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Schuss ins eigene Knie Warum China Apple in Ruhe lässt

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Apple produziert nicht nur in China, das Reich der Mitte ist für das Unternehmen auch ein wichtiger Absatzmarkt.

(Foto: REUTERS)

Tim Cook ist überzeugt, dass Peking Apple im Handelskrieg mit den USA nicht direkt angreifen wird. Wahrscheinlich hat er recht, denn China würde sich selbst mit so einer Aktion weit schlimmer treffen als den Gegner.

Seit die USA mit Huawei eine der großen Technik-Firmen Chinas auf eine schwarze Liste gesetzt haben, fragen sich viele Experten und Nutzer, ob und wann Peking als Gegenschlag Apple boykottieren wird. Doch bisher gab es von der chinesischen Führung weder direkte noch indirekte Signale, dass sie einen solchen Schritt in Erwägung zieht. Apple-Chef Tim Cook geht auch nicht davon aus, dass dies in absehbarer Zukunft passieren könnte. "Die Chinesen haben Apple bisher überhaupt noch nicht ins Visier genommen, und um ehrlich zu sein, erwarte ich auch nicht, dass dies passiert", sagte er in einem Interview mit "CBS News". Das ist kein Pfeifen im Wald, Cook hat gute Gründe für seine Annahme.

"Einer der größten Arbeitgeber"

Als Chinas kommunistische Partei im vergangenen August über ihr Staatsorgan "People's Daily" die USA wissen ließ, dass auch Apple zur Verhandlungsmasse im Handelskrieg werden könnte, kommentierte "CNBC"-Experte Jim Cramer, Peking spiele mit solchen Drohungen mit dem Feuer, denn Apple sei einer der größten Arbeitgeber im Reich der Mitte.

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Apple ist für rund 6 Millionen Jobs in China verantwortlich.

(Foto: Yang xiaobo - Imaginechina)

Tatsächlich würde es China hart treffen, zöge sich der iPhone-Hersteller aus dem Land zurück. Laut "24/7 Wall St." arbeiteten 2017 direkt oder indirekt rund 4,8 Millionen Chinesen für Apple. Hinzu kamen 1,8 Millionen Jobs in der iOS-Entwicklerbranche und knapp 12.000 Arbeitsplätze in chinesischen Büros und Apple Stores.

Die Zahl der von Apple abhängigen Jobs in China dürfte seitdem trotz des Handelskonflikts weiter gestiegen sein. "Nikkei Asian Review" berichtete Mitte März, dass jetzt 41 der wichtigsten iPhone-Zulieferer chinesische Firmen sind, erstmals mehr als US-Unternehmen. Die Nummer 1 bleibt Taiwan mit 46 Zulieferern, Japan stellt 38. Diese Firmen produzieren aber nicht unbedingt in ihrer Heimat, fast die Hälfte aller Zulieferer-Fabriken steht daher in China.

Schlechte iPhone-Verkäufe, weniger Jobs

Was es bedeutet, wenn Apple im Reich der Mitte Probleme bekommt, zeigt eine Reportage der "New York Times"  aus diesem Februar. Nur weil die Nachfrage wegen der hohen Preise in China zurückging, verdienen Arbeiter in iPhone-Fabriken weniger Geld oder müssen sogar zu Hause bleiben. In einer großen Foxconn-Anlage in Zhengzhou sank die Zahl der Arbeitnehmer im Vergleich zum Vorjahr von 100.000 auf 70.000.

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Wenn die Arbeiter weniger verdienen, bleiben die Restaurants leer.

(Foto: Liu xu - Imaginechina)

Betroffen von der iPhone-Flaute sind aber nicht nur die Fabrikarbeiter und ihre Familien. Ihre Kaufkraft sinkt dramatisch, wodurch auch Händler, Restaurants und andere Firmen, bei denen sie zuvor ihr Geld ausgaben, weniger verdienen.

