Technik

Mysteriöses Actionspiel im Test"Crimson Desert" ist ein All-you-can-eat-Buffet mit 500 Gerichten

18.03.2026, 23:00 Uhr WhatsApp-Image-2025-01-14-at-07-23-43Von Tobias Hauser
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Am Horizont der Spielwelt von "Crimson Desert" gibt es immer etwas, das wir uns sofort aus der Nähe anschauen wollen. (Foto: Pearl Abyss)

Je mehr die Öffentlichkeit über "Crimson Desert" erfuhr, desto lauter fragte sich das Internet: "Ist dieses Spiel wirklich echt?" Ja, ist es, können wir nach 60 Stunden Testzeit sagen. Und es ist riesig, fantastisch, anspruchsvoll und unfassbar frustrierend.

Es gibt diese Restaurants, bei denen fragt man sich: Gibt es eigentlich ein Gericht, das die nicht anbieten? Auf der Karte stehen Sushi, Pizza, Schnitzel, indische Gerichte, Nudeln, Burger, Suppen, Eintöpfe und Desserts. Wären Videospiele Restaurants, dann wäre "Crimson Desert" so eins.

Im Spiel des koreanischen Entwicklers Pearl Abyss dürfen wir Drachen reiten, mit Schwertern und Schilden kämpfen, mit Bögen und Gewehren aus der Distanz angreifen, Roboter bemannen, durch eine riesige Open World streifen, an einem Seil durch die Gegend schwingen, Holz hacken, Steine schlagen, Kochen, Gegner mit Wrestling-Moves ausschalten, Angeln, labern, auf magischen Krähenschwingen durch die Lüfte gleiten, ein Himmelsreich erkunden, ein Camp mit unseren Mitstreitern bauen und erweitern, Häuser einrichten, Tiere zähmen, auf Tieren reiten, Rätsel lösen, Obst anbauen und noch viel mehr.

Klingt ja alles schön und gut, könnte man meinen. Aber ist es bei diesen Restaurants nicht auch oft so, dass es zwar viel Auswahl gibt, aber das meiste eher mittelmäßig schmeckt? Genau diese Angst hat sich bei vielen Fans angesichts der überwältigenden Trailer für "Crimson Desert" eingeschlichen. Kann ein Spiel, das so viele Mechaniken und Ideen kombiniert, all das auch wirklich sinnvoll zu Ende denken? Ist dieses Spiel real oder verspricht es Dinge, die es nicht halten kann? Zeit, sich einmal alles von der Karte zu bestellen und diese Frage zu beantworten.

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Von weit oben gibt es alles Mögliche zu sehen - und was man sieht, kann man auch erkunden. (Foto: Pearl Abyss)

Eine offene Welt wie in "Zelda"

In "Crimson Desert" spielen wir Kliff, einen relativ charakterlosen Muskelmann, der Teil der Graumähnen ist. Diese Söldner-Truppe wird direkt in den ersten Minuten des Spiels von einer verfeindeten Truppe brutal auseinandergerissen. Kliff überlebt mithilfe einer himmlischen Intervention und macht sich daran, seine Crew wieder zusammenzubringen. Außerdem ist er irgendwie auch noch von einer höheren Macht auserwählt. Wer diese Beschreibung der Geschichte etwas vage und dürftig findet, der hat recht. Das liegt daran, dass die Story eben etwas vage und dürftig ist. Inhaltlich bleibt "Crimson Desert" inhaltlich trotz schöner Inszenierung eher simpel. Dazu später mehr.

Das Augenmerk von Entwickler Pearl Abyss liegt jedoch sowieso nicht auf der Story, sondern auf der Welt. Die ist von Minute eins die größte Stärke von "Crimson Desert". Kaum hat man den kurzen Prolog hinter sich, entfaltet sie ihren Sog. Die Formel, die einen bei der Stange hält, lässt sich leicht runterbrechen. Sie geht folgendermaßen: Was ist denn das da am Horizont? Das will ich sehen.

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Besonders viel Charakter zeigt Kliff nicht. (Foto: Pearl Abyss)

Das Tolle ist: Das ist auch immer möglich. Ihr seht eine Burg, einen Turm oder ein Banditenlager in der Ferne? Dann könnt ihr da auch hinreiten. Die Freude am Erkunden und diese Welt, die man mit den Augen und nicht mit einer Karte erforschen will, erinnern an "Zelda: Breath of the Wild". Von "Breath of the Wild" hat sich "Crimson Desert" auch das Ausdauer-System und die Möglichkeit, jeden noch so großen Felsen zu erklimmen, abgeschaut. Und Felsen und Berge gibt es jede Menge. Der Kontinent Pywel mit seinen fünf Gebieten ist eine Welt, die man wirklich bereisen will. Die Felder, Wälder und Wüsten, die wir bei unseren Erkundungstouren Richtung Horizont durchqueren, sehen nämlich auch noch unverschämt gut aus. Grafisch ist "Crimson Desert" eine Wucht. Bis auf ein paar Nachladefehler lief das Spiel am PC auch einwandfrei. Zur Konsolen-Version gab es keine Testcodes, erste Technik-Tests abzuwarten, könnte sich hier also lohnen.

