Gold nach krasser GeschichteUS-Eisrebellin Alysa Liu sendet magisches Olympia-Bild in die Welt
Alysa Liu ist neue Olympiasiegerin im Eiskunstlaufen. Die Amerikanerin schiebt sich mit einer spektakulären Kür von Platz drei nach dem Kurzprogramm auf den Gold-Rang. Danach gibt es eine bemerkenswerte Szene.
Die Halle hatte es schon mitbekommen. Ami Nakai noch nicht. Sie schaute immer noch gespannt auf den Monitor, der ihr an diesem Abend den Weg zu Bronze weisen sollte. Das sah für Momente kurios aus. Es schien, als würde sich die 17-jährige Japanerin, die große Entdeckung der Saison, nicht freuen. Einen Grund hätte sie gehabt: Nach dem Kurzprogramm der Frauenkonkurrenz im Eiskunstlaufen bei den Olympischen Winterspielen hatte sie noch auf Rang eins gelegen. Gold war greifbar. Und schien es auch nach der Kür noch. Es war ein Zitterspiel, seriöse Prognose unmöglich. Doch dann sah auch sie das Urteil: Dritte mit 219,16 Punkten.
Und sie flippte aus vor Glück. Nein, da war keine Enttäuschung, da war nur grenzenloser Jubel, Tränen der Glückseligkeit. Bei ihrem ersten großen Event hatte sie dem gigantischen Druck standgehalten und sich die Medaille gesichert. Wie ein Flummi hüpfte sie in die Arme von Alysa Liu, der neuen Olympiasiegerin (226,79) mit der unglaublichen Lebensgeschichte.
Bei der neuen Eiskönigin hatte sie sich aus der Kiss-and-Cry-Area noch kurz die Rückversicherung geholt, dass das alles so stimmen würde, wie angezeigt. Es stimmte. Was dann kam, die Umarmung voller Liebe und ohne jeden Neid, war ein Bild, wie gemalt für die Olympischen Spiele. Für den olympischen Geist, der Sportlerinnen und Sportler verbinden soll. Es war ein Bild, das über Mailand hinausstrahlt, das noch lange hängen bleibt.
"Das ist unmöglich"
Liu konnte ihre Comeback-Geschichte selbst kaum begreifen. Eine Kamera fing sie ein, so berichtet NBC, wie sie über ihren Lauf nachdachte, als sie auf dem Weg zu Siegerehrung war. "Ich kann das einfach nicht fassen", sagte die immer noch erst 20-Jährige. "Das ist unmöglich. Mir hat mein Lauf wirklich sehr gut gefallen." Sie war damit nicht alleine. Alysa Liu ist die erste amerikanische Eiskunstlauf-Olympiasiegerin bei den Frauen seit Sarah Hughes 2002 in Salt Lake City.
Zwischen den beiden hüpfenden Eislauf-Flummis reihte sich die japanische Altmeisterin Kaori Sakamoto, das ist sie mit 25 Jahren, auf dem Silberrang ein (224,90). Ihre Emotionen darüber waren nur schwer zu deuten. Zum letzten Mal stand sie auf olympischem Eis. Sie verlässt die Bühne am Ende der Saison mit dreimal Silber - im Team 2022 sowie im Team und nun im Einzel in Mailand. Und mit einmal Bronze. Das schnappte sie sich ganz alleine ebenfalls vor vier Jahren.
Sakamotos Kür war nicht fehlerfrei gewesen, eine Sprungkombination hatte sie abgebrochen. Aber sie hatte auf dem Eis geglänzt, hatte eine mitreißende Show gezeigt. Ein bisschen Magie. Und doch verpasste sie überraschend und um knapp zwei Punkte die finale Krönung. "Du bist immer bezaubernd", gab ihr Lius Trainer tröstend mit auf den Weg.
Eine Olympiasiegerin, die macht, was sie will
Liu selbst schrieb ihre kaum zu fassende Geschichte in diesem spektakulären Finale fort. Unterstützt vom dramatisch gescheiterten US-"Vierfach"-Gott Ilia Malinin legte sie eine großartige Kür aufs Eis. Sie ist nicht nur wegen ihrer persönlichen Geschichte, die von Zwängen, Frust und Ausbruch erzählt, eine Rebellin, sondern auch in der Art, wie sie den Sport interpretiert. Vor vier Jahren, gerade einmal 16 war sie da, WM-Bronzemedaillengewinnerin, beendete sie völlig überraschend ihre Karriere. Sie hatte keine Lust mehr auf die ganzen Entbehrungen, die schweren Ketten, die ihr angelegt worden waren, die Vorhaltungen, die Verbote. Sie wollte leben, klettern, Partys feiern. Das tat sie. Und als ihr Kopf frei war, kehrte sie zurück. Ihr Ex-Trainer war fassungslos und musste erst einmal über das Angebot nachdenken. Das hatte klare Grenzen: Liu durfte selbst bestimmen: Musik, Aussehen, alles.
Und dieser Freigeist hob sie, die als 13-Jährige jüngste US-Meisterin aller Zeiten wurde, nach dem Comeback in neue Sphären. 2024 kehrte sie zurück, 2025 wurde sie Weltmeisterin und 2026 Doppel-Olympiasiegerin (auch im Team mit Malinin). Sie ist im besten Sinne ein Freak, färbte sich die Haare im Zebralook und setzt auf moderne Musik auf dem Eis. Sie machte die Dinge anders als ihre Konkurrentinnen. Sie ist robuster, weniger Ballerina. Das Publikum liebt, die Jury honoriert das. Und Liu, das Showgirl, das einfach nur sein will, wie sie ist, liefert zurück. Mit ihrer poppig hinreißenden Kür-Darbietung zur MacArthur Suite von Donna Summer verzauberte sie Mailand. Das sie auf dem Weg vom Eis mehrfach beschwingt das "F"-Wort sagte, das ist sie eben, die Eisrebellin Liu.
Petrosian liefert traurige Bilder der Kälte
Mit ihren Emotionen, die so wenig kontrolliert daherkommen. Ganz anders etwa als bei der jungen Russin Adeliia Petrosian, die im Rennen um eine Medaille einen Vierfachsprung wagte. Und scheiterte. Ohne jede Gefühlsregung nahm sie das Jury-Urteil hin. Das weckte wieder die schrecklichen Bilder von Peking 2022, als das Wunderkind Kamila Waljewa zerbrochen war. Petrosian hatte zwar nicht Gnadenlos-Trainerin Eteri Tutberdise an ihrer Seite, das war wegen des Olympia-Banns der Russen nicht erlaubt, aber ihr Blick ins Leere bleibt hängen. Tutberidse war zwar in Mailand zu sehen, aber nur als akkreditierte Trainerin für das georgische Team.
Für großen Glanz hatte auch Amber Glenn gesorgt, die schillernde US-Läuferin. Nach einem schweren Fehler im Kurzprogramm waren ihre Chancen auf eine Medaille fast schon davongeschwommen. Sie war nur 13. geworden und noch auf dem Eis in Tränen ausgebrochen. Nun kämpfte sie sich mit einer spektakulären Kür mit dem schwierigen Dreifach-Axel zurück. Vielleicht wäre Bronze für die 26-Jährige möglich gewesen, wenn sie den Fehler beim zweiten Rittberger nicht gemacht hätte. Bis auf Rang fünf schob sie sich vor (214,91). Aber sie ahnte direkt, dass das für ihr großes Ziel nicht reichen würde. Auch wenn sie lange hoffen durfte. Die Halle tobte. Es war aber nur die Ouvertüre für diesen Abend, der über Mailand, über die Spiele hinauswirkt.
