"Scheißmedaille" wieder verlorenFranziska Preuß sitzt alleine im Schnee und weint

Das letzte Schießen bei den Olympischen Spielen wächst sich zu einem persönlichen Drama für Biathlon-Star Franziska Preuß aus. Nach einem fast perfekten Verfolgungsrennen zerplatzen wieder alle Träume in 30 Sekunden.
Der verdammte letzte Schuss machte alles zunichte. Der verdammte letzte Schuss riss Franziska Preuß aus allen Träumen. Der verdammte letzte Schuss warf sie in die emotionale Hölle. Wieder einmal war Franziska Preuß an dem Vorhaben gescheitert, ihre Karriere mit einer olympischen Einzelmedaille zu krönen. 16 Mal hatte die 31-Jährige an diesem Sonntag in der Verfolgung perfekt geschossen. Sie hatte läuferisch im Kampf um Edelmetall voll mitgehalten. Am Tag, an dem ihr Freund Simon Schempp endlich die goldene Staffel-Medaille aus Sotschi nachgereicht bekam, schien auch für Preuß die große Erlösung möglich.
Doch dann setzte Preuß den zweiten Schuss beim zweiten Stehendschießen daneben. Noch kein Drama, wäre es dabei geblieben, sie wäre weiter voll im "Game" gewesen. Die gigantische Tribüne in der legendären Arena in Antholz hatte bereits jede Contenance verloren. Lisa Vittozzi, die zweite Grande Dame des italienischen Biathlons, hatte zuvor die "Null" gehalten, sie stürmte als erste und lange Zeit einzige aus dem Stadion. Sie stürmte Gold entgegen. Dahinter knallte es richtig. Wie schon beim Verfolger der Herren am Vormittag kam's zum Showdown um Silber und Bronze. Und Preuß war wieder einmal mittendrin.
Konkurrentinnen öffnen Preuß die Tür
Die norwegische Sprintsiegerin Maren Kirkeeide war die erste im letzten Anschlag. Sie patzte zweimal. Vittozzi, die mit Abstand beste Stehend-Schützin im Feld, knallte im plötzlichen Schweigen von Antholz einen Schuss nach dem nächsten raus. Die Arena verlor jede Bodenhaftung. Dann verfehlte auch Lou Jeanmonnot zweimal, die Benchmark im internationalen Biathlon. Die Tür für Preuß war offen, weit offen. Bis zum letzten Schuss. Mit nur einer Strafrunde wäre die Medaillenchance intakt geblieben. Aber dieses letzte Schießen ist für Preuß zum unbesiegbaren Endgegner geworden - wie schon in der Staffel, dem Einzel und im Sprint.
Schon beim Heim-Weltcup Mitte Januar in Ruhpolding hatte sie offenbart, dass sie beim Do-or-die keine "innere Ruhe mehr findet". Die Hoffnung, dass sich dieser Zustand des inneren Aufruhrs zu den Olympischen Spielen radikal umdreht, zerschlug sich direkt im ersten Rennen. In der Mixed-Staffel wackelte Preuß Bronze ins Ziel. Sie schoss vier Mal daneben, musste einmal in die Runde. Auch die Medaille gab ihr keine Sicherheit. Denn Zählbares in der Staffel hatte sie schon reichlich gesammelt. Für Preuß, die ihre Karriere am Ende des Winters spätestens beendet, geht es nur um einen Erfolg im Einzel. Die Farbe ist ihr mittlerweile reichlich egal.
30 Sekunden zerstören wieder alles
Der letzte Schuss in Antholz flog ihr davon. Als sie das Gewehr abnahm, lächelte sie verzweifelt. Wie viel Drama kam eine einzelne Athletin schultern? Preuß hat ihre Grenze erreicht. Im Ziel, das sie als Sechste erreichte, weinte sie alleine im Schnee bittere Tränen. Und auch in dem zermürbenden Interview-Marathon musste sie sich immer wieder Tränen aus den Augen wischen. Denn alles, was von mehr als einer halben Stunde an der Belastungsgrenze und der zehn Kilometer langen Jagd durch den Wald geblieben ist, ist dieser verdammte letzte Schuss. "Ich bin einfach nur enttäuscht, dass 30 Sekunden von einem richtig guten Rennen wieder alles zerstören." Lange geht es da nicht mehr nur um den Kopf. "Man will unbedingt so eine Scheißmedaille und wenn man weiß, jetzt könnte es sich erfüllen, entsteht so eine Spannung im Körper. Da verliere ich den Fokus aufs Zielen."
Das deutsche Individual-Biathlon steckt in einer tiefen Krise. Nie zuvor hatte es nach sechs Wettbewerben keine Medaille gegeben. Bei den Frauen versucht sich Preuß als tragische Galionsfigur, noch gegen den Absturz aus der Weltspitze zu stemmen. Bei den Männern gibt es nicht mal den Versuch mehr. Alle wirken mit sich selbst beschäftigt. Beim spektakulären Verfolgungssieg des Schweden Martin Ponsiluoma schoss das deutsche Quartett insgesamt 18 Fehler. Das hat mit Weltspitze nichts mehr zu tun. Doch selbst ohne Strafrunde wäre es für Philipp Horn "extrem schwer geworden", weiter vorn anzugreifen. Er war Elfter geworden, mit drei Extrarunden. "Wir haben sicher keinen Flow, und der Deckel fliegt derzeit nicht vor Begeisterung vom Topf», sagte Sportdirektor Felix Bitterling nach medaillenlosen Tagen seit dem Auftaktwettkampf.
Nationalhymne als Sehnsuchtsmelodie
Bis auf einzelne Ausreißer ist das Podest ein weit entfernter Ort für die einst so große Nation gewesen, die an diesem Tag durch die alten Helden Arnd Peiffer, Erik Lesser, Daniel Böhm und Schempp repräsentiert wurde, die ihren emotionalen Olympia-Sieg von den Skandalspielen in Sotschi 2014 mit zwölf Jahren Verspätung überreicht bekamen. Inklusive deutscher Hymne. Sie klang wie eine Sehnsuchtsmelodie. Vor vier Jahren in Peking hatte Denise Herrmann-Wick Gold im Einzel gewonnen. 2018 in Pyeongchang hatte die mittlerweile auf tragische Weise verstorbene Laura Dahlmeier zweimal den Olympiasieg, im Sprint und der Verfolgung geholt, zudem noch Peiffer ebenfalls im Sprint.
Dass die Hymne bei diesen Spielen im Biathlon noch einmal erklingen wird? Nahezu ausgeschlossen. Mit Frankreich und Norwegen sind zwei Nationen in anderen Galaxien unterwegs. Und so flüchtet sich Deutschlands aktuelle Biathlon-Generation in die Staffel-Hoffnung. Für Preuß gibt es derweil noch eine Chance, ihren Traum endlich wahrzumachen. Am Sonntag, im Massenstart in Antholz. Was wäre das für Heldinnengeschichte. Im letzten olympischen Rennen, im vielleicht sogar letzten Rennen ihrer Karriere.