So oder so steckt die steampunkig angehauchte Fantasy-Welt Pywel voller Leben. Wer durch die Gegend reitet, stößt auf interessante Völker, wie die kindlichen Shai, die in magischen Walddörfern leben. Außerdem gibt es überall Banditenlager, die man vernichten kann, Festungen, die es zu befreien gilt, und vor allem Rätsel, Rätsel, Rätsel.

Mal muss man im Memorystil Symbole verknüpfen, mal Stromleitungen verbinden oder in der richtigen Reihenfolge Glocken abschießen. Dabei nimmt das Spiel einen nicht an die Hand, eins und eins muss man selbst zusammenzählen. Die meisten Rätsel sind schwer genug, um ein Erfolgserlebnis zu liefern, aber nicht zu schwer. Hin und wieder gibt es aber Rätsel, die so mühsam und kleinlich designt sind, dass einem die Steuerung wieder und wieder einen Strich durch die Rechnung macht. Manchmal gibt einem das Spiel auch schlichtweg den Tipp für die notwendige neue Fähigkeit nicht. Das frustriert.

Auch bei den Rätseln erinnert "Crimson Desert" an "Breath of the Wild". Denn wer eines der unzähligen Puzzles löst, die in den Ruinen und Höhlen Pywels auf uns warten, wird meist mit einem Abyss Artefakt belohnt. Die brauchen wir, um neue Fähigkeiten zu lernen, unsere Ausrüstung zu leveln oder unsere Ausdauer- und Lebenspunkte zu verbessern. Erkunden wird nicht nur belohnt, es ist sogar notwendig, um unseren Kliff zu einem besseren Kämpfer zu machen. Das wird auch nach vielen Stunden nicht langweilig und macht die Sandbox von "Crimson Desert" zu einer der besten, die die Spieleindustrie je herausgebracht hat.

Anspruchsvolle Kämpfe à la "Dark Souls"

Artefakte zu sammeln und sich eine solide Lebensleiste aufzubauen, ist wichtig, denn die Kämpfe von "Crimson Desert" haben es in sich. Besonders bei den Bosskämpfen tummeln sich ein paar bockstarke Gegner, die Spielern keine Sekunde zum Durchatmen lassen und Lebensleisten zum Frühstück verspeisen. Verspeisen ist ein gutes Stichwort, da Essen auch der effektivste Weg ist, um die härteren Bosskämpfe zu überstehen. Mahlzeiten sind nämlich die Art und Weise, auf die wir Lebenspunkte wiederherstellen.

Da die Menge der gekochten Mahlzeiten, die wir dabeihaben können, nur vom Inventarlimit begrenzt ist, kann man sich die Kämpfe erleichtern, indem man zuvor eine Menge Essen kocht. Es ist durchaus schon vorgekommen, dass wir während eines kniffligen Kampfes 40 bis 50 Steaks gefuttert haben. Dass Kliff trotz der enormen Mengen an Essen noch so eine gute Figur macht, liegt wohl an seinem Stoffwechsel.

Dass das ganze Futtern notwendig ist, liegt auch daran, dass manche der Kämpfe wirklich frustrierend sind. "Crimson Desert" balanciert immer wieder auf der Grenze zwischen schwer und unfair. Manche Kämpfe fordern sehr viel. Wer das knappe Timing zum Blockieren oder Ausweichen verpasst, kriegt dann auch mal fünf, sechs oder sieben Schläge nacheinander ab, die die Lebensleiste ordentlich dezimieren. Die Kämpfe sind wegen der visuellen Effekte teilweise etwas unübersichtlich, so dass es schwer ist, die Angriffsmuster der Gegner zu lernen. Außerdem werden essenzielle Mechaniken in bestimmten Kämpfen, zumindest in der Testversion, oft gar nicht oder nur unzureichend vorgestellt.

Die frustrierenden Kämpfe lassen sich im Endeffekt jedoch aushalten, da das Kampfsystem von "Crimson Desert" wirklich Laune macht. Schläge fühlen sich wuchtig und effektiv an, bleiben dabei jedoch immer fluide und erlauben schnelle Reaktionen. Die vielfarbigen Partikeleffekte sind zwar manchmal überladen, machen die Prügeleien aber auch visuell ansprechend und geben einem das Gefühl von Macht.

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Das Himmelsreich bietet auch visuell eine Abwechslung zu Pywel. (Foto: Pearl Abyss)

Dazu gibt es unzählige Kombos und Fähigkeiten, sodass jeder Spieler seinen eigenen Kampfstil entwerfen kann. Geht es auf das Endgame zu, wird Kliff immer mehr zum scheinbar unbesiegbaren Halbgott, der sich mit wahnwitzigen Kombos durch Gegnerhorden schnetzelt. Doch immer dann, wenn wir denken, niemand sei uns gewachsen, wirft Pearl Abyss unserem Kliff einen neuen Bossgegner entgegen, der uns schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt.

