC-Chef Bach vor der Rio-Schlussfeier an. "Wir werden uns darum direkt nach den Olympischen Spielen kümmern." Erwiesen ist bereits durch WADA-Ermittler Richard McLaren, der die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen hat, dass der russische Geheimdienst FSB positive Dopingproben von eigenen Sportlern ausgetauscht und manipuliert hat. Für Bach ist das eine "beispiellose Attacke auf die olympische Integrität" und zugleich ein Grund, mit Blick auf die Winterspiele 2018 in Pyeongchang hart durchzugreifen.

Soll Russland also komplett ausgeschlossen werden?

Die Nationale Anti-Doping-Agentur NADA gab darauf eine klare Antwort. "Russland hat von staatlicher Seite aus das Anti-Doping-System unterlaufen und betrogen. Deshalb muss auch für Pyeongchang ein Ausschluss gefordert werden", mahnte NADA-Vorstandschefin Andrea Gotzmann an. Der Ex-Fechter Bach wird der Forderung wohl kaum folgen und anstelle des generellen Banns wieder den Weltverbänden die Verantwortung überlassen, Maßnahmen gegen Russland zu ergreifen. "Die Ankündigung von härtesten Sanktionen und die fast folgenlose Hinnahme von Betrugsvorgängen bei Olympischen Spielen passen nicht zusammen", kritisierte der deutsche Leichtathletik-Präsident Clemens Prokop das Taktieren des IOC in Rio.

Die Ringe-Organisation müsse ihre Politik verändern und sie "nicht an politischen Interessen" ausrichten. Der Weltverband IAAF habe mit dem Komplett-Bann der russischen Leichtathleten bei den Spielen am Zuckerhut ein Beispiel gegeben. Die Suspendierung für internationale Wettkämpfe ist zeitlich nicht beschränkt und die Aufhebung hängt davon ab, wie schnell Russland das Anti-Doping-System reformiert. Skeptisch ist der Doping-Experte Fritz Sörgel, dass die Kehrtwende zur Ehrlichkeit kurzfristig möglich ist. "Das wird auch bis zu den Spielen in Tokio 2020 nicht funktionieren", sagte der Nürnberger Pharmakologe. Das habe man schon nach der deutschen Wiedervereinigung gesehen. Auch in der früheren DDR gab es ein Staatsdoping. "Und die Betrugsmentalität kann man nicht so schnell wandeln", meinte Sörgel.

"Aufstand der Wissenschaft" geplant

Zusammen mit Mainzer Sportmediziner Perikles Simon will er einen internationalen Doping-Gipfel organisieren. "Das Thema darf nicht mehr von der Agenda genommen oder dem jeweils anderen wie ein Schwarzer Peter zugeschoben werden", heißt es in einer Erklärung der beiden. Mit dem Symposium solle ein "Aufstand der Wissenschaft gegen das dunkle Gesicht des Sports" organisiert werden.

Nach dem Ende der Rio-Spiele habe das IOC eine Reform des weltweiten Anti-Doping-Kampfes angekündigt. "Getragen werden sollen die Reformen selbstverständlich von den großen Sportorganisationen, welche eine Anti-Doping-Struktur des hemmungslosen Versagens über Jahrzehnte hinweg gestützt, getragen, finanziert und vor kritischen Fragen bewahrt haben", so Simon und Sörgel. "Wir werden WADA und IOC in ihren Reformbemühungen vor uns hertreiben. Enough is enough!", schreiben sie mit Bezug auf die Welt-Anti-Doping-Agentur und das Internationale Olympische Komitee.

Die Experten sehen die Verpflichtung, dass unabhängige Wissenschaftler diesen Reformprozess kritisch begleiten. "Der Anti-Doping-Kampf kann nur unter der kritischen Begutachtung durch von den Sportorganisationen unabhängige Wissenschaftler aus dem Stadium der Volksverdummung auf den ersten, zarten Weg der Effektivität geführt werden" , heißt es weiter in der Erklärung. Nur das garantiere letztlich wirklich, dass es ein "Weiter so" nicht mehr geben könne und werde.

DOSB-Präsident findet klare Worte

Vor und während der Rio-Spiele gab es zudem Nachrichten aus der Doping-Vergangenheit, die Einblicke in das Ausmaß des globalen Sportbetruges geben. "Nach Gesprächen mit Insidern in Rio hat sich mein Weltbild zur WADA dramatisch verschlechtert", sagte Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes. "Was die geliefert und geleistet oder nicht geleistet hat, ist kein haltbarer Zustand. Mich wundert nichts mehr."

Bei Nachtests der Spiele 2008 in Peking und 2012 in London wurden rund 100 Athleten als Doper entlarvt. Zudem illustrierte ein "Medaillenspiegel der Schande", den die Wochenzeitung "Die Zeit" veröffentlichte, wie viele vermeintliche Olympia-Helden in der Geschichte wieder vom Siegertreppchen hinunter befördert wurden: Es waren 74 Gold-, Silber- und Bronzemedaillengewinner. Dabei liefern sich die Betrüger aus Russland ein Kopf-an-Kopf-Rennen (11:11) mit denen aus den USA. Einig sind sich viele im Weltsport, dass es radikale Veränderungen im Anti-Doping-Kampf geben muss.

Quelle: n-tv.de