Technik

Deutsche Klangkünstler Grell TWS/1 sind sehr spezielle Ohrhörer

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Die Grell TWS/1 auf ihrem Ladecase.

(Foto: kwe)

Der ehemalige Sennheiser-Ingenieur Axel Grell stellt seine ersten in Eigenregie entwickelten kabellosen Ohrhörer vor. Die Grell TWS/1 überzeugen im Test mit einem famosen Klang und edlem Design, nur die Touch-Steuerung ist gewöhnungsbedürftig..

Kurz nachdem Sennheiser im Frühjahr seine Kopfhörer-Sparte an die Schweizer Firma Sonova verkauft hatte, stellte im Herbst Axel Grell, der ehemalige Chefentwickler des renommierten deutschen Herstellers, die ersten Ohrhörer seines neu gegründeten Unternehmens vor. Auf der Website von Grell Audio heißt es, der Ingenieur habe "über 30 Jahre lang Kopfhörer entwickelt, die mit überragendem Sound begeistern - bisweilen mit wenig oder gar keiner Rücksicht auf Kosten. Immer aber mit der Mission, einen noch klareren und transparenteren Klang zu kreieren." Grell legt die Messlatte also sehr hoch. Umso gespannter war ntv.de, die Grell TWS/1 für einen Praxistest einzustöpseln.

Hochwertige Verarbeitung

Der erste Eindruck war schon mal vielversprechend. Die Ohrhörer stecken in einem mit Aluminium verkleideten Case, das sehr hochwertig wirkt. Mit fast 75 Gramm ist es allerdings recht schwer und mit 6,5 x 3,5 x 4 Zentimeter auch relativ groß.

Die nach IPX4 vor Spritzwasser geschützten Ohrhörer selbst sind mit je 7,3 Gramm Leichtgewichte, die man kaum spürt. Dass sie etwas Besonderes sind, erkennt man schon an ihrem außergewöhnlichen Design mit einer großen Scheibe als Außenfläche. Aus ihr entwächst eine nach unten gerichtete Stummelantenne, wodurch der Eindruck entsteht, es handele sich um eine Art Drehregler.

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Die Touch-Steuerung ist leider misslungen.

(Foto: Grell Audio)

Die Technik ist allerdings viel moderner. Denn die silbern eingerahmten Außenseiten sind Touchflächen, über die die Grell TWS/1 gesteuert werden. Das ist im Prinzip clever gelöst. Die linke Seite dient dazu über kurze oder längere Tipper zwischen Geräuschunterdrückung und Transparenzmodus zu wechseln. Ein Tipper nimmt einen Anruf an, zwei lehnen ihn ab, durch Wischen springt man einen Song vor oder zurück. Über die rechte Touchfläche pausiert und startet man die Wiedergabe oder ruft den digitalen Assistenten auf.

Unzuverlässige Touch-Steuerung [Update]

So kommen zwar recht viele Gesten zusammen, die man sich merken muss, aber das ist nur eine Frage der Zeit. Äußerst nervig ist allerdings, dass die Touchflächen Kommandos nicht zuverlässig erkennen. Das betrifft speziell die Tipp-Gesten, bei denen man eigentlich nur aus Zufall das gewünschte Ergebnis erzielen kann.

Offenbar besteht das Problem darin, dass die Unterscheidung zwischen einem kurzen Tipper und ein oder drei Sekunden langen Berührungen die Elektronik überfordert. Man könnte stattdessen die App zur Steuerung nehmen - wenn es denn eine gäbe. Grell Audio bietet keine passende Anwendung und so ist man den zickigen Touchflächen hilflos ausgeliefert. Die mangelhafte Touch-Steuerung ist kein Einzelfall, andere Tester berichten ebenfalls darüber.

[Update 25.01.2022] Eine Firmware-Aktualisierung hat die Probleme grundsätzlich behoben.Die Steuerung bleibt zwar etwas fummelig, aber man kann sich daran gewöhnen.