Beschäftigung wie in "Black Desert Online"

"Crimson Desert" sollte zuerst ein MMO werden. Das merkt man, denn es gibt so viel zu tun. Überall stolpert man über kleine Aufgaben und Nebenquests. Die ähneln sich allerdings häufig. Mal müssen wir zwei Banditenlager ausschalten, mal eine Botschaft überbringen und mal fünf Stück Holz besorgen. Manchmal überrascht uns das Spiel allerdings mit einer spaßigen Abwechslung, wie wenn wir spontan zum Ermittler werden und fünf Verdächtige befragen müssen, um herauszufinden, wer von ihnen ein magisches Buch aus der Bibliothek geklaut hat. Außerdem versammelt Kliff nach und nach seine Graumähnen-Kumpanen wieder, was uns viel zu tun gibt: Wir müssen das Camp neu aufbauen, können unsere Kollegen aussenden, um überall in der Welt Aufgaben zu erledigen, und dürfen beispielsweise auch ein Obstfeld anlegen und eine Farm aufbauen.

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Im Vordergrund unser selbst angelegtes Obstfeld im Graumähnen-Camp, im Hintergrund die Spielwelt Pywel. (Foto: Pearl Abyss)

Leider hat die unglaubliche Fülle an Mechaniken auch Nachteile. In der Testversion gab es noch einige Bugs, wegen derer wir auch mal neu laden und einen Abschnitt ein zweites Mal spielen mussten. Viele Spielelemente werden zudem nicht hinreichend erklärt. Guide-Autoren werden sich freuen, doch Spieler dürfte das frustrieren. Auch das Inventar war in der Testversion noch sehr klein, weswegen wir dauernd zurück zum Händler mussten, um wenigstens etwas Platz zu schaffen. Darauf hat Pearl Abyss allerdings nach Feedback der Tester schon reagiert. Das Inventar wurde vergrößert und auch eine Lagertruhe soll bald folgen.

Ein Spiel mit Seele, Rückgrat und Kinderkrankheiten

"Crimson Desert" hat viele kleine Probleme, die aber nahezu alle gelöst werden können. Was sich vermutlich nicht mehr ändern wird, ist die eher flache Story. Die Formel ist einfach: Die Guten (wir) sind gut, die Bösen sind böse, die hilflosen Bürger sind hilflos und den Guten ewig dankbar für ihre Hilfe beim Vernichten der Bösen. Nichts ist je überraschend und die Geschichte nimmt, zumindest in den ersten drei Vierteln, die wir in den rund 60 Stunden Testzeit spielen konnten, kaum eine spannende Wendung. Sie ist nicht mal schlecht geschrieben oder inszeniert, sie ist einfach fade.

Das ist schade, da die Welt wunderschön und spannend ist und voller interessanter Charaktere steckt. An jeder Ecke gibt es Dinge zu entdecken, man kann sich auch mal stundenlang verlieren und die faszinierenden Bewohner Pywels und ihre Geheimnisse erforschen. Diese lebendige Welt hätte es verdient, auch eine lebendige Story zu bekommen. Das zeigt sich auch bei der blass bleibenden Hauptfigur Kliff. Dem passieren ständig die verrücktesten Dinge - und er zeigt keinerlei Reaktion. Das wirkt oft fast schon ungewollt komödiantisch.

Wer bis hierhin gelesen hat, merkt: Es gibt vieles, das man an "Crimson Desert" kritisieren kann. Vermutlich werden einige Spieler ihren Controller nach einem schlecht erklärten Rätsel, einem Bug oder einem harten Bosskampf durchs Zimmer werfen und aufgeben. Doch die meisten werden den Controller genauso schnell wieder aufheben und es nochmal probieren, denn "Crimson Desert" ist nicht nur frustrierend, sondern auch besonders - auf jeden Moment der Frustration, den uns das Spiel beschert, kommen zwei Momente des Staunens und der Freude.

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Es ist ein Spiel, dem man sehr viel verzeihen kann, da es auch so viel zu lieben gibt. Diese wunderschöne und lebendige Welt, die ihresgleichen sucht, die fantastischen Kämpfe, das Gefühl, wenn man ein komplexes Rätsel ohne Hilfe gelöst hat und mit einem Artefakt belohnt wird, das man in Waffen- oder Fähigkeitenupgrades stecken kann. Pearl Abyss hat hier kein seelenloses Produkt auf den Markt geworfen, sondern ein Spiel mit Seele und Rückgrat, das den Spieler nicht an die Hand nimmt, sondern ihm etwas zutraut. "Crimson Desert" wird vielen Leuten viel Spaß schenken, das ist klar. Und mit ein paar Patches und Nachbesserungen dürfte es eines der besten Spiele werden, die wir dieses Jahr bekommen.

Quelle: ntv.de

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