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Favoriten-Debakel im Slalom Hirscher hadert mit dem "Scheißgefühl"

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"Ich war von oben an chancenlos": Marcel Hirscher.

(Foto: REUTERS)

Sechs Slalom-Rennen gewinnt Marcel Hirscher in dieser Saison. Der Österreicher dominiert und demütigt seinen Gegner auf der Piste. Doch ausgerechnet im olympischen Slalom patzt er fatal. Eine Niederlage mit Ansage.

In seiner augenscheinlichen Wut hätte er sich beinahe richtig wehgetan. Als Marcel Hirscher sich, gerade im Zielraum angekommen, ganz schnell aus den knallengen, schmerzenden Rennschuhen befreien wollte, rutschte er für einen kurzen Moment weg, fing sich dann aber so souverän, wie sonst nur in seiner Paradedisziplin, dem Slalom. Der aber hatte ihn an diesem frühen Donnerstagvormittag in Pyeongchang so richtig geärgert. Gerade einmal 22 Fahrsekunden quälte und rutschte der Österreicher durch den Kurs, den ausgerechnet sein Trainer Michael Pircher gesetzt hatte. Dann katapultierte es ihm den Außenski weg, er kippte nach vorne, verpasste das nächste "Tor" - Ende des olympischen Traums vom Gold-Hattrick nach Riesenslalom- und Kombinationserfolg.

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Gerade einmal 22 Sekunden ist er unterwegs.

(Foto: REUTERS)

"Meine ganze Woche im Slalom-Training war richtig schlecht. Und das war das Endresultat. Ich war von oben an chancenlos", erklärte Hirscher. So chancenlos, wie selten zuvor. Sechs Weltcup-Slaloms hatte er in dieser Saison gewonnen, zehn Rennen insgesamt. Seine Fahrten, sie waren so stabil, so unerschütterlich. Das bis heute letzte Mal, dass er in einem Slalom nicht das Ziel gesehen hatte, liegt zwei Jahre zurück. Am 14. Februar 2016 fädelte er nach vier Sekunden im japanischen Yuzawa Naeba ein. Der Weg zu Gold in Pyeongchang, im Ressort Yongpyong, schien nun frei für Henrik Kristoffersen. Den zweitbesten Slalomfahrer der Welt, der sich so oft, so verzweifelt an Hirscher abgearbeitet hatte, teilweise mit wüster Wut auf sich selbst.

Kristoffersen legte vor: Bestzeit im ersten Durchgang, hinter ihm Fahrer wie André Myhrer aus Schweden, der Franzose Victor Muffat-Jeandet, Italiens Routinier Manfred Moelgg oder Sebastian Solevaag-Foss - beherrschbare Gegner für den jungen Norweger. Und es waren auch nicht der neue Olympiasieger Myhrer, der die schwedische Seele unter Aufsicht von König Carl-Gustav nach dem Eishockey-Drama gegen Deutschland ein wenig täschelte, der Überraschungszweite Ramon Zenhäusern aus der Schweiz oder Bronzemedaillist Mario Matt, an denen Kristoffersen scheiterte. Es war ein Fahrfehler auf diesem aggressiven Schnee. An dem in den vergangenen Tagen so viele verzweifelt waren. Eben auch Hirscher.

"Scheiße, das trifft's wohl am besten"

Wie ein Wahnsinniger hatte der 28-Jährige in dieser Woche getestet. Bis zu 30 Paar Ski, so heißt es, soll Hirscher probiert haben. Kein einziges Setup wollte zu diesen speziellen Bedingungen passen. Normalerweise "funktionieren meine Ski super, nur halt hier nicht. Es ist auch mein Fahrstil, der dazu beiträgt. Ich fahre sehr kraftvoll. Heute sind aber die vorne, die es mehr mit Gefühl machen können." Und sein Gefühl? "Scheiße, das trifft's wohl am besten." Das gilt aber ausdrücklich nicht für seine Grundstimmung. Denn die ist trotz der verpassten, in seiner Heimat mehr erwarteten als erhofften, Goldmedaille im Slalom sehr positiv.

Hirscher, der sechsfache Weltmeister, der 55-fache Weltcupsieger, hat in Pyeongchang nämlich endlich den letzten Makel seiner erfolgreichen Karriere abgelegt. Er ist bei seinen dritten Spielen endlich Olympiasieger geworden. Er hat sich von der (in der Heimat angezählten) Last des Unvollendeten befreit. Er hat sich auf einen Sockel mit den Legenden Herrmann Maier, Benjamin Raich und Toni Sailer gehoben, die ebenfalls zweimal Gold bei ein und denselben Winterspielen gewonnen haben.

"Es ist mal das Schlimmste verhindert", hatte er österreichischen Journalisten nach seinem Triumph in der Kombination, dem ersten Gold, erklärt. Das Schlimmste wäre nämlich gewesen, wenn "ich heimgekommen wäre und eine perfekte Saison würde niedergemacht werden, weil das Gold fehlt". Entsprechend gelassen ging er nun mit seinem aktuellen Missgeschick um: Er sei "schon mal mehr angefressen" gewesen, sagte er. Im Zielraum indes hatte das ganz anders ausgesehen.

Quelle: n-tv.de

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