Wirtschaft

Ökonomen-Barometer Aufschwung geht die Puste aus

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Herrscht im Containerhafen bald wieder Ebbe?

(Foto: AP)

Deutschland steht nach Einschätzung der führenden deutschen Volkswirte vor einer deutlichen Konjunkturabkühlung. Das geht aus der aktuellen Umfrage von Euro am Sonntag und des Nachrichtensenders n-tv hervor.

Die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland steht nach Einschätzung von Ökonomen vor der Trendwende. Der Prognosewert des Ökonomen-Barometer, der die erwartete wirtschaftliche Entwicklung auf Sicht von zwölf Monaten widerspiegelt, im September gegenüber dem Vormonat um 16 Prozent auf 47,7 Punkten und damit erstmals seit Juni 2010 wieder unter die wichtige Marke von 50 Punkten. Werte unter 50 Punkten weisen auf eine schrumpfende Wirtschaft hin, Werte oberhalb dieser Marke auf eine Expansion. Auch die Einschätzung der wirtschaftlichen Lage fiel im September mit einem Minus von 8,9 Prozent auf 61,9 Punkten schlechter aus als noch im Vormonat. Der jüngste Rückgang im Ökonomen-Barometer ist bereits das dritte Minus in Folge. Damit ist der seit Juni 2009 anhaltende Aufwärtstrend gebrochen.

Die zuletzt deutlich gestiegene Skepsis der Volkswirte spiegelt die Sorgen um die Schuldenkrise sowie die jüngsten Börsenturbulenzen wider. Zuletzt hatten mehrere deutsche Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Prognosen für das laufende Jahr und 2012 gesenkt. Erst am Mittwoch hatte etwa das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) erklärt, die Wirtschaft werde im Winter erstmals seit Anfang 2009 wieder schrumpfen. Angesichts dessen kappte das IWH seine Wachstumserwartung für 2011 auf 3,0 Prozent nach bislang 3,6 Prozent. Auch das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) sagt einen Abschwung voraus. "Die Rezessionsgefahr hat sich vergrößert", warnte RWI-Präsident Christoph M. Schmidt.

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Ökonomen erteilen einem staatlichen Konjunkturprogramm eine deutliche Absage: 88 Prozent sprechen sich gegen Ausgabenprogramme aus.

Ungeachtet des Abschwungs lehnen 88 Prozent der im Ökonomenbarometer befragten Experten ein staatliches Hilfspaket zur Stützung der deutschen Konjunktur ab. Zuvor hatte die neue Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, mit Blick auf rückläufige Frühindikatoren ein Stützungspaket für die deutsche Konjunktur gefordert. "Wenn der Export, auf dem das deutsche Wirschaftsmodell beruht, einbricht, dann könnte die Bundesregierung gegensteuern", sagte die Französin dem "Spiegel". Demgegenüber mahnte Volker Hofmann vom Bundesverband deutscher Banken (BdB), zu einer Politik mit Augenmaß. Nicht jeder Exportrückgang habe "zwangsweise eine Rezession zur Folge". Die Konjunkturprogramme nach dem Lehman-Schock seien richtig gewesen. Man dürfe aber nicht in jeder Situation "prophylaktisch nach staatlichen Konjunkturhilfen rufen. Zudem erinnerten mehrere Volkswirte an die angespannte Haushaltslage: "Für Hilfspakete fehlt das Geld", erklärte etwa der Chef-Volkswirt der Postbank, Marco Bargel. Daher sollte derzeit die Haushaltskonsolidierung absolute Priorität haben". Auch der frühere Chef des Sachverständigenrats, Prof. Juergen B. Donges, hält ein staatliches Konjunkturpaket für verfehlt. "Keynesianische Expansionspolitik ist nicht gerade besonders effektiv." Außerdem passe sie "nicht in eine Zeit, in der der Staat Schulden abbauen muss, um die Wachstumsgrundlagen für die Zukunft zu festigen".

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Für das Ökonomen-Barometer wurden vom 7. bis 14. September über 600 Volkswirte in Banken, Forschungseinrichtungen und Wirtschaftsverbänden befragt.

Auf große Skepsis treffen auch Überlegungen innerhalb der US-Notenbank, die US-Konjunktur neben einer fortgesetzten Niedrigstzins-Politik mit weiteren Anleihekäufen zu stützen. Die Fed hatte bereits 2008 (Quantitative easing QE1) und 2010 (QE2) Hypotheken-Verbriefungen und US-Staatsanleihen gekauft. Inwischen gibt es Überlegungen über eine dritte Runde (QE3). Allerdings glauben viele Ökonomen, dass ein solcher Schritt weitgehend wirkungslos verpuffen könnte: Gemessen an den Erwartungen haben bereits "QE2 relativ wenig gebracht", erklärte Prof. Helmut Wagner von der Fern-Uni Hagen. Prof. Ulrich van Suntum von der Uni Münster sagte, die Nullzinspolitik bis 2013 sei bereits sehr weitgehend. "Weitere Liquiditätszuflüsse könnten neuen Vermögenspreisblasen hervorrufen." Stattdessen sollte sich die Fed lieber auf eine mittelfristig orientierte Politikumstellen. Die würde "mehr Vertrauen schaffen als das ständige hektische Ankurbeln der Notenpresse".

Quelle: ntv.de