Olympia

Haiti bei den WinterspielenAls der Letzte ins Ziel kommt, toben die Fans so richtig

10.02.2026, 11:10 Uhr Bild-AnjaVon Anja Rau
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Stevenson Savart hat keine Chance, also nutzt er sie. (Foto: picture alliance / Xinhua News Agency)

Sein Land ist vom Bürgerkrieg zerrüttet, er arbeitet als Lehrer und ist der erste Skilangläufer bei Olympischen Winterspielen für Haiti. Stevenson Savart schreibt Geschichte und die Fans feiern ihn als Helden. Die Aufmerksamkeit will der 25-Jährige nicht nur für sich nutzen.

Stevenson Savart hat keine Chance. Wieder nicht. Bei den Olympischen Winterspielen fährt der Langläufer hinterher. Weit hinterher. Und doch jubeln die Zuschauer im Skilanglauf-Stadion von Tesero für den 25-Jährigen. In der Qualifikation für den Sprint genauso wie zwei Tage zuvor beim Skiathlon.

Für die Zuschauer ist Savart ein Sieger. Obwohl der neue Olympiasieger im Skiathlon über 20 Kilometer 10:41,8 Minuten schneller war als er. Johannes Hoesflot Klaebo ist es - natürlich. Für den Norweger soll es nur der Auftakt sein in goldglänzende Olympische Winterspiele. Er will Gold, überall, wo er antritt. Auch im Sprint hat er die schnellste Qualifikationszeit hingelegt, er ist auch der Olympiasieger von 2022 in Peking.

Das ist zweifelsohne beeindruckend. Eine Zuschreibung, die aber genauso für Savart gilt. Den Mann aus Haiti. Er ist der erste Langläufer, der für den Karibikstaat an Olympischen Spielen teilnimmt. Vor zwei Jahren war er als erstes bei einer nordischen Ski-Weltmeisterschaft. Während er sich die letzten Meter in Tesero nach den 20 Kilometern im Skiathlon ins Ziel quält, war Klaebo durchgesprintet. Die beiden trennen Welten. Und doch ist Savart ein Sieger, der das olympische Motto "Dabei sein ist alles" perfekt verkörpert.

Im Sprint müssen alle durch eine Qualifikation, nur die besten 30 ziehen ins Viertelfinale ein. Savart ist chancenlos, belegt Rang 82. 33,55 Sekunden benötigt er länger als Klaebo. Die beiden laufen in verschiedenen Welten.

Als Letzter im Ziel, aber nicht Letzter in der Wertung

Und dennoch: "Ich bin sehr glücklich, mein Rennen beendet zu haben. Ein Traum ist in Erfüllung gegangen", sagt Savart der "Süddeutschen Zeitung" nach dem Skiathlon. Savart ist nämlich zwar als 64. und Letzter ins Ziel gekommen, aber er hat mehrere Teilnehmer hinter sich lassen können. Zwei Athleten haben das Rennen nicht beendet, neun wurden überrundet und mussten damit laut Regeln aus dem Rennen aussteigen. Es ist also absolut ein Erfolg, dass Savart mit einer tiefen Verbeugung über die Ziellinie fahren kann. Auch im Sprint brauchen zwölf Teilnehmer noch mehr Zeit als er.

Das bringt der Olympia-Dienstag - 10. Februar

Langlauf: Sprint klassisch der Frauen, ab 09.15 Uhr - mit Laura GImmler, Coletta Rydzek, Katherine Sauerbrey und Sofie Krehl

Langlauf: Sprint klassisch der Männer, ab 09.57 Uhr - mit Jan Stölben und Janosch Brugger

Ski alpin: Team-Kombination der Frauen, 10.30 und 14.00 Uhr - mit Kira Weidle-Winkelmann und Emma Aicher

Ski Freestyle: Slopestyle der Männer, Finale 12.30 Uhr - ohne deutsche Beteiligung

Shorttrack: 2000-Meter-Staffel Mixed, Finale 13.03 Uhr - ohne deutsche Beteiligung

Biathlon: Einzel der Männer, 13.30 Uhr - mit Philipp Nawrath, Philipp Horn, David Zobel und Lucas Fratzscher

