Wirtschaft
Montag, 11. August 2014

Erdogans Wahlsieg: Börsianer freuen sich nur kurz

Recep Tayyip Erdogan bestimmt weiter die Geschicke der Türkei. An der Istanbuler Börse ist man darüber zunächst sehr angetan. Doch im Verlauf des Handelstages wachsen die Zweifel. Dazu trägt die Ratingagentur Fitch bei.

Börse Istanbul: Zunächst steigende Kurse, danach geht es ins Minus.
Börse Istanbul: Zunächst steigende Kurse, danach geht es ins Minus.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Am türkischen Aktienmarkt währte die Freude über die Wahl Recep Tayyