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Biometrische Daten frei Haus Wie gefährlich ist FaceApp?

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FaceApp lässt Gesichter erstaunlich realistisch altern. Das hat allerdings auch für Gratis-Nutzer seinen Preis.

(Foto: FaceApp)

FaceApp ist aktuell die beliebteste kostenlose iOS- und Android-App. Hunderttausende Nutzer laden ihre Gesichter hoch, um zu sehen, wie sie als Senioren aussehen könnten. Für sie ist es ein Riesenspaß, für andere ein Datenschutz-Horror. Wie gefährlich ist die Anwendung?

Weil viele Promis Bilder in den sozialen Netzwerken posten, die zeigen, wie sie in einigen Jahrzehnten als alte Menschen aussehen könnten, ist FaceApp ins Rampenlicht gerückt. Sie ist derzeit die beliebteste Anwendung in den App-Stores. Hunderttausende machen es den prominenten Vorbildern nach und zeigen ebenfalls ihre Senioren-Gesichter. Während die "FaceApp Challenge" für sie ein großer Spaß ist, schlagen Datenschützer Alarm.

Denn FaceApp nimmt sich in seinen AGB weitreichende Rechte heraus, was die Nutzung der hochgeladenen Fotos betrifft. Unter anderem wird kritisiert, dass die Selfies für die Weiterverarbeitung zu Servern hochgeladen werden. Die Inhalte können dort gespeichert bleiben, wenn sie auf dem Smartphone gelöscht werden. Außerdem stößt Datenschützern sauer auf, dass sich FaceApp das Recht herausnimmt, Nutzerfotos kommerziell zu verwerten.

Das ist tatsächlich nicht gut, aber alles andere als außergewöhnlich. In den App-Stores wimmelt es von Anwendungen, bei denen die Nutzer Gesicht zeigen müssen und Selfies zu Servern hochladen, von denen sie oft nicht wissen, wo sich diese befinden. Unter anderem trifft das bei den unzähligen Apps zu, die Selfies automatisch verschönern oder lustige Masken aufsetzen. Facebook-Nutzer geben dem Netzwerk oft täglich neues Foto-Futter, ähnlich sieht es bei Instagram, Google oder Twitter aus. Und was die AGB oder Datenschutzerklärungen betrifft, ist FaceApp ebenfalls eher die Regel als die Ausnahme.

Trotz allem haben die Datenschützer ganz klar recht: Es ist riskant, Fotos den Servern eines Unternehmens anzuvertrauen, das sich das Recht herausnimmt, sie auch zu eigenen Zwecken einzusetzen. Das gilt ganz besonders für biometrische Daten, wie Fingerabdrücke oder eben frontale Gesichtsaufnahmen. Man hat keine echte Kontrolle darüber, was mit den Daten passiert. Und das Kleingedruckte in den AGB hat wenig Bedeutung, solange sich Anbieter und Server außerhalb der EU befinden.

Es sind Russen!

FaceApp ist in dieser Hinsicht aber nicht besser oder schlechter als andere Unternehmen, die Nutzer-Fotos verarbeiten. Warum gehen die Kritiker also ausgerechnet bei dieser Anwendung auf die Barrikaden? Zwei Vermutungen liegen nahe: Die App steht als Nummer eins im Rampenlicht und die Entwickler sind Russen.

Gerade die Nationalität der FaceApp-Macher dürfte eine große Rolle spielen. So hat jetzt sogar ein demokratischer US-Senator in den USA das FBI aufgefordert, die App zu untersuchen. Sie könne wegen ihres Umgangs mit persönlichen Daten ein nationales Sicherheitsrisiko sowie eine Gefahr für Millionen US-Bürger darstellen, so die Begründung. "Es wäre zutiefst beunruhigend, wenn die sensiblen persönlichen Informationen von US-Bürgern einer feindlichen ausländischen Macht zur Verfügung gestellt würden, die aktiv an Cyber-Angriffen gegen die Vereinigten Staaten beteiligt ist", sagt der Senator.

Der US-Politiker geht dabei selbstverständlich davon aus, dass russische Entwickler russische Infrastruktur nutzen. In einer Stellungnahme hat FaceApp-Gründer Yaroslav Goncharov "Techcrunch" allerdings geschrieben, sein Unternehmen verwende Google- und Amazon-Server. Keine Daten würden nach Russland geschickt, beteuert er. Außerdem könnten Nutzer ihre gespeicherten Fotos löschen lassen.

Ob dies der Wahrheit entspricht, weiß man nicht. Es ist aber durchaus glaubwürdig, dass Google- und Amazon-Server zum Einsatz kommen. Denn die beiden Unternehmen haben die leistungsfähigste Infrastruktur, wenn es darum geht, KI-Anwendungen in der Cloud umzusetzen. Für Funktionen, wie FaceApp sie bietet, ist eine große Rechenpower nötig. Viele Unternehmen nutzen dafür die Dienste der großen Cloud-Anbieter, da es viel zu teuer und aufwendig wäre, dies mit einer eigenen Infrastruktur zu bewerkstelligen.

Mehr Gesichter, bessere Resultate

Künstliche Intelligenz bedeutet, dass ein neuronales Netzwerk mit einer großen Menge von Daten trainiert wird, um die gewünschten Ergebnisse zu produzieren (maschinelles Lernen). Im Falle von FaceApp heißt das, ein Gesicht glaubwürdig altern zu lassen.

Wie gut das neuronale Netzwerk arbeitet, hängt also stark von der Masse der Daten ab, die für sein Training zur Verfügung stehen. Und damit eine KI weiß, dass sie richtig liegt, benötigt sie menschliche Trainer, die evaluieren, ob ein Input den gewünschten Output produziert. Deswegen müssen auch bei Amazon und Google Menschen Sprachausgaben der Alexa- und Google-Assistant-Nutzer auswerten.

Knapper formuliert: Je mehr Nutzer FaceApp ihre Gesichter zur Verfügung stellen, desto besser sind die Resultate, die sie erhalten. Wenn man sieht, wie echt die künstlichen Senioren aussehen, haben die Entwickler inzwischen wohl eine mächtige Datenbank. Und sie haben damit ein exzellentes Modell für ihr neuronales Netzwerk entwickelt.

Rassistische KI?

*Datenschutz

Das war nicht immer so. FaceApp ist nicht neu, es gibt die Anwendung bereits seit 2017. Sie verursachte unter anderem großen Wirbel mit einem Filter, der Gesichter attraktiver machen sollte. Weil dunkelhäutige Personen einen helleren Ton bekamen, wurde den russischen Machern Rassismus unterstellt. Ihre Erklärung: Die App wurde überwiegend von weißen Menschen genutzt, was die KI zu falschen Schlüssen kommen ließ.

Man sieht also: FaceApp ist ein faszinierend gutes Beispiel dafür, was mit maschinellem Lernen möglich ist, wenn dafür viele Menschen ihre Daten freiwillig zur Verfügung stellen. Ob man dies tun sollte, nur um einen kleinen Erfolg auf sozialen Netzwerken feiern zu können, muss jeder Nutzer selbst wissen. Wahrscheinlich ist es grundsätzlich eher keine gute Idee, zu freigiebig mit biometrischen Daten zu sein.

Wenn man dies aber tun möchte, ist FaceApp als Datenempfänger und -verarbeiter wohl nicht schlimmer oder besser als ähnliche Apps und Dienste. Dass die Entwickler Russen sind, spielt in einer globalisierten Welt eigentlich keine Rolle. Die FaceApp-Hysterie ist aber eine gute Gelegenheit, darüber nachzudenken, wem man welche Daten zu welchen Bedingungen anvertrauen möchte. Man sollte jedes Mal gut überlegen, ob man dabei ein gutes Geschäft macht oder seine persönlichen Informationen verschleudert.

Quelle: n-tv.de

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