Teures Erdgas? Vielleicht egalAn der Strombörse schrillen die Alarmglocken: Gibt es 2027 Rekordpreise?
Von Christian Herrmann
An der Strombörse wird Elektrizität für 2027 so teuer gehandelt wie seit der Energiekrise nicht mehr. Der Iran-Krieg treibt die Gaspreise. Diese beeinflussen den Strompreis. Eigentlich. Experten bezweifeln jedoch, dass Stromrechnungen explodieren. Auf dem Strommarkt ändert sich etwas Entscheidendes.
Die Stromrechnung für 2027 ist noch gar nicht geschrieben, doch an der Börse wird bereits an ihr gefeilt. Verbrauchern dürfte die Prognose nicht gefallen: Der Preis für Stromlieferungen im kommenden Jahr ist auf den höchsten Stand seit der Energiekrise gestiegen. Energie-Analysten warnen vor Rekordstrompreisen. Der Grund liegt Tausende Kilometer entfernt - im Konflikt zwischen den USA und dem Iran.
An der Strombörse handeln Energieproduzenten, Versorger und große Verbraucher wie Industrieunternehmen mit Elektrizität. Am Terminmarkt können sie künftige Stromlieferungen (Futures) anbieten und kaufen, um sich vor Schwankungen auf globalen Märkten zu schützen. Termingeschäfte schaffen Sicherheit für Einnahmen und Ausgaben - und sie sind ein zuverlässiger Anhaltspunkt für die Entwicklung der Börsenstrompreise, weil dafür jemand Geld auf den Tisch legen muss. Käufer und Verkäufer wissen genau, wie viel der Strom in Zukunft kosten oder einbringen wird.
Der Preis für 2027 - Baseload-Terminkontrakt genannt - ist laut der Preisberichtsagentur Argus Media am 2. September auf 123,12 Euro pro Megawattstunde gestiegen. Das entspricht rund 12 Cent je Kilowattstunde und ist damit der höchste Wert seit Januar 2023. Die Terminverträge für 2028 und 2029 haben an der Strombörse ebenfalls Allzeithochs erreicht.
Zu diesen Preisen müssen die Verkäufer den zugesicherten Strom in den kommenden Jahren bereitstellen. Landet der Strom über Stadtwerke oder andere Versorger bei Privathaushalten, kommen Netzentgelte, Steuern und diverse Abgaben hinzu. Sie machen 60 Prozent des Strompreises aus.
Das ist eine Kehrtwende binnen weniger Monate. Anfang des Jahres wurde erwartet, dass die deutschen Strompreise in den kommenden Jahren stark sinken würden. Die Hintergründe des Preisausbruchs sind der Krieg zwischen den USA und dem Iran und das Merit-Order-Prinzip: Der Gaspreis beeinflusst im deutschen Energiesystem den Strompreis maßgeblich.
Vereinfacht gesagt bestimmt das teuerste Kraftwerk, das zur Deckung der Nachfrage benötigt wird, den Preis für alle anderen. Das ist häufig dann der Fall, wenn Wind und Sonne wenig Strom liefern. Oft sind es in diesen Stunden Gaskraftwerke. Deshalb schlagen Gaspreise auf den Strompreis durch.
Der Iran-Krieg hat für steigende Gaspreise gesorgt. Durch die Blockade der Straße von Hormus wurde das weltweite Flüssiggas-Angebot verknappt und der Wettbewerb um LNG-Lieferungen verschärft. Am europäischen Drehkreuz TTF haben sich die Gaspreise seit Dezember daraufhin mehr als verdoppelt. Sie sind von 28 auf 74 Euro je Megawattstunde gestiegen.
Dennoch sind Strommarktexperten nicht überzeugt, dass Deutschland tatsächlich auf Rekordstrompreise zusteuert. Denn Termingeschäfte sind letztlich eine Wette auf die Zukunft, die schiefgehen kann. Käufer an der Strombörse spekulieren darauf, dass der vereinbarte Preis lukrativer ist als der künftige Preis. In jedem Fall verschaffen die Verträge Planungssicherheit.
Gleichzeitig setzen sie gewissermaßen darauf, dass der Krieg im Iran kein schnelles Ende findet. Denn sollte dieser Fall eintreten und die Straße von Hormus wieder für katarische LNG-Lieferungen frei sein, würden die Weltmarktpreise für Erdgas fallen und damit auch die künftigen Strompreise. Abnehmer mit langfristigen Verträgen müssten mehr bezahlen als Versorger oder Unternehmen, die ihren Bedarf kurzfristig decken.
