Technik

Das Ende einer Ära? Die MP3 ist noch lange nicht tot

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Überall Musik hören: MP3 hat unser Leben verändert. Ist das Format jetzt obsolet?

imago/Science Photo Library

Die Meldung vom Ende der MP3 geistert durch die Medien. Der Komprimierungs-Standard hat beeinflusst, wie wir Musik hören. Jetzt läuft das Lizenzprogramm aus. Doch von einem Ende kann noch lange keine Rede sein.

Wenn etwas mit so viel Enthusiasmus tot geschrieben wird wie die MP3, müssen starke Emotionen im Spiel sein. Tatsächlich dürfte wohl keine andere Technologie aus der Musikwelt die Gemüter in den letzten 20 Jahren so gespalten haben wie der weit verbreitete Komprimierungsstandard. MP3 hat die Art verändert, wie wir Musik hören. Und es hat Apples iPod auf den Weg gebracht und dem Konzern damit bei seinem Aufstieg als zeitweise wertvollstes Unternehmen der Welt geholfen. Ist es jetzt wirklich an der Zeit, das Format zu Grabe zu tragen?

Karlheinz Brandenburg, einer der Erfinder des Komprimierungs-Standards, der die Musikindustrie umkrempeln sollte, widerspricht heftig. Im Interview mit dem österreichischen Portal "Futurezone" betont er: "MP3 ist nicht tot - ganz im Gegenteil. Es ist und bleibt das am weitesten verbreitete Format für digitale Musik, das von praktisch jedem portablen Gerät abgespielt werden kann."

Lizenzprogramm ausgelaufen

Woher aber kommen die Grabgesänge, die plötzlich allerorten auftauchen? Hintergrund ist das Ende der Lizenzierung. Das Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen (IIS), das den Standard entwickelt hat, lässt das von Technicolor verwaltete Lizenzprogramm auslaufen. Das bedeutet, dass keine Gebühren mehr anfallen, um den Standard zu nutzen. Und dass die Technologie nicht weiterentwickelt wird. Doch das Ende der Lizenzierung kommt weniger plötzlich, als es den Anschein erweckt: In Europa ist MP3 bereits seit 2012 patentfrei, das letzte noch gültige Patent lief in den USA am 23. April ab, klärt "Heise" auf. 

Dass es nun nichts mehr kostet, den Standard zu nutzen, bedeutet nicht automatisch, dass die MP3 untergehen wird. Tatsächlich ist das Format aber nicht unumstritten. Musikliebhaber werden nicht müde, den hörbaren Qualitätsverlust auch bei Komprimierungen mit hoher Datenrate zu beklagen. Seelenlos, flach und kühl klinge MP3-Musik, besonders im Vergleich mit dem warmen, organischen analogen Klang von Vinyl. Sicher ist auch das ein Grund für das Comeback der Vinyl-Schallplatte.

Falsche Annahmen aus der Psychoakustik

*Datenschutz

Dabei stand bei der Entwicklung des Formats das menschliche Hören im Mittelpunkt. Ausgangspunkt für die Art der Komprimierung, die übrigens zum ersten Mal beim Song "Tom's Diner" von Suzanne Vega eingesetzt wurde, war eine pragmatische Idee: Was der Mensch ohnehin nicht hört, kann weg. Mitentwickler Jürgen Herre erklärt gegenüber "t3n": "Die Teile der Musik, die für den Menschen besonders gut hörbar sind, werden auch besonders genau dargestellt. Weniger gut hörbare Anteile werden weniger genau abgebildet, unhörbare Informationen können ignoriert werden".

Inzwischen ist aber klar: Die Arbeit der Forscher basierte damals auf ungenauen und unvollständigen Erkenntnissen aus der Psychoakustik - darüber, wie unser Gehirn akustische Informationen verarbeitet. Demnach wurde auch die MP3 aufgrund von falschen Annahmen entwickelt. 

Macht MP3 schlechte Laune?

Wissenschaftler fanden 2016 heraus, dass die Art der Komprimierung von Audiodateien ins MP3-Format die Klangfarbe von Instrumenten so verändere, dass Hörer damit verstärkt neutrale und negative emotionale Eigenschaften assoziieren. Am stärksten war der Effekt bei der Trompete zu beobachten, am schwächsten ausgeprägt war er beim Horn.

Für ihre im Dezember 2016 veröffentlichte Studie spielten die Forscher den Probanden einige unkomprimierte sowie in verschiedenen Bitraten komprimierte Musikstücke vor und baten um eine Bewertung des Gehörten in 10 emotionalen Kategorien. Das Ergebnis: Die MP3-Komprimierung verstärkt negative Emotionen wie "geheimnisvoll", "schüchtern", "beängstigend" und "traurig", während positive Emotionen wie "glücklich", "heldenhaft", "romantisch", "komisch" und "ruhig" geschwächt werden.  

AAC ist besser

Vor diesem Hintergrund erscheint es tatsächlich an der Zeit, die MP3 zu Grabe zu tragen. Neue Formate wie die Komprimierungsstandards AAC ("Advanced Audio Coding") oder Ogg Vorbis gelten als effektiver und gleichzeitig sparsamer. AAC wurde ebenfalls am Fraunhofer Institut entwickelt und wird von Apple schon seit dem Start von iTunes im Jahr 2003 verwendet. Streaming-Dienste wie Deezer oder Tidal bieten ihren Kunden gegen Aufpreis Streaming von hochaufgelösten Audio-Dateien, Spotify hat angeblich ähnliche Pläne. Das Fraunhofer IIS betont in einer Mitteilung dazu, dass moderne Mediendienste für Streaming-, TV- oder Radio-Übertragungen ohnehin moderne ISO-MPEG-Codecs wie die AAC-Familie oder künftig MPEG-H nutzen. Diese Standards böten mehr Funktionen und eine höhere Audio-Qualität bei niedrigerer Bitrate.

Trotzdem: Dass AAC und andere Technologien die MP3 komplett ablösen werden und dass Gerätehersteller das Format in Kürze nicht mehr unterstützen werden, glaubt Brandenburg nicht. Im Gegenteil: Wenn es nichts mehr kostet, warum sollte man sich davon abwenden? Brandenburg geht deshalb davon aus, "dass sich für Konsumenten gar nichts ändert".

Quelle: n-tv.de

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