Hervorragender Klang

Die Grell TWS/1 klingen fantastisch. Man hört ihnen wahrhaft an, dass sie von Axel Grell stammen. Mit 6 Hertz bis 22 Kilohertz decken sie einen Frequenzgang ab, den kaum ein menschliches Ohr wahrnehmen kann. Das mag übertrieben sein, doch das Resultat sind unter anderem beeindruckende Bässe, die in Tiefen vordringen, die sonst nur Bügel-Kopfhörer erreichen.

Die Mitten sind breit aufgestellt, sehr präzise und ausdifferenziert. Dazu kommen glasklare Höhen, die so fein ziseliert sind, dass man in manchen Songs Details entdeckt, die man vorher nicht gehört hat. Insgesamt liefern die Ohrhörer ein herrlich luftiges, neutrales Klangbild - so wie man es bereits von den besten Sennheiser-Kopfhörern kennt.

Eine zugehörige Grell-Audio-App gibt es nicht, wie bereits erwähnt. Aber es besteht die Möglichkeit, über die Anwendung SoundID den Klang an das eigene Gehör anzupassen. Das verfeinert unter Umständen den Klanggenuss.

Nicht alle Aufsätze passen

Einen größeren Einfluss auf die Hörqualität hat aber die Auswahl der richtigen Aufsätze. Hier bietet Grell Audio eine vorbildlich große Auswahl, es sollte für jeden Nutzer ein passendes Paar zu finden sein. Allerdings hat man bei den größten Aufsätzen das Problem, dass die Ohrhörer ins Case gedrückt werden müssen. Tut man dies nicht, haben sie unter Umständen keinen Kontakt zu den Ladepins und tanken keinen Strom. So oder so spielen die Grell TWS/1 munter weiter, bis man den Deckel der Box schließt, denn sie haben keine Trageerkennung, die die Wiedergabe automatisch unterbricht, wenn man sie aus dem Ohr nimmt.

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Solange der Deckel geöffnet bleibt, stoppen die Ohrhörer die Wiedergabe nicht.

(Foto: kwe)

Damit es bei der Bluetooth-Übertragung (5.2) zu möglichst wenig Verlusten kommt, unterstützen die Grell TWS/1 die höher auflösenden Codecs aptX, AAC und LHDC. Die Funk-Verbindung ist dabei auch über größere Distanzen stabil und bei Videos synchron.

Sehr gute Geräuschunterdrückung

Die aktive Geräuschunterdrückung (ANC) arbeitet sehr gut und gehört zum Besten, was man bei Ohrhörern derzeit geboten bekommt. Zug- oder Verkehrsrauschen wird deutlich reduziert, auch Bürogeräusche dämpfen die Ohrhörer effektiv.

Hinzu kommt eine Grell-eigene Technik namens Noise Annoyance Reduction (NAR), die über eine Anpassung an die Umgebungsgeräusche unerwünschte ANC-Nebeneffekte verhindern soll. Der Effekt ist kaum wahrnehmbar, aber in Situationen mit Lärm aus vielen verschiedenen Quellen - wie auf einem Weihnachtsmarkt mit Achterbahn, Kettenkarussell und Schaubuden - scheint die Technik einen kleinen Unterschied zu machen.

Auch wenn sie gut funktioniert, sollte man die Geräuschunterdrückung nur verwenden, wenn sie notwendig ist. Denn ANC führt zu einer hörbar stärkeren Betonung der Bässe.

Kauftipp für Audiophile

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Die Ausdauer der Ohrhörer ist mit bis zu sechs Stunden bei aktiviertem ANC durchaus ausreichend. Man sollte sich aber nicht allzu sehr auf die Reserven der Transportbox verlassen, da eine Schnelllade-Funktion fehlt.

Die im Direktvertrieb verkauften Grell TWS/1 sind mit ihrem superben Klang und dem effektiven ANC für relativ günstige 200 Euro vor allem für Audiophile ein Tipp. Wer es lieber unkompliziert mag, greift vielleicht besser zu anderen Ohrhörern, beispielsweise den 30 Euro teureren Technics EAH-AZ60.

Quelle: ntv.de

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