Strompreis entkoppelt sich vom Gaspreis
Strommarktexperten merken außerdem an, dass sich das deutsche Energiesystem wandelt und bisherige Annahmen nicht mehr zwingend für künftige Entwicklungen gelten müssen. "Seit 2022 hat sich der deutsche Strompreis sehr deutlich vom Gaspreis entkoppelt", sagt Leonhard Gandhi vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) auf Nachfrage von ntv.de. Der Ingenieur und das Institut verantworten die Plattform Energy-Charts, auf der zahlreiche Daten zu Stromproduktion, Stromverbrauch und Börsenstrompreisen gesammelt und zur Verfügung gestellt werden.
Die Auswertung des ersten Halbjahres zeigt die Entkopplung deutlich. Durch den Iran-Krieg stieg der Erdgaspreis von Februar auf März um 48 Prozent auf 52,71 Euro pro Megawattstunde. Dadurch verteuerte sich auch die Stromerzeugung mit Gaskraftwerken. Die sogenannten Grenzkosten stiegen um 39 Prozent auf 132,87 Euro pro MWh. Darin enthalten sind die Kosten für Gas und CO2-Zertifikate. Hätten die Gaskraftwerke nach dem Merit-Order-Prinzip den Strompreis bestimmt, hätte sich dieser Kostenanstieg deutlich stärker auf den Börsenstrompreis ausgewirkt.
Dieser stieg jedoch nicht, sondern sank nach Kriegsbeginn auf 95,58 Euro pro Megawattstunde. Windräder und Solaranlagen haben den Strompreis mit ihrem günstigen Strom gedrückt. "Hätten die erneuerbaren Energien nicht so stark zur Stromerzeugung beigetragen, wäre der Börsenstrompreis im April 76 Prozent höher gewesen", so Energy-Charts-Leiter Gandhi.
Diese Entwicklung können viele Menschen anekdotisch belegen. Benzin- und Dieselpreise sind nach Beginn des Iran-Kriegs so stark gestiegen, dass sie mit staatlicher Hilfe gesenkt werden mussten. Die Strompreise? Blieben stabil. Vergleichsportale für den Stromwechsel locken nach wie vor mit Tarifen, die ähnlich teuer oder sogar günstiger ausfallen als im Frühjahr. Mit Wechselbonus und Neukundenrabatt sind viele Angebote sogar lukrativer.
Denn die Terminpreise an der Strombörse geben keinerlei Auskunft darüber, wie der Strommix in ein, zwei oder auch drei Jahren aussehen wird. Sie bilden in erster Linie Angebot und Nachfrage ab. Stark vereinfacht dargestellt wäre folgendes Szenario denkbar:
Ein Versorger kauft an der Börse bei Produzenten zehn Gigawatt Strom für 2028 ein. Er weiß aber nicht, wie genau sich dieser Strom zusammensetzen wird. Eventuell werden diese zehn Gigawatt mit einem Mix aus Wind und Gas gedeckt. Dann könnte ein Gaskraftwerk, das mit teurem LNG betrieben wird, preissetzend sein. Es kann aber auch sein, dass die Nachfrage aufgrund einer guten Wetterlage vollständig mit Windenergie gedeckt werden kann. Eventuell fällt die Nachfrage in zwei Jahren auch geringer aus als zehn Gigawatt und deshalb werden keine Gaskraftwerke benötigt.
Wie geht es nach 2027 weiter?
Klar ist jedoch, dass Deutschland die Entkopplung von Strom- und Gaspreisen nicht konsequent vorantreibt. Derzeit wird eine Vielzahl von Kohlekraftwerken in der Reserve vorgehalten. Sie werden bei Engpässen im Stromnetz reaktiviert, in den kommenden Jahren aber schrittweise abgeschaltet, weil sie den schmutzigsten Strom erzeugen.
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche plant als Ersatz zahlreiche neue Gaskraftwerke. Diese sollen künftig in Randzeiten oder an Tagen mit besonders wenig erneuerbarer Erzeugung die Stromversorgung absichern - nicht etwa wie in Kalifornien Batteriespeicher.
Die Betreiber der Gaskraftwerke sollen allein für das Bereithalten von Kapazitäten eine Vergütung erhalten, aber auch für den gelieferten Strom entlohnt werden. Damit steigt das Risiko, dass in Zukunft erneut geopolitische Katastrophen und teures Flüssiggas vom Weltmarkt den deutschen Strompreis bestimmen, nicht die günstigen heimischen Erneuerbaren.
Das Internationale Wirtschaftsforum Regenerative Energien (IWR) bringt es in einer Analyse auf den Punkt: "Wird der Ausbau erneuerbarer Energien gebremst und wegfallende Kohlekraftwerksleistung verstärkt durch Gaskraftwerke ersetzt, bestimmen die hohen Kosten der Gasverstromung künftig immer häufiger den Börsenstrompreis."