Wirtschaft

Libyen-Effekte an den Öl-Märkten Anleger feiern mit Rebellen

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Erst müssen die Waffen schweigen ...

(Foto: picture alliance / dpa)

Diktator Gaddafi steht vor dem Fall: Der unerwartet schnelle Vorstoß auf Tripolis zwingt Börsenstrategen zu einer Neubewertung der Lage. Kommt Libyen schneller zur Ruhe als gedacht? Rohstoffhändler spekulieren bereits auf eine rasche Rückkehr zur Normalität. Auch im Aktienhandel gibt es deutliche Gewinner. Sind die Reaktionen verfrüht?

Mit den Erfolgen der Aufständischen in Libyen wachsen die Hoffnungen, dass das Land bereits in kurzer Zeit wieder Öl in vollem Umfang fördern und exportieren kann. Der Preis für ein Barrel (159 Liter) Erdöl der Nordseesorte Brent sank am Montag in London um 2,46 Dollar auf 106,16 Dollar. Die Kurse italienischer Firmen, die stark in Libyen investiert haben, stiegen stark.

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... dann kann die libysche Wirtschaft wieder anlaufen. Experten halten die Kursgewinne für verführt.

(Foto: REUTERS)

Libyen förderte vor dem Beginn der Aufständischen gegen Machthaber Muammar al-Gaddafi laut Internationaler Energieagentur (IEA) rund 1,55 Mio. Barrel pro Tag und war damit einer der 20 größten Ölproduzenten der Welt. 1,49 Mio. Barrel davon verkaufte das Land ins Ausland - vier Fünftel davon nach Europa. Die wichtigsten Abnehmerländer waren Italien, Frankreich und China. Deutschland rangiert mit einem Anteil von 10 Prozent an vierter Stelle nach China.

Rohöl aus Libyen ähnelt in seiner chemischen Zusammensetzung der Nordseesorte Brent: Es ist ähnlich zu verarbeiten und fällt für Raffineriebetreiber "in die gleiche Handelsklasse", erklärte ein Beobachter. Aus diesem Grund sei auch der Preis für die Sorte Brent gefallen. Die Notierungen für die in New York gehandelte Sorte Light Sweet Crude stieg dagegen zu Wochenbeginn leicht um 46 Cent auf 82,72 Dollar pro Barrel. Der Preis dieser Sorte reagiert stärker auf die Entwicklungen an den US-Märkten.

Kaufen, wenn die Kanonen donnern?

An den Aktienmärkten schlug der militärische Erfolg der Rebellen mit der Einnahme von Tripolis ebenfalls hohe Wellen. In den vergangenen Jahren hatten sich immer mehr ausländische Ölkonzerne in Libyen um Förderlizenzen bemüht. Mit den ersten Nachrichten vom möglichen Ende der Ära Gaddafi versuchten Anleger umgehend, sich auf eine baldige Normalisierung der Lage einzustellen.

Rohöl (Brent)
Rohöl (Brent) 62,43

Zu den in Libyen aktiven Konzernen zählen große Namen wie Eni aus Italien, Total aus Frankreich, BP und Shell aus Großbritannien, ExxonMobil aus den USA. Die Aktien von Eni lagen zu Wochenbeginn zeitweise mehr als 8 Prozent im Plus. Das Unternehmen ist bereits seit den 1950er Jahren in Libyen aktiv.

Angesichts der zum Teil kräftigen Aufschläge warnten Beobachter allerdings vor überzogenen Erwartungen. Es sei bislang noch vollkommen offen, wann die libysche Ölindustrie wieder wie zu Friedenszeiten fördern könne, hieß es. BP erklärte auf Anfrage, der Konzern werde seine Tätigkeit in Libyen erst wieder aufnehmen, sobald die Bedingungen es erlaubten.

Erste Kontakte für die Zeit danach

Der Nationale Übergangsrat der Rebellen in Libyen habe allerdings bereits brieflich Kontakt zu den Ölkonzernen aufgenommen, erklärte ein Sprecher. BP hatte seine Arbeiten in Libyen mit Beginn der Kämpfe im Februar eingestellt. Wegen der unübersichtlichen Lage hatten nahezu alle ausländischen Unternehmen ähnlich reagiert und ihr Personal vor den Wirren des Bürgerkriegs in Sicherheit gebracht.

Ende März hatte auch der größte deutsche Erdöl- und Gasproduzent Wintershall seine Standorte in Libyen evakuiert. "Ganz ehrlich, wir wissen nicht, ob wie und wann es für uns in Libyen weitergeht", hatte Rainer Seele, Vorstandschef der BASF-Tochter, auf Anfrage erklärt.

Der Beginn der Kampfhandlungen im gesamten Land hatte Libyen zeitweilig komplett vom internationalen Geschäftsleben abgekoppelt. Über informelle Kanäle waren Vertreter der Aufständischen allerdings schon früh bemüht, Öl aus libyschen Beständen als Einnahmequelle zu nutzen und es an Gaddafi vorbei an den Weltmarkt zu bringen. Die Einnahmen dürften im Kampf gegen das Regime eine wichtige Rolle gespielt haben. So stand das Geld aus den Ölverkäufen direkt für Waffenkäufe zur Verfügung.

Wer verdient am Wiederaufbau?

Außerhalb des Rohstoffsektors waren bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs zahlreiche weitere westliche Firmen in Projekte vor Ort eingebunden. Vor allem Unternehmen aus Italien hatten sich einen festen Platz in der Modernisierung der libyschen Infrastruktur erobert. Enge Kontakte zwischen Libyen und der früheren Kolonialmacht verschaffen italienischen Geschäftsleuten auf verschiedenen Ebenen Startvorteile.

Entsprechend stark reagierten die Aktien an der Mailänder Börse: Der Schienen- und Netzebauer Ansaldo zog zeitweise um knapp 6 Prozent an. Selbst die Aktien der Baufirma Impregilo - für die Libyen nur ein Markt von vielen ist -  klettern zeitweise deutlich ins Plus. Nach wie vor ist Italien der wichtigste Handelspartner Libyens: 2009 exportierte Libyen ein Fünftel seiner Waren dorthin, und 17,5 Prozent seiner Importe kamen aus Italien. Ob der frühe Kursanstieg bei in Libyen aktiven Unternehmen aus Italien tatsächlich gerechtfertigt ist, muss sich noch zeigen: Die weitere Entwicklung hängt jetzt vor allem davon ab, ob und wie schnell dem Land der Übergang von einer 40-jährigen Diktatur zu einem demokratischen Staat gelingen kann.

Quelle: n-tv.de, AFP

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