Sport
(Foto: REUTERS)
Mittwoch, 10. August 2016

Eine Geschichte für Hollywood: Yusra Mardini schwimmt von Syrien nach Rio

Von Vivian Kübler

Yusra Mardini schwimmt einen weiten Weg, von Syrien über Berlin nach Rio, vielleicht auch nach Hollywood. Ihre Geschichte bewegt, ihr Kampfgeist inspiriert. Trotz fehlender Olympia-Medaillen begeistert sie Millionen - und hat eine wichtige Botschaft.

Mit ihrer sportlichen Leistung besticht Yusra Mardini bei den Olympischen Spielen in Rio nicht. Eine Medaille? Völlige Utopie. Aber darum geht es auch nicht. Die Schwimmerin hat die Herzen der Zuschauer erobert. Jetzt hat sich sogar Hollywood gemeldet: Sie wollen einen Film über die 18 Jahre alte christliche Syrerin drehen. Yusra Mardini, die unter olympischer Flagge im Flüchtlingsteam antritt, bekommt die Aufmerksamkeit nicht ohne Grund. Sie hat eine unglaubliche Geschichte zu erzählen.

Yusra Mardini beim Schwimmtraining in Rio de Janeiro. Es bedeutet ihr viel dabei sein zu können.
Yusra Mardini beim Schwimmtraining in Rio de Janeiro. Es bedeutet ihr viel dabei sein zu können.(Foto: AP)

Im vergangenen Jahr dachte sie noch nicht einmal an Olympia. Zu sehr war sie damit beschäftigt, ihr eigenes Leben zu retten. Im August 2015 floh sie aus ihrem Heimatland Syrien. Sie überlebte, weil sie so gut schwimmen konnte. Das hatte sie bereits als Kind gelernt. Ihr Vater trainierte sie und ihre Schwester Sara, später traten sie für das Nationalteam ihres Landes an. Doch ihr Leben änderte sich schlagartig. Als sie 13 Jahre alt war, brach der Krieg aus. "Plötzlich konnte ich nicht mehr überall hingehen", erzählte Yusra, die am Stadtrand von Damaskus aufwuchs. Die Schule war manchmal tagelang geschlossen und "wenn jemand schießt, musste man eben rennen". Über den Krieg gesprochen wurde nicht viel. "Am Anfang schon, aber nach ein paar Jahren war es dann normal."

2012 wurde ihr Zuhause zerstört. Kurze Zeit später traf eine Bombe das Dach ihrer Schwimmhalle. Yusra reichte es, sie wollte weg. Vorbei war es mit der Einstellung "Wenn ich sterben sollte, dann sterbe ich eben." Im August vergangenen Jahres beschloss sie, mit ihrer älteren Schwester Sara Syrien zu verlassen und den gefährlichen Weg nach Europa anzutreten. Sie flohen in die Türkei, wofür ihr Vater jahrelang Geld gespart hatte. Von dort nahmen sie die klassische Flüchtlingsroute, die mit einem Boot nach Griechenland führen sollte. Vier Tage später wurden sie in das kleine Schlauchboot gesetzt - mit 18 weiteren Menschen. Eingefercht saßen sie dort, dann starb der Motor ab. Das erzählte sie der "New York Times". Anderen Berichten zufolge gabe es ein Leck. Diese Feinheiten sind aber nicht entscheidend, sondern vielmehr, dass das Boot zu sinken drohte.

"Wirklich? Werde ich im Wasser sterben?"

Trotz des harten Trainings hat es nicht für eine Medaille gereicht - aber das war auch nicht das Wichtigste.
Trotz des harten Trainings hat es nicht für eine Medaille gereicht - aber das war auch nicht das Wichtigste.(Foto: dpa)

Die Schwestern und zwei junge Männer waren die einzigen Insassen die schwimmen konnten. "Das ganze Boot hat gebetet", erinnert sich Yusra. Sie, ihre Schwester und die zwei Männer sprangen ins Wasser. Was dann genau geschah, ist unklar. Medien berichten von einer Heldentat, bei der die Schwestern das Boot über das Meer gezogen haben sollen. Das Salzwasser brannte auf der Haut und in den Augen, aber Yusra und Sara schwammen weiter - dreieinhalb Stunden lang, auch nachdem die beiden Männer bereits aufgegeben hatten. "Ich dachte nur: Wirklich? Ich bin Schwimmerin und werde am Ende im Wasser sterben?"

Aber sie gab nicht auf und hielt bis zur griechischen Insel Lesbos durch. Über die Balkanroute kamen die Schwestern schließlich nach Berlin. Glücklich, dass sie und ihre Schwester überlebt hatten, dachte Yusra zunächst nicht mehr ans Schwimmen. Als dann aber ein ägyptischer Mitarbeiter ihres Flüchtlingsheims den Kontakt zu den Wasserfreunden Spandau 04 herstellte, fand sie schnell einen neuen Verein und eine neue Heimat. Dort kam dann die große Überraschung. Zum ersten Mal startet unter olympischer Flagge ein Flüchtlingsteam - und ihr Trainer schickte sie ins Rennen. Ein Jahr nach ihrer Flucht aus Syrien, steht sie dann in der Olympiahalle in Rio de Janeiro. "Es war wirklich ein unbeschreibliches Gefühl, bei Olympia schwimmen zu dürfen. Und es ist cool die ganzen Champions zu sehen", sagte sie.

Yusras Geschichte erzählt von Gewalt, Trauer, Mut und neuer Hoffnung. Die zahlreichen Fans, die Yusra bereits auf der ganzen Welt hat, geben ihnen Recht. Ihr Weg rührt die Menschen auf der ganzen Welt: In den Social Media Kanälen Facebook und Instagram sprechen Tausende der Schwimmerin ihre Bewunderung und Unterstützung aus. Das ist Yusra wichtiger als eine Medaille. "Ich danke allen für die großartige Unterstützung und die vielen lieben Nachrichten", schreibt sie regelmäßig auf ihrer Facebook-Seite.

Der Wirbel um ihre Person ist groß. Sie genießt die Aufmerksamkeit aber auch ein wenig. Vor allem aber hat sie eine Botschaft: "Alle Menschen sollen ihre Träume leben." Die Syrerin schwimmt nicht nur für sich. "Manche von euch haben sie durch die große Not schon vergessen. Wir wollen euch Mut machen, eure Träume eines Tages zu verwirklichen." Eine Geschichte, wie gemacht für Hollywood.

Quelle: n-tv.de