Rodeln: Einsitzer der Frauen, 3. und 4. Durchgang, ab 17.00 Uhr - mit Merle Fräbel, Julia Taubitz und Anna Berreiter

Curling: Mixed, Finale 18.05 Uhr - ohne deutsche Beteiligung

Skispringen: Team Mixed, ab 18.45 Uhr - mit Philipp Raimund, Felix Hoffmann, Agnes Reisch und Selina Freitag 

"Haiti ist der Ort, an dem ich geboren wurde. Ihn zu repräsentieren, macht mich stolz. Die Botschaft ist, dass alles möglich ist, für jeden Haitianer, wenn er das nur möchte", sagt er. Savart weiß, er ist ein Botschafter. Bei der Eröffnungsfeier trug er die Flagge seines Landes - es wäre auch niemand anderes in Predazzo vor Ort gewesen für Haiti. Savart hat nur einen Teamkollegen, Richardson Viano ist Alpin-Skifahrer und damit in Cortina d'Ampezzo untergebracht. Viano war 2022 der erste Haitianer überhaupt bei Winterspielen.

Er repräsentiert ein Land, in dem der Ausnahmezustand die Normalität ist. Nicht erst seit der Ermordung von Präsident Jovenel Moise im Juli 2021 ist das Land von Gewalt überzogen, doch seitdem sind die sehr fragilen staatlichen Strukturen erneut gänzlich zusammengebrochen. Banden füllen das entstandene Machtvakuum, Moises De-facto-Nachfolger Ariel Henry versuchte, das Land autoritär zu regieren, ließ keine Wahlen zu, musste aber im März 2024 zurücktreten. Die Situation im Land sei eine "unendliche Horrorgeschichte", heißt es vom Hohen Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte. Das Auswärtige Amt warnt Deutsche vor Reisen auf die Insel. Es gilt der Ausnahmezustand, es gibt Gefechte und Ganggewalt, so die Gründe. Daher hat auch die deutsche Botschaft ihren Besucherverkehr eingestellt.

Mit drei Jahren nach Frankreich zu Adoptiveltern

Savart ist aufgrund der schwierigen Lage schon mit drei Jahren nach Frankreich gekommen, wo er in seiner Adoptivfamilie in den Vogesen aufwuchs. Die Familie fuhr Ski, also lernte er es auch. Savart schafft es sogar in den Jugendkader des französischen Skiverbands, kann sich aber gegen die starken Konkurrenten nicht durchsetzen. Formal wechselt er also nach Haiti, wo mithilfe des Aufbauprogramms nach dem katastrophalen Erdbeben im Jahr 2010 ein Skiverband gegründet worden war.

Das IOC unterstützt Savart wie zahlreiche andere Athleten mit einem Stipendium. Ein Leben als Profisportler kann er sich nicht leisten, Platzierungen wie dieser 64. Rang bei Olympia lohnen sich finanziell nicht. So arbeitet er zusätzlich als Assistenzlehrer und hat das Glück, den Sportraum für sein Krafttraining nutzen und mit den Schülern gemeinsam auf die Loipe gehen zu können. Dank des Stipendiums kann er sich für seine vier Rennen bei diesen Olympischen Spielen 20 Paar Ski leisten. Es klingt viel, aber: "Wer die Gelegenheit hat, einen Blick in die Lkw der großen Nationen zu werfen: Dort stehen etwa 80 Paar pro Athlet."

Bei Savart ist alles kleiner, seine Geschichte erinnert an Cool Runnings, an die jamaikanischen Bobfahrer. Er kämpft nicht nur darum, ins Ziel zu kommen, sondern auch gegen das Belächelt werden. "Wir müssen ernst genommen werden. Das ist eines meiner Ziele."

Dafür bleiben ihm zwei weitere Wettkämpfe: das Rennen über zehn Kilometer am Freitag und der lange Riemen über 50 Kilometer am letzten Olympia-Samstag (22. Februar). Seinen größten Wunsch hat sich Savart in den ersten beiden Rennen schon erfüllt: "Ich möchte überall ankommen."

Quelle: ntv.de

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