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Olympia-Hype um Gentlemen-Sport"Wir sollten nicht so tun, als ob Curling nur heile Welt ist"

19.02.2026, 05:53 Uhr
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Olympischer Hype-Sport mit sieben Buchstaben: Curling. (Foto: AP)

Alle vier Jahre erlebt das Curling eine erstaunliche Olympia-Renaissance. In Cortina erreicht der Sport eine neue Dimension. Wie es um das deutsche Team steht und was der Bundestrainer mitnimmt, erklärt Uli Kapp im ntv.de-Interview.

Eine ständig gut gefüllte Halle, euphorische Zuschauer, Party wie beim Darts, ein Moonwalk-Eismacher und ein großer, aufsehenerregender Ausraster: Curling erlebt in den olympischen Tagen maximale Aufmerksamkeit. Die Sportart boomt, aber lässt sich das über Cortina hinaus konservieren? Und wie fällt die Bilanz über das Abschneiden des deutschen Teams aus, das vor dem letzten Spiel der Round Robin (Vorrunde) keine Chance mehr aufs Halbfinale hat? Darüber spricht Bundestrainer Uli Kapp im Interview.

Hallo Herr Kapp, ein Spiel hat das deutsche Curling-Team bei den Olympischen Spielen noch vor sich. Eine Chance aufs Halbfinale gibt es aber nicht mehr. Wie fällt das Fazit nach den heißen Tagen in Cortina aus?

Es ist schon eine Mischung aus Stolz und Zufriedenheit, auch wenn es einige Rückschläge gab. Die Jungs hatten richtig starke Spielmomente, etwa direkt im ersten Spiel gegen den Topfavoriten aus Kanada (Anmerk. d. Red.: 6:7-Niederlage) und haben tolle Siege gefeiert. Aber wir haben auch gesehen, dass uns die letzte Abgebrühtheit fehlt, die letzte Konstanz, um souveräner durch so ein enges Feld zu gehen. Stark ist auf jeden Fall, dass unsere jungen Kerle wie Benjamin Kapp, Felix Messenzehl und Johannes Scheuerl in der Weltspitze angekommen sind. Das wussten wir zwar vorher schon, aber dass man ihnen die Nervosität auf dem Eis so gar nicht anmerkt, das war schon beeindruckend.

Sie haben aber auch die Rückschläge angesprochen. Was fehlt denn noch, um die Favoriten konstanter zu ärgern?

Das haben wir zum Beispiel im Spiel gegen Tschechien gesehen (Anmerk. d. Red.: überraschende Niederlage gegen den sieglosen Letzten nach klarer Führung), aber auch schon in einigen Spielen zuvor. Da finden wir dann die vielen kleinen Abers. Da gab es einige Unzulänglichkeiten, kleine Fehler, als wir die Steine nicht sauber gespielt haben. Gegen Tschechien hat unser Skip Marc Muskatewitz dem Stein manchmal zu wenig Eis gegeben, den Curl unterschätzt, nachdem die Steine zuvor nochmal aggressiver geschliffen worden sind. Das sind so Fehler, die ein Spiel kosten, weil sie sich eben festsetzen. Das sind so Themen, die wir schon analysiert und angesprochen haben.

Nach dem Sieg gegen die Schweden sprach Marc Muskatewitz darüber, dass man über die eigene Kommunikation im Team gesprochen und Anpassungen mit mehr Augenkontakt und Fingerzeichen vorgenommen habe. Was war da los?

Die Kommunikation im Team ist eigentlich sehr gut, aber wir können da noch klarer sein. Gerade wenn es so laut ist. Damit uns sowas wie gegen Tschechien nicht nochmal passiert, wo man den Stein übercurlt und dann spielentscheidende Fehler macht.

Wie viel Strategie und wie viel Intuition stecken eigentlich in einem Curling-Spiel?

Wir werden immer gerne bezeichnet als Schach auf dem Eis. Ich mag den Vergleich eigentlich nicht so gerne. Klar, wir müssen auch Spielzüge vorausdenken, aber wir können die Figuren ja nicht ziehen wie auf dem Schachbrett. Sondern wir müssen die Steine setzen und da sind 40 Meter dazwischen. Und die Steine setzt man nicht so einfach, sondern da stecken sehr viele Unwägbarkeiten drin. Auch wenn die Bedingungen hier wirklich sehr gut sind. Es braucht sehr viel Technik, um den Stein zu setzen.

Und dann ist da das sogenannte Stonemanagement. Das heißt, wie ich den Stein begleite, wie ich ihn kontrolliere und wie die Kommandos gesetzt werden. Das ist wirklich entscheidend, denn die Präzision auf dem allerhöchsten Niveau bekommt man nur zu viert als Team hin. Da muss jedes Rädchen ineinandergreifen, damit man den Stein auf die nötigen Zentimeterchen, Milimeterchen bekommt. Eine weitere Sache kommt dann noch hinzu.

Welche?

Ich nenne es gerne die Spielkompetenz. Die bringt die Erfahrung mit sich. Da geht es darum, auch mal inituitiv den nächsten Call anzusagen. Auch mal das Spiel am Scoreboard, also am Punktestand, auszurichten. Das Risiko abzuwägen, was mir zum Beispiel ein spektakulärer Shot bringt oder was mir sonst passiert. Ich komme nochmal auf unser Spiel gegen Tschechien zurück, wo wir es zu genau spielen wollten und dann zu langsam waren. Das hat Tschechien drei Punkte gebracht. Aber aus solchen Szenen lernt man, wird mental stärker, was auch ganz wichtig ist. Ich muss ganz klar sein in der Birne, sonst kann ich auf dem Niveau nicht mithalten. Man hat das zum Beispiel bei unserem sonst sehr selbstbewussten Skip Marc Muskatewitz gesehen, der ungewohnte Fehler mit seinen Steinen gemacht hat. Es hat dann sein Setting nicht mehr gepasst. Das macht was dir. Du musst dann in der Lage sein, den Reset-Knopf zu drücken. Und er kann das ja. Gegen Schweden zuvor hat er ein phänomenales Spiel gemacht. Ich hoffe, er kann das im letzten Spiel gegen China nochmal so abrufen.

Ein großes Thema in diesen Tagen ist die außergewöhnliche Atmosphäre in Cortina. Ist die immense Lautstärke eher eine Belastung oder eher ein Push für die Sportler?

Ganz klar ein Push. Es ist wunderschön, hier vor dieser Kulisse zu spielen. Die Jungs und auch wir Trainer genießen das total. In der Halle und auch außen herum gibt es einen tollen Support. Es sind nicht nur Family und Friends da, sondern auch viele andere Sportbegeisterte. Es ist aber auch toll zu spüren, dass die Euphorie bis nach Deutschland reicht, dass wir so einen Zuspruch erfahren. Und auch in sozialen Medien bekommen wir ein richtig tolles Feedback. Das macht einfach Spaß.

Ein anderes großes Thema, das bei den Spielen sehr viel Raum einnimmt, ist der bizarre Streit zwischen Kanada und Schweden. Es wurde danach plötzlich sehr ruppig im "Gentlemen Sport". Verändert sich da gerade was?

Nein, das würde ich nicht so sehen. Der Fall wurde sehr hochgepusht. Ich fand das ja ganz amüsant, auch wenn die Wortwahl natürlich nicht so schön war. Aber ich finde es gut, da kommen Emotionen raus. Für mich war das aber eher ein Randthema. Im Grunde kommen wir alle ganz gut miteinander klar. Hier wurde mal was rausgegriffen, was in anderen Sportarten wahrscheinlich völlig normal ist. Da hieß es plötzlich, das darf's doch im Curling nicht geben. Aber das Ganze hat ja auch eine Vorgeschichte.

Erzählen Sie mehr, Herr Kapp!

Ich glaube, die Schweden haben es einfach mal drauf angelegt und wollten den unerlaubten "Double-Touch" der Kanadier auf die große Bühne heben. Das, was Marc Kennedy da gemacht hat, beziehungsweise seine Reaktion darauf, hätte er sicherlich besser machen können. Dass er so schroff und so beleidigend reagiert, damit hat er sich ja selbst am wenigsten einen Gefallen getan. Trotzdem ist es schwer, und das ist auch mein Kritikpunkt an World Curling, dass man auf dem Niveau Olympia nicht zwangsläufig davon ausgehen kann, dass alles immer so sauber läuft. Da sind auch andere Nationen involviert. Bei der letzten WM haben etwa die Chinesen die Steine "geburnt", also berührt, als der Stein noch lief. Mal unabsichtlich, aber mal auch absichtlich. Sie haben es danach nicht zugegeben, obwohl sie darauf angesprochen wurden. Und wenn das dann nicht "geruled" wird, dann hast du das als Gegner im Kopf und musst damit klarkommen. Das ist die Kehrseite des "Gentlemens Agreement", wenn sie von einer Seite nicht gelebt wird.

