Technik
Das Nokia 8 Sirocco ist das schönste Smartphone der Finnen.
Das Nokia 8 Sirocco ist das schönste Smartphone der Finnen.(Foto: jwa)
Samstag, 28. Juli 2018

Edel, teuer, nicht makellos: Das Nokia 8 Sirocco ist ein Schmuckstück

Von Johannes Wallat

Das Nokia 8 Sirocco ist das erste richtige Top-Modell der Finnen. Es spielt in einer Liga mit den besten Flaggschiffen der Konkurrenz und hat viel zu bieten. In manchen Punkten hängt es aber hinterher.

Nokias Android-Smartphones sind vor allem bekannt für ihr gutes Preis-Leistungsverhältnis und die aktuelle Android-Software. Gegen die teuren Flaggschiffe von Samsung, Huawei und Co. hatten die Finnen bisher nicht viel zu bieten - das Nokia 8 bot sich im vergangenen Jahr zwar als günstiges Top-Modell an, konnte den turmhohen Erwartungen aber nicht ganz gerecht werden. Jetzt ist das Nokia 8 Sirocco da, das erste richtige Top-Modell der Finnen. Mit seinem edlen und eigenständigen Design zeigt es Oberklasse-Ambitionen. Die schlagen sich aber auch im relativ hohen Preis nieder - und dem wird das Sirocco nicht vollends gerecht.

Messen mit den Besten

Technische Daten
  • System: Android 8.1.0
  • Display: 5,5 Zoll, pOLED, QHD
  • Prozessor: Qualcomm Snapdragon 835
  • Arbeitsspeicher: 6 GB
  • Interner Speicher: 128 GB
  • Dual-Kamera: 12 MP, f/1.7 / 13 MP, f/2.6
  • Frontkamera: 5 MP
  • LTE Cat. 12, WLAN ac, Bluetooth 5.0
  • IP67
  • Akku: 3260 mAh, Qi-fähig
  • Maße: 140,93 x 72,97 x 7,5 mm
  • Gewicht: k.A.

Beim Vorgänger, dem Nokia 8, konnte man noch gut ein Auge zudrücken: 579 Euro sollte es kosten, ein guter Preis für ein High-End-Gerät. Außerdem hatte HMD Global, die Firma hinter der Marke Nokia, noch einen gewissen Frischlings-Bonus. Beim Sirocco gelten andere Voraussetzungen: Das Smartphone kostet beim Hersteller 750 Euro, das ist auf Augenhöhe mit den Flaggschiffen der Konkurrenz, und das bedeutet, dass es sich an den Besten messen lassen muss.

Beim Design gelingt das auf Anhieb. Das Sirocco sieht toll aus und folgt einer eigenen Linie: Mit seinem 16:9-Display ist es recht breit, aber dafür kürzer als andere aktuelle Modelle. Das sieht gut und ansprechend aus, weil es irgendwie anders ist. Das Glas auf der Vorder- und Rückseite ist an den Seiten gebogen, ein schmaler Edelstahlrahmen fasst das Smartphone ein, ähnlich wie beim Galaxy S9. Das ist zwar schick, doch das Metall fühlt sich scharfkantiger an als bei Samsungs Flaggschiff und schmeichelt den Händen deshalb nicht immer.

In wichtigen Punkten leidet die Funktionalität aber etwas unter dem Design-Primat: Lautstärkewippe und Anschalter sind unscheinbar im schmalen Metallrahmen eingefügt, sodass man sie nicht immer auf Anhieb ertastet. Auch den Fingerabdrucksensor auf der Rückseite erwischt man nicht immer sofort, was nervig sein kann. Trotzdem: Das Nokia 8 Sirocco ist ein schickes Gerät und das bisher schönste Nokia-Smartphone.

Kleine Schwächen

Mit seinem breiten Korpus sieht das Nokia 8 Sirocco besonders aus.
Mit seinem breiten Korpus sieht das Nokia 8 Sirocco besonders aus.(Foto: jwa)

Beim Innenleben hängt das Sirocco etwas hinterher: Unter der Haube hat es mit 6 Gigabyte Arbeitsspeicher und 128 Gigabyte Flash-Speicher zwar reichlich Speicherkapazitäten. Doch beim Prozessor setzt Nokia wie beim Vorgängermodell auf den Snapdragon 835. Der ist zwar flott, aber eben aus dem Vorjahr. Möglicherweise sind die Finnen nicht rechtzeitig genug an den Snapdragon 845 gekommen, um ihn noch ins Sirocco einzubauen - das Smartphone wurde schon im Frühjahr auf dem Mobile World Congress vorgestellt.

Beim formschön gerundeten Display zeigt sich eine kleine, für Perfektionisten ärgerliche Schwäche: Der pOLED-Bildschirm ist superscharf und recht hell, hat aber bei schräger Betrachtung einen leichten Blaustich - ganz ähnlich wie das Google Pixel 2 XL mit seinem von LG gefertigten Display. Gut möglich, dass der Bildschirm des Sirocco aus derselben Produktion stammt. Ärgerlich ist das vor allem, weil der Blaustich an den abgerundeten Seiten, die man quasi immer aus schrägen Blickwinkeln betrachtet, bei Apps und Websites mit weißem Hintergrund permanent sichtbar ist.

Kamera nur gut

Wichtiger als der leichte Blaustich ist den meisten Nutzern aber wohl die Kamera. Das Sirocco ist hier eigentlich gut aufgestellt, die Dual-Kamera bietet einen optischen Zweifach-Zoom und die wichtigsten Funktionen, dazu verspricht das Zeiss-Branding Qualität. Wie schon beim ersten Nokia 8 können die Bilder den hohen Ansprüchen aber nicht ganz gerecht werden. Aufnahmen mit der Tele-Linse verwackeln aufgrund der relativ geringen Offenblende f/2.6 auch bei Tageslicht recht schnell, der Live-Bokeh-Modus arbeitet ungenau und erkennt Vorder- und Hintergrund nicht immer zuverlässig, im Test versagte die Unschärfe-Vorschau bisweilen.

Immerhin: Die Frontkamera macht ordentliche Fotos und die App ist übersichtlich und aufgeräumt - die HDR-Automatik lässt sich im Sucherbild ein- und ausschalten, und mit einem Wisch über den Auslöser wechselt man zwischen Profi- und Automatikmodus. Doch mit seinen wenigen Software-Extras und den durchwachsenen Aufnahmeergebnissen kommt das Sirocco nicht an Fotoprofis wie das Huawei P20 oder Samsungs Galaxy S9 heran. Die genannten Schwächen sind höchstwahrscheinlich auf schlecht optimierte Software zurückzuführen - das ist ärgerlich, bedeutet aber auch, dass Nokia mit den richtigen Updates hier noch nachbessern kann. Ob und wann das passiert, ist natürlich unklar.

Das Nokia 8 Sirocco hat mit seinen Stärken und Schwächen ein entscheidendes Problem: Es ist ein gutes, aber eben kein sehr gutes Smartphone. Bei einem Preis von 750 Euro muss aber alles stimmen, um die Käufer zu überzeugen. Immerhin bleiben Finnen-Flaggschiff zwei große Vorteile: Das tolle und eigenständige Design und die schlanke und topaktuelle Android-Software. Weil das Sirocco am Android-One-Programm teilnimmt, bekommt es garantiert zwei Jahre lang die neueste Android-Software und ein weiteres Jahr lang alle Sicherheits-Updates. Mit diesem Pfund können Samsung, Huawei und Co. nicht wuchern. Ob das reicht, muss jeder für sich entscheiden.  

Quelle: n-tv.de