"Hoffentlich verliert er"Trans-Mann schreibt olympische Geschichte

Mit der Medaillenvergabe wird Elis Lundholm bei den Olympischen Winterspielen in Mailand und Cortina d'Ampezzo nichts zu tun haben. Dennoch werden am Nachmittag alle Augen auf den Schweden gerichtet sein.
Elis Lundholm ist im internationalen Skizirkus eher eine Randnotiz, für den Schweden steht im Buckelpisten-Weltcup als Bestleistung ein 18. Platz in der Statistik. Das ist in der Welt, in der es um am höchsten, am weitesten oder am schnellsten geht, kaum der Rede wert. Doch mit seinem Start bei den Olympischen Spielen schreibt Lundholm olympische Geschichte: Der 24-Jährige ist der erste offen trans lebende Athlet, der bei Olympischen Winterspielen an den Start geht - im Wettbewerb der Frauen.
Lundholm wurde als Frau geboren, identifiziert sich allerdings seit frühester Jugend als Mann. "Es fällt mir schwer, Außenstehenden mein Empfinden zu erklären, aber innerlich fühle ich mich wie ein Mann. Körperlich habe ich keinerlei Vorteile gegenüber meinen Konkurrentinnen", erklärte der Skifahrer vor seinem Olympiastart der schwedischen Zeitung "Aftonbladet".
"Ich kann mich glücklich schätzen"
Weil er sich bislang keiner geschlechtsangleichenden Behandlung unterzogen und auch juristisch sein Geschlecht nicht gewechselt hat, gibt es um seine Teilnahme an den Frauen-Wettbewerben keine nennenswerten Diskussionen - zumindest nicht innerhalb von Verbänden oder unter den Konkurrentinnen. Nach seinem Outing vor fünf Jahren sei er "gut behandelt" worden, "ich kann mich glücklich schätzen." Er wisse aber auch, dass es vor Ort Reaktionen auf ihn geben könnte. "Natürlich höre ich die Stimmen da draußen. Aber ich mache einfach mein Ding."
Lundholms historischer olympische Moment scheint den einen oder anderen zu überfordern: So ließ sich der konservative X-Account "The American Girl" von seiner offensichtlichen Ahnungslosigkeit nicht von einem transphoben Kommentar abhalten: "In Schweden gibt es einen psychisch kranken MANN namens Elis Lundholm, der glaubt, er sei eine Frau, die im Buckelpistenfahren antritt. Hoffentlich verliert er", schrie der Betreiber seinen Followern entgegen.
"Eher eine Vorsichtsmaßnahme"
Man müsse wohl während der Wettbewerbe die sozialen Medien ignorieren, um sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können, sagte Lundholm. Das Internationale Olympische Komitee setzt eine Künstliche Intelligenz ein, um Athletinnen und Athleten vor Hassnachrichten im Internet so gut es geht zu schützen.
Am Tage seiner Nominierung habe er sein Instagram-Konto vorerst geschlossen, berichtete Lundholm "Aftonbladet". "Das lag eigentlich nicht daran, dass es viele Kommentare gegeben hätte. Es war eher eine Vorsichtsmaßnahme, als es zu einer so großen Nachricht wurde", sagte der Physik-Student, der sich seinen Platz im Olympiateam im Januar in einer internen Ausscheidung erobert hatte. Inzwischen ist der Account wieder geöffnet. "Es gab hier und da ein paar böse Kommentare, aber meistens habe ich sehr viele nette Kommentare bekommen. Ich habe viel Liebe und Unterstützung erfahren."
"Ich freue mich so"
Robert Hansson, Cheftrainer des schwedischen Buckelpistenteams, freut sich über die Akzeptanz, die seinem Athleten entgegengebracht wird: "In unserem Sport war es unglaublich einfach. Ich freue mich so, wenn ich sehe, wie junge Fahrer damit umgehen. Natürlich gab es Fragen, aber man hat es erklärt und dann hieß es sofort: 'Okay, ich verstehe'", sagte Hansson. Das Internationale Olympische Komitee betonte: "Elis Lundholm tritt in der Frauenkategorie an, was dem Geschlecht dieser Athletin entspricht."
In der schwedischen Delegation gibt es keinerlei Zweifel, dass Lundholm auch als Mann Teil des Frauenteams ist. "Elis' juristisches Geschlecht ist weiblich, aber er identifiziert sich als Junge, also wenden wir als Pronomen er/ihn an", sagte Fredrik Joulamo, Chef des Nationalen Olympischen Komitees Schwedens, "Aftonbladet": "Es ist wichtig, dass es im Sport Platz für alle gibt und dass es fair ist. Elis hat die Voraussetzungen erfüllt, um für Schweden nach Italien zu reisen, und wir hoffen, dass Elis auch in Zukunft für Schweden bei Olympischen Spielen antreten wird."
Mit der Entscheidung auf der Buckelpiste von Livigno wird Elis Lundholm am Nachmittag nichts zu tun haben. Geschichte schreiben wird er trotzdem.