Ist das eine bislang ungeahte Dimension im Curling?

Nein, das gab es in der Vergangenheit auch schon.

Aber die Vorfälle haben sich doch schon gehäuft?

Naja, die Vorkommnisse bei Bobbie Lammie und Rachel Homan, denen die Steine rausgenommen wurden, das war keine Absicht. Das passiert. Das ist auch nicht weiter schlimm. Aber ja, es ist ein Regelverstoß und damit muss es geahndet werden. Da muss man kein großes Thema draus machen. Ich sehe also keine große Abkehr. Wenn wir uns unser Spiel gegen die Schweden anschauen, da hatten wir ja das Problem mit dem roten Licht am Stein und wir hätten den Stein vor der zweiten "Hogline" aufhalten müssen, damit er als nicht gespielt gewertet wird. Da haben die Schweden aber direkt gesagt, komm, jetzt spiel ihn nochmal. Da sieht man, dass der Sport den Spirit noch in sich hat. Aber es spielt nicht jeder im Gentlemen-Spiel mit.

Was auch auffällig war, wie emotional der Sport von manchen Spielern mit Gesten in Richtung der Zuschauer gepusht wurde. Eine gute Entwicklung?

Ja, das unterstreiche ich absolut. Ich war früher kein Fan davon, das kühle nordische Unterstatement zu leben, wo man alles hingenommen hat. Ich war selbst ein emotionaler Spieler, auf eine andere Weise. Aber ich finde es klasse, wenn die Italiener etwa ihre eigenen Zuschauer animiieren, oder ein Corey Dropkin im Mixed extrovertiert jubelt. Wir genießen es, wenn da Personality reinkommt. Es tut gut, wenn man da im Positiven wie im Negativen Aufmerksamkeit generiert und nicht so tut, als wenn unser Sport so clean und die heile Welt ist. Das ist es einfach nicht. Du willst gewinnen. Es steht zwar im Spirit of Curling geschrieben, dass du lieber verlierst, als unfair zu gewinnen, aber es sind auch nur Menschen. Kulturen sind auch unterschiedlich. Und am Ende muss sich jeder an die eigene Nase fassen und wenn er erwischt wird, wie Mark Kennedy, dann muss er mit den Reaktionen leben.

Wie lässt sich der Hype der Spiele denn in den Alltag transportieren?

Das ist quasi eine Lebensfrage von mir! Schon als ich selbst gespielt habe und 1998 und 2006 bei den Spielen selbst dabei war. 2002 hatten wir ja schonmal so einen kleinen Hype, da haben neun Millionen Zuschauer das Spiel Deutschland gegen die Schweiz geschaut. Die großen Zeitungen haben gefragt: "Guckst du auch Curling?" Aber wir brauchen nicht nur die Medien, sondern wir brauchen auch die Infrastruktur. Und das hat der Verband damals nicht gut genutzt. Es ist ein Hamsterrad, in dem wir uns bewegen. Hätten wir 2018 die Olympischen Spiele ausgetragen, hätten wir im Olympiapark in München eine tolle Curlinghalle bekommen. Da hätte man eine Co-Existenz von Breiten- und Leistungssport schaffen können. Das wäre ein Riesenschritt gewesen.

Was ist ihre Hoffnung?

Dass sich vielleicht ein Privatinvestor findet, der einen Multisportkomplexbereich baut, wo man klettern, schwimmen und curlen kann. Wir müssten damit natürlich auch in ein großes Einzugsgebiet gehen. Ins Ruhrgebiet, in den Berliner oder Frankfurter Raum. Das wäre mein Traum, vielleicht gelingt uns das ja eines Tages.

Mit Uli Kapp sprach Tobias Nordmann

Quelle: ntv.de

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