Auch Apple selbst leidet unter der sinkenden Kaufkraft, da sich weniger Chinesen ein iPhone leisten können. Immerhin erzielte das US-Unternehmen laut "CNBC" 2017 noch nahezu 20 Prozent seiner Einnahmen in China. Im ersten Quartal 2019 jedoch verkaufte Apple dort laut Canalys-Zahlen mit rund 6,5 Millionen Geräten knapp 30 Prozent weniger iPhones als noch ein Jahr zuvor.

Huawei-Bann vermasselt Apple das Geschäft

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Auch das günstigere iPhone XR war vielen Chinesen zunächst zu teuer.

(Foto: Shan he - Imaginechina)

Trotz des Handelskonflikts schien für Apple Ende April im Reich der Mitte die Durststrecke zu Ende zu sein. Reuters berichtete, die iPhone-Verkäufe hätten sich nach dem Einbruch stabilisiert. Tim Cook begründete dies neben Preisanpassungen, Finanzierungsangeboten und dem Ankauf alter Geräte auch durch gesunkene Steuern. Er sei optimistisch, dass die USA und China sich bald einigen werden, sagte er.

Der Aufwärtstrend könnte für Apple nach dem Huawei-Bann aber schon vorbei sein, bevor er richtig begonnen hat. Strafzölle oder schwarze Listen aus Peking sind dafür gar nicht nötig. Der Ruf der USA und damit auch Apples Ansehen haben in China so gelitten, dass Aufrufe, das iPhone und andere Geräte der Amerikaner zu boykottieren, in der chinesischen Bevölkerung auf fruchtbaren Boden fallen. Einige Analysten rechneten sogar damit, dass sich Apples Verkäufe in China dadurch halbieren könnten, schreibt "9to5Mac".

Die Karawane zieht weiter

Schon jetzt bauen Apples größte taiwanische Auftragnehmer Foxconn und Pegatron laut "Financial Times" zunehmend Fabriken in anderen asiatischen Ländern auf, vor allem Vietnam, Indonesien und Indien. Dass die Hersteller-Karawane weiterzieht, liegt nicht nur an der unsicheren politischen Lage. Auch steigende Löhne machen die Produktion in China zunehmend unattraktiv.

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Auch US-Firmen profitieren von Chinas wachsendem Wohlstand.

(Foto: dycj - Imaginechina)

Von 2012 bis 2017 seien im Reich der Mitte die Gehälter um durchschnittlich 9,8 Prozent gestiegen, berichtete das "Handelsblatt". Das liegt durchaus im Interesse der Führung in Peking, die den Wohlstand seiner Bevölkerung heben und den Binnenmarkt ausbauen möchte. Aber für den Umbau braucht es noch Zeit und die westlichen Auftraggeber.

Es geht um weit mehr

Langfristig wird China wohl immer weniger für andere produzieren, sondern selbst entwickelte Technik im eigenen Land und im Rest der Welt verkaufen. Das ist das tatsächliche Problem, das die USA mit China haben: Es macht ihnen die Vormachtstellung in der Hightech-Branche streitig. Apple, Google, Microsoft, Amazon und Facebook haben in Unternehmen wie Huawei, Xiaomi, Baidu, JD.com oder Tencent echte Konkurrenten gefunden.

Doch ein Handelskrieg schadet beiden Ländern und dem Rest der Welt. Im Gegensatz zu Donald Trump, weiß Chinas Machthaber Xi Jinping das wahrscheinlich sehr gut. Er ist ein pragmatischer Machtmensch, der Krieg nicht will, weil er schlecht fürs Geschäft ist. Aber wenn die USA den Druck weiter erhöhen und den Chinesen keine Verhandlungen auf Augenhöhe ermöglichen, könnte der Konflikt außer Kontrolle geraten. Wie Tim Cook sagte: "Ich glaube nicht, dass es passiert, aber ich kann es auch nicht versprechen."

Quelle: n-tv.de

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