Wirtschaft

Akkordarbeit für Shein"Die Arbeitszeiten sind auch nach chinesischen Verhältnissen absolut illegal"

21.02.2026, 11:06 Uhr c-ammeVon Caroline Amme
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Im südchinesischen Guangzhou liegen viele der Werkstätten und Fabriken, die für den Fast-Fashion-Riesen Shein Kleidung herstellen. (Foto: REUTERS)

Zara hat Fast Fashion in den 1990er Jahren etabliert - heute dominiert das chinesische Modeunternehmen Shein den Markt. Die Arbeitsbedingungen sind nicht besser geworden: notdürftige Sicherheitsstandards, eine 75-Stunden-Woche und kaum Lohn dafür. Die Arbeiter zahlen den Preis der Ultra-Fast-Fashion-Mode made in China.

Beim amerikanischen Super Bowl Anfang Februar gab es gleich mehrere Sensationen: den ersten lateinamerikanischen Headliner bei der Halbzeitshow. Und zum ersten Mal hat ein Künstler auf dem Mega-Event nicht Designermode von Dolce & Gabbana oder eines anderen Luxus-Labels getragen, sondern ein Fast-Fashion-Outfit. Bad Bunny trug Zara. Der puerto-ricanische Superstar hat sich von der spanischen Modekette ein cremefarbenes Ensemble designen lassen.

Zara gehört zum spanischen Konzern Inditex. Das ist einer der Fast-Fashion-Giganten auf dem Markt. Die großen Konkurrenten heißen Shein, H&M und der Uniqlo-Inhaber Fast Retailing aus Japan.

Ihre steigenden Umsätze zeigen: Die Menschen stehen auf schnelle, billige Mode. Die Marken sind beliebter denn je. Fast Fashion kann es längst mit teuren Bekleidungsmarken aufnehmen. An der Börse ist Inditex das drittwertvollste Bekleidungsunternehmen weltweit. Auf den ersten beiden Plätzen thronen die französischen Luxusmarken LVMH und Hermès. 2024 hat Inditex Kleidung im Wert von 38,6 Milliarden Euro verkauft.

Der erfolgreichste und beliebteste - nur nicht börsennotierte - Anbieter ist aber Shein. Die App des chinesischen Modeunternehmens war 2024 nach Temu die zweitbeliebteste Shopping-App weltweit. 2023 haben bei Shein knapp 90 Millionen Menschen eingekauft, 14 Millionen mehr als im Jahr davor.

Shein und die anderen Fast-Fashion-Anbieter wirbeln die Branche durcheinander, sagt Christiane Beyerhaus, Professorin für Marketing und Handel an der International School of Management, im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". "Diese Unternehmen sind nicht nur in Herstellung und Produktion, auch in Marketing, Logistikketten und IT hervorragend und dadurch eine echte Konkurrenz zu Gucci und Co oder Marken im mittleren Preissegment."

Der Start von Fast Fashion

Fast Fashion ist kein neues Phänomen: Schon 1989 hat die "New York Times" den Begriff erfunden und geprägt und sich dabei auf das Produktionsmodell von Zara bezogen. Das spanische Label hat - inspiriert von der Mode der Laufstege - erschwingliche Massenware hergestellt.

Anfang der 2000er-Jahre brachte Zara alle zwei Wochen neue Styles in den Läden. Heute veröffentlichen viele Fast-Fashion-Marken jede Woche eine neue Kollektion, bis zu 52 pro Jahr - "Mikro-Saisons" genannt. Ultra-Fast-Fashion-Marken wie Shein oder Boohoo aus Großbritannien produzieren einen ununterbrochenen Strom an neuen Kleidungsstücken. Designer wie Lagerfeld oder Valentino brauchen die Fast-Fashion-Marken längst nicht mehr. Sie kopieren beliebte Designs, reagieren auf aktuelle Online-Trends und den Geschmack der Käufer.

Nur wenige Marken nähen ihre Kleidung in eigenen Fabriken. Sie übernehmen hauptsächlich Design und Verkauf - die Produktion der Mode ist ausgelagert. Um flexibler zu sein und um die Preise niedrig zu halten. Der Zara-Mutterkonzern Inditex arbeitet etwa mit über 6600 Fabriken zusammen. H&M lässt die Kleidung von mehr als 5700 Produktions- und Verarbeitungsbetrieben herstellen.

Alle Labels, ob höherpreisig oder günstig, lassen in denselben Ländern produzieren. Mindestens die Hälfte der Kleidung wird in China gefertigt, wichtige Herstellungsländer sind außerdem Bangladesch, Vietnam, Indien, Pakistan und die Türkei. Für Europa spielen zudem osteuropäische Länder eine Rolle, für den amerikanischen Markt Mexiko und Mittelamerika. Deutsche Unternehmen lassen immer häufiger Kleidung in Nordafrika, vor allem in Ägypten, herstellen.

