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NHL-Stars schieben großen FrustNach Olympia-Abreibung rückt der Bundestrainer in den Fokus

19.02.2026, 08:45 Uhr
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Eishockey-Bundestrainer Harold Kreis hinterfragt seine Entscheidungen selbst. (Foto: dpa)

Nie war ein deutsches Eishockey-Team so gut besetzt wie bei diesen Olympischen Spielen. Das Viertelfinale gegen die Slowakei schien machbar. Stattdessen gab es ein Debakel. Der Bundestrainer gesteht Fehler ein. Alles kommt nun auf den Prüfstand.

Müde und frustriert trauerten die deutschen Eishockey-Cracks um Superstar Leon Draisaitl ihrer leichtfertig vergebenen Chance auf eine mögliche Medaille nach. Gegen ausgeruhte Slowaken hat das mit so großen Erwartungen angetretene Team im Olympia-Viertelfinale ein Debakel erlebt. "In so einem Spiel musst du dir so lange wie möglich die Chance geben, das Spiel zu gewinnen. Das haben wir überhaupt nicht gemacht. Ich weiß nicht, wie viele Konter wir zugelassen haben. Auf jeden Fall viel zu viele", schimpfte Kapitän Draisaitl nach dem üblen 2:6 (0:1, 1:3, 1:2) gegen den Bronze-Gewinner von 2022.

"Das ist mit Sicherheit eine verbrauchte Chance, die wir nicht genutzt haben", sagte der Weltklasse-Stürmer der Edmonton Oilers. Draisaitl, Tim Stützle und Moritz Seider - im deutschen Olympiakader steckte diesmal richtige Weltklasse aus der NHL, dazu in JJ Peterka und Torhüter Philipp Grubauer weitere Leistungsträger aus der nordamerikanischen Profiliga. Insgesamt neun Spieler aus Nordamerika waren bei den Winterspielen dabei - so gut besetzt war eine deutsche Eishockey-Auswahl niemals zuvor. "Natürlich kann man nicht immer erwarten, dass man um Medaillen mitspielt. Aber ich glaube, das war eine sehr machbare Aufgabe heute. Besser hätten wir es nicht treffen können", sagte Seider. "Das sollte unser Maßstab sein, dass man so ein Spiel gewinnen kann."

Bei NHL-Angreifer Nico Sturm war der Frust ebenfalls riesig: "Wenn man vor dem Turnier gesagt hätte, dass wir im Viertelfinale ausscheiden, hätte man vermutlich gesagt: Das ist okay. Aber die Art und Weise, wie wir gespielt haben, ist völlig enttäuschend."

Widersprüchliche Aussagen zur Fitness

Nur einen Tag nach dem 5:1 in der ersten K.-o.-Runde gegen Frankreich waren die vor allem in der Spitze des Kaders nicht besser besetzten Slowaken effektiver. Zudem leistete sich die DEB-Auswahl heftige individuelle Fehler in der Defensive. "Tempo hängt auch ein bisschen mit dem physischen Zustand zusammen. Wir spielen ein zweites Spiel innerhalb von nicht mal 24 Stunden, die Slowaken hatten drei Tage frei", sagte Bundestrainer Harold Kreis. DEB-Sportvorstand Christian Künast meinte ebenfalls: "Wenn man das Spiel nur heute nimmt, hat uns etwas die Frische gefehlt."

Interessanterweise widersprachen die Spieler an dem Punkt. "Das darf keine Ausrede sein", sagte etwa Seider entschieden. Zudem hatte sich die Slowakei als Gruppensieger selbst in die Position gebracht, ausgeruht ins Viertelfinale zu gehen. Für das hochgelobte deutsche Team war dagegen schon die Vorrunde mit dem bitteren 3:4 gegen Lettland ziemlich verkorkst. "Wir hätten schon gerne besser gespielt, haben aber nie so richtig zu unserem Spiel gefunden", sagte Draisaitl. "Manchmal finden sich Mannschaften schneller. Manchmal dauert es eben etwas länger. Bei uns hat es etwas zu lange gedauert, um unsere Identität zu finden."

Viel zu sehr schien das Offensivspiel auf Draisaitls und Stützles Fähigkeiten ausgerichtet zu sein. Ausnahmekönner Draisaitl erhielt auch gegen die Slowaken wieder knapp 30 Minuten Eiszeit. Dass am Ende die Frische fehlte, wie Kreis anmerkte, schien somit zusätzlich selbst verschuldet zu sein. "Die Frage ist vielleicht berechtigt, ob ich die zu viel eingesetzt habe", bekannte der Coach, dessen Vertrag bereits vor Olympia bis zur Heim-WM 2027 verlängert worden war. Dennoch wird sich auch Kreis bei der nun folgenden Analyse kritische Fragen stellen lassen müssen. "Man hätte das Potenzial gehabt, sich hier besser zu verkaufen. Das ist uns leider nicht gelungen", sagte Abwehrroutinier Moritz Müller von den Kölner Haien, der wegen der NHL-Stars Draisaitl, Stützle und Seider diesmal nicht zum Kreis der drei Kapitäne gehörte. Was augenscheinlich der Teamchemie nicht förderlich war.

Alles wird nun hinterfragt

Nach dem ersten Frust soll nun alles auf den Prüfstand kommen. Der DEB wird sich dabei auch mit taktischen Entscheidungen von Kreis befassen. "Wir werden alles genau anschauen", sagte Sportdirektor Künast: "Wir wollten natürlich mehr und wir hätten uns gefreut, wenn es weitergegangen wäre." Ein Thema dürfte eben die Eiszeitverteilung während der fünf Spiele in Mailand werden. Draisaitl, Stützle und Peterka trugen eine Hauptlast.

Man habe durch die Reihenzusammenstellung auf dem Eis den Eindruck gewinnen können, dass der Fokus auf den Top-Stars gelegen habe. Die besten Spieler müssten zwar die meiste Eiszeit erhalten, "und das wurde versucht. Dass es am Ende vielleicht doch die ein oder andere Sekunde zu viel war, das kann man schon diskutieren, absolut", sagte Künast.

Kreis akzeptierte die Kritik. "Die Frage ist vielleicht berechtigt, ob ich sie zu viel eingesetzt habe", sagte Kreis: "Aber dass alle die gleiche Eiszeit bekommen, das wird es nicht geben." Künast versicherte, dass das Team dennoch eine Gruppe gebildet habe, "die zusammen an einem Strang gezogen hat". Als Verband habe man das Ziel, mit dem Männer- sowie dem Frauenteam ins Viertelfinale zu kommen, erreicht. Man dürfe aber auch nicht sagen, "dass wir alles richtig gemacht haben", sagte Künast.

Quelle: ntv.de, tno/dpa/sid

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