Technik

Deutsche Corona-Warn-App startet "Jede Installation hilft"

e9cc97c24e4db6df4767bd092c55361d.jpg

"Wer sie installiert, braucht keine Angst haben, ausspioniert zu werden", sagt Henning Tillmann.

(Foto: dpa)

Die Corona-Warn-App für Deutschland ist fertig und steht zur Installation bereit. Was die App besonders macht, warum ihre Entwicklung so lange gedauert hat und ob sie bedenkenlos installiert werden kann, erklärt Henning Tillmann, selbstständiger Softwareentwickler und Co-Vorsitzender des Digitalvereins D64, im Interview mit ntv.de.

ntv.de: Die Corona-Warn-App für Deutschland wurde ursprünglich schon für April angekündigt. Fertig ist sie erst jetzt. Kommt sie zu spät?

Henning Tillmann: Ausgehend von den Versprechungen, die im April gemacht wurden, ist das zu spät. Aber die waren auch nicht realistisch. Insgesamt betrachtet ist Mitte Juni sicher nicht zu spät. Denn das, was da jetzt gebaut wurde, ist alles andere als trivial. Es ist keine einfache Lösung. Bluetooth wird gewissermaßen zweckentfremdet, das passiert zum ersten Mal. So etwas zu entwickeln braucht Zeit, wenn es gut werden soll.

Was ist das Besondere daran, wie die Bluetooth-Technologie hier eingesetzt wird?

Bluetooth kann eigentlich keine Abstände messen, es dient zum Beispiel zur Verbindung mit Kopfhörern. Jeder kennt das: Wenn man sich zu weit vom Smartphone wegbewegt, wird das Signal schwächer, bis die Verbindung abbricht. Das will man hier nun nutzen. Man sagt: Wenn die Signalstärke bei 100 oder 80 Prozent ist, dann ist man relativ nah beieinander. Ist sie nur bei 20 Prozent, ist man wohl relativ weit voneinander entfernt.

Klingt erst mal nicht allzu kompliziert. Welche Probleme machen den Entwicklern zu schaffen?

Henning Tillmann.png

Henning Tillmann ist Software-Entwickler und Vorsitzender des Digitalvereins D64.

Da geht es vor allem um die Genauigkeit. Bluetooth funktioniert draußen, unter freiem Himmel deutlich besser. Da kann die Signalstärke sehr hoch sein, obwohl man fünf oder sechs Meter voneinander entfernt ist und kein Infektionsrisiko besteht. Ein Beispiel: Man sitzt auf einer Parkbank und auf der Bank auf der gegenüberliegenden Straßenseite sitzt auch jemand. Man kann sich eigentlich gar nicht infizieren, aber die Signalstärke kann hoch genug sein. Es kann sogar sein, dass dünne Wände nicht stark genug abschirmen und die Signalstärke zwischen zwei Räumen trotzdem gut ist, obwohl man gar keinen physischen Kontakt hat.

Spielt da auch die verbaute Hardware eine Rolle, also die technische Güte der Bluetooth-Komponenten?

Wieder was gelernt

Das Interview mit Henning Tillmann ist für unseren "Wieder was gelernt"-Podcast entstanden und gibt es auch zum Anhören. Die Ausgabe "Corona-App - besser spät als schlecht" finden Sie in der ntv-App, bei Audio Now, Apple Podcasts und Spotify. Für alle anderen Podcast-Apps können Sie den RSS-Feed verwenden. Kopieren Sie die Feed-URL und fügen Sie "Wieder was gelernt" zu Ihren Podcast-Abos hinzu.

Die Bluetooth-Komponenten sind sehr entscheidend für die Signalstärkemessung. Da gibt es deutliche Unterschiede zwischen teuren und günstigen Smartphones. Das muss auf der Ebene der Betriebssysteme richtig kalibriert und angepasst werden. Darum kümmern sich Google und Apple, und das ist auch gut so, denn die kennen ihre Geräte am besten. Eine hundertprozentige Genauigkeit wird es aber wohl nicht geben. Wie gut die Entfernungsmessung funktioniert, wird sich erst noch zeigen. Zum Glück ist die Bluetooth-Signalstärke aber nicht der einzige Faktor bei der Risikoberechnung. Dazu kommt noch die zeitliche Länge des Kontakts und der Infektionszeitpunkt der Kontaktperson.

Apple und Google spielen eine entscheidende Rolle in der App-Entwicklung. Erst ihre Programmierschnittstellen ermöglichen den Betrieb der App, so wie sie jetzt ist.

Genau. Corona-Apps in anderen Ländern funktionieren oft nicht wirklich gut. Zum Beispiel in Australien: Die iPhone-App muss permanent im Vordergrund laufen - das kann nicht vernünftig funktionieren. Das ist auch überhaupt nicht nutzerfreundlich. Das bedeutet zum Beispiel, dass man die App gar nicht schließen oder zu einer anderen App wechseln darf. Diese Beschränkungen haben erst die neu geschaffenen Schnittstellen von Google und Apple aufgehoben. Apps, die diese Schnittstellen nicht nutzen, können nur scheitern. Deshalb war es wichtig, darauf zu warten. Deutschland hat sich zwar erst spät, aber zum Glück für den richtigen Weg entschieden.

Der richtige Weg, das bedeutet auch, Nutzerdaten nur dezentral zu speichern. Warum ist dieser Ansatz so wichtig?

Es gibt drei gute Argumente dafür. Erstens der Datenschutz. Durch das dezentrale Matching wird sichergestellt, dass nicht so viele Daten auf einem Server liegen. Das zweite ist die Datensparsamkeit, auch im Sinne der Datensicherheit. Ein zentraler Server, auf dem alle Daten liegen, kann schnell zum Angriffsziel werden. Und das dritte Argument ist einfach die technische Praktikabilität. Nur mit Apples und Googles Schnittstellen kann das vernünftig funktionieren. Wenn man den zentralen Ansatz weiterverfolgt hätte, hätte man diese Schnittstellen nicht nutzen können. Man hätte auf einem anderen Weg auf Bluetooth zugreifen müssen, und dass das eben nicht funktioniert, sieht man ja in anderen Ländern.

Sind jetzt alle Datenschutz-Bedenken aus dem Weg geräumt?

Dass die App komplett Open-Source ist, ist richtig und wichtig. Jeder kann sich den Quellcode anschauen, das machen gerade auch viele Expertinnen und Experten. Diese Transparenz und diese Offenheit sind elementar wichtig, um Vertrauen zu schaffen. Aktuell würde ich sagen: Die App schadet nicht. Wer sie installiert, braucht keine Angst haben, ausspioniert zu werden.

Wie viele Menschen müssen die App installieren, damit sie auch etwas bringt?

Optimal wäre eine Nutzung von 60 Prozent der Bevölkerung oder mehr. Das ist natürlich sehr, sehr viel. Die App kann aber auch bei weniger Installationen hilfreich sein. Wenn sich zum Beispiel zehn Leute treffen, der Infizierte hat die App installiert und noch eine andere Person. Das kann schon helfen, Cluster zu entdecken. Jede Installation hilft.

Welche Hürden stehen einer massenhaften Installation im Weg?

Einerseits gibt es Falschinformationen, Warnungen vor dem Überwachungsstaat. Das kann man nur durch völlige Transparenz entkräften. Der zweite Punkt: Man muss selbst aktiv werden und die App installieren. Es wird sicher Werbekampagnen dafür geben. Es wird aber auch so sein, dass die Betriebssystemhersteller Apple und Google auf regionale Apps hinweisen werden mit einer Meldung: "Für Ihre Region liegt eine Corona-Tracking-App vor. Möchten Sie diese installieren?" Außerdem datieren beide die unterstützten Betriebssysteme zurück bis ins Jahr 2015. Wer ab 2015 ein Gerät gekauft hat, wird die App mit hoher Wahrscheinlichkeit installieren können.

Eine weitere Hürde ist die Mitwirkung der Nutzer. Infizierte müssen ihre Infektion selbst in die App eintragen.

Die App steht und fällt natürlich mit den Nutzerinnen und Nutzern. Aber diese Freiwilligkeit ist ganz wichtig für die Akzeptanz. Man muss mit Offenheit, mit Transparenz und auch mit Vertrauen arbeiten und klarstellen, dass niemand Nachteile erfährt, wenn er oder sie seine Infektion in der App angibt. Das ist aktuell auch sichergestellt. Man weiß natürlich nicht, was in der Praxis in den nächsten Wochen und Monaten kommt. Da muss man genau aufpassen und eventuell gegensteuern. Falls es sich anders entwickeln sollte, muss das unterbunden werden. Es geht nur mit absoluter Freiwilligkeit.

Fehlen wichtige Funktionen, die die App noch besser machen könnten?

Man muss abwägen. Es gibt sicher epidemiologische Gründe, mehr Daten zu erheben, etwa die GPS-Standortdaten, wie es in China gemacht wird. Das kann sicher helfen, aber die Frage ist: Wie hoch ist der Preis, den wir dafür zahlen wollen? Ich bin für den transparenten, offenen, datenschutzfreundlichen und datensparsamen Weg. Übrigens geht es aktuell auch gar nicht anders. Google und Apple sagen in ihren Richtlinien für die Corona-Tracking-Apps: Es darf immer nur eine App pro Land geben, und diese App darf nicht auf das Adressbuch zugreifen und keine GPS-Daten sammeln. Das ist gut so. Erlaubt ist nur der Austausch von Bluetooth-Kennungen, die aus zufällig generierten Zeichenfolgen bestehen.

Wenn alle die App installieren, können wir dann wieder zurück zum Alltag vor der Corona-Krise?

Das Tracing ist elementar im Kampf gegen die Pandemie, das Aufspüren von Infektionsclustern. Da kann die App helfen, aber wie sehr, das wird sich erst noch zeigen. Weil hier eine Technologie zweckentfremdet wird, kann keiner eine verlässliche Einschätzung geben. Wenn es über die App nicht funktioniert, brauchen wir mehr Personal in den Gesundheitsämtern. Aber dass automatisch alles entspannter wird, wenn die App erst mal da ist, stimmt nicht, da hat man den Leuten einen Floh ins Ohr gesetzt. Ich würde sagen: Wir sprechen im Spätsommer oder im Herbst noch einmal und können dann ein Zwischenfazit ziehen, wie gut das alles funktioniert. Schaden kann die App aber sicher nicht, wir sollten sie installieren und nutzen.

Mit Henning Tillmann sprach Johannes Wallat

Quelle: ntv.de