Shein setzt auf flexible Mini-Werkstätten

Von der winzigen Näherei bis zur riesigen Fabrik ist alles dabei. "In Ländern wie Bangladesch werden vor allem Produkte in großen Mengen hergestellt, da fängt man erst ab 10.000 Tonnen Shirts an, zu produzieren", sagt David Hachfeld, Textilexperte bei der Menschenrechtsorganisation Public Eye, im "Wieder was gelernt"-Podcast. In der Türkei und in China seien dagegen Produktionsstätten mit 200 bis 1000 Angestellten üblich. Shein setze bewusst auf die ganz kleinen Werkstätten mit teils weniger als 50 Angestellten. "Bei denen geht es um die absolute Flexibilität. Da geht es nicht um große Volumina, da geht es darum, dass in kürzester Zeit 200, 500 Stück produziert werden können."

Public Eye hat 2021 und 2023 in China recherchiert. Dort, wo die Mode für Shein hergestellt wird. Sie haben in Stichproben Textilarbeiter und -arbeiterinnen befragt, die in kleineren Werkstätten und größeren Fabriken in der südchinesischen Metropole Guangzhou in der Provinz Guangdong Kleidung für die Fast-Fashion-Marke nähen.

Sie haben sich unter anderem im verwinkelten Stadtteil Nancun Village im Bezirk Panyu umgeschaut. Dort, wo auch die Konzernzentrale ihren Sitz hat, wird fast ausschließlich für Shein produziert. Die kleinen Betriebe sind in ehemaligen Wohnhäusern untergebracht. Das ist laut der NGO eher typisch für den chinesischen Markt, nicht aber für so große internationale Player.

Bezahlung pro Kleidungsstück

Die meisten Frauen und Männer, die für Shein arbeiten, sind Wanderarbeiter und -arbeiterinnen, die aus anderen Provinzen stammen. Oft haben sie keinen schriftlichen Arbeitsvertrag, nur eine mündliche Zusage - eigentlich unüblich bei größeren Fabriken. Die Betriebe zahlen also keine Sozialversicherungsbeiträge, sagt Public Eye.

Die Sicherheitsstandards sind teils mangelhaft: Es gibt teils keine Notausgänge; riesige Säcke voller Kleidung versperren Wege und Ausgänge; das Rauchverbot wird nicht kontrolliert - obwohl überall auf dem Boden Kleidungspakete und Stoffreste herumliegen, die leicht brennen können. Shein lässt die Arbeiter anscheinend per Kameras überwachen. Auch Fälle von Kinderarbeit hat es gegeben, sagt Shein.

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Am schockierendsten für das Team bei Public Eye waren die langen Arbeitszeiten mit kaum Freizeit. Die sind auch nach chinesischen Maßstäben so nicht erlaubt. Fast rund um die Uhr wird produziert, erzählt Experte Hachfeld: 10 bis 12 Stunden am Tag an sieben Tagen die Woche, einige hätten von teils nur vier freien Tagen pro Monat berichtet. "Arbeitszeiten von im Schnitt 75 Stunden pro Woche sind nach wie vor normal. Die sind aber auch nach chinesischen Verhältnissen absolut illegal." Das hänge mit der Bezahlung pro gefertigtem Kleidungsstück zusammen. "Um auf einen halbwegs guten Lohn zu kommen, muss man so viel arbeiten und das machen die Arbeiterinnen auch."

Ähnliche Arbeitsmodelle gibt es auch in anderen Jobs in China, zum Beispiel in der Dienstleistungsindustrie. Akkordarbeit leisten nicht nur die Näherinnen, sondern auch die Shein-Designer, Fotografen und die Arbeiter im Logistikzentrum.

40 Cent Lohn pro Kleid

Die einfachen Arbeiter und Arbeiterinnen bei Shein verdienen zwischen 6000 und 10.000 Yuan pro Monat - umgerechnet rund 730 und 1220 Euro. Das hängt davon ab, wie viele Kleidungsstücke sie schaffen zu nähen; für komplizierte gibt es mehr Geld. Die Stückpreise sinken laut der Recherche aber. Einige Arbeiterinnen bekommen auch einen garantierten Grundlohn.

Das klingt zunächst nach einem vergleichsweise guten Lohn. Der Mindestlohn in China liegt in Guangzhou aktuell bei rund 305 Euro. In anderen Provinzen ist er noch niedriger. Shein oder die Auftragswerkstätten vergeben laut der Recherche einfache Aufträge teils nach Jiangxi, Guangxi oder Hunan. Bei 75 Stunden Arbeitszeit pro Woche haben die Frauen und Männer faktisch zwei Jobs, kritisiert Hachfeld. Die Menschen seien gezwungen, so viel zu arbeiten, um genügend Geld zum Leben zu haben.

Shein hat 2023 seine durchschnittlichen Monatsgehälter der Zulieferer veröffentlicht. Da heißt es, die Arbeiter dort würden einen Grundlohn von umgerechnet rund 587 Euro pro Monat verdienen, plus Überstunden kommen dann rund 938 Euro zusammen. Die Überstunden-Bezahlung macht einen Großteil des Monatsgehalts aus. Das Grundgehalt sei im Durchschnitt doppelt so hoch wie der lokale Mindestlohn, teilte Shein ntv.de mit. Und betont: "Wir zahlen unseren Fertigungslieferanten wettbewerbsfähige Preise, damit sie ihren Mitarbeitern faire Löhne zahlen können."

Shein beauftragt die Produktionsbetriebe über eine spezielle App, eine niedrige Stückzahl an Kleidungsstücken zu nähen. Dafür gibt's eine Pauschalsumme, erläutert der Textilexperte im Podcast. Innerhalb von ein bis zwei Wochen müssten sie fertig sein. Die Arbeiterinnen würden pro Kleidungsstück vergütet. 30 bis 40 Cent seien das beispielsweise für ein einfaches Kinderkleid, eine Arbeit von 5 bis 10 Minuten. "Da kann man sich ausrechnen, wie viele man davon am Tag produzieren muss, um auf einen halbwegs anständigen Lohn zu kommen." Laufen die Online-Bestellungen gut, muss die jeweilige Werkstatt schnell nachliefern, innerhalb von 7 bis 10 Tagen.

Kaufauswertung in Echtzeit

Shein bezeichnet sein Modell als datengesteuertes Mikroproduktionsmodell. Der Online-Shop wird quasi in Echtzeit analysiert: Wie oft wird ein Kleidungsstück in den sozialen Medien geteilt, und in wie vielen virtuellen Warenkörben liegt es? So versucht Shein genau das zu produzieren, was die Kunden wollen.

Das Erfolgsmodell von Shein sei die datengetriebene Test- und Lernlogistik, erklärt Beyerhaus bei "Wieder was gelernt". "Es wird laufend experimentiert, mit Modellen, mit Farben, mit Schnitten, mit Design und dann auch laufend ausgewertet und angepasst. Davon können alle im Markt lernen."

Um so schnell produzieren zu können, arbeiten in den Shein-Zulieferbetrieben vor allem ältere, erfahrenere Näherinnen. Um mit den häufig wechselnden Schnittmustern umzugehen, braucht es Erfahrung. Zudem ist es üblich, dass bei Shein Kleidungsstücke von ein bis zwei Personen hergestellt werden statt arbeitsteilig von fünf oder sechs Menschen.

Wer bei dieser Akkordarbeit Fehler macht, wird bestraft: Wenn Shein die Qualität nicht ausreicht, streicht der Konzern den Betrieben schon mal Aufträge, lässt Näherinnen unbezahlt nacharbeiten - oder Kontrolleure, die die Mängel übersehen haben, Strafen bezahlen.

"Gewerkschaften in China können nicht frei arbeiten"

Wie kann man diese grenzwertigen Arbeitsbedingungen ändern? Experte Hachfeld sieht die chinesische Regierung und auch die Hersteller in der Pflicht. "Wir haben in China die Sondersituation, dass Gewerkschaften nicht frei operieren können. Deswegen können sich die Arbeiterinnen nur beschränkt gegen dieses System wehren." Shein müsse die massiven Überstunden reduzieren, ihren Zulieferern deutlich mehr zahlen und sicherstellen, dass das Geld bei den Arbeiterinnen ankommt. Dafür sieht der Experte bisher wenig Anzeichen.

Shein wollte sich in großem Stil auch außerhalb von China etablieren: Brasilien sollte Produktionszentrum für ganz Lateinamerika werden - nach den USA Sheins zweitgrößter Markt. 2000 Fabriken und bis zu 100.000 Arbeitsplätze in der Modebranche sollten geschaffen werden. Aktuell produzieren dort aber nur einige wenige lokale Unternehmen für Shein. Sie konnten die brasilianischen Vorgaben für die niedrigen Preise und schnellen Lieferzeiten nicht einhalten, berichtet Reuters. Dort gelten strenge Arbeitsvorschriften mit Arbeitszeitkontrollen.

Das chinesische Modell hat in Brasilien nicht funktioniert. Dort ist der Fast-Fashion-Gigant aber an seinen eigenen Zielen gescheitert.

Probleme hat Shein auch in Europa. Zwar hat die EU das Lieferkettengesetz Ende 2025 aufgeweicht. Doch Frankreich hat für dieses Jahr ein "Jahr des Widerstands" gegen Plattformen wie Shein wegen unlauteren Wettbewerbs ausgerufen. Und in der EU gelten bald Zölle gegen Billigimporte aus China - drei Euro werden zukünftig für Kleinpakete fällig. Das soll das massenhafte Einfliegen von Billigmode von Shein und Co eindämmen.

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Redaktion: Caroline Amme, Christian Herrmann, Kevin Schulte

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Quelle: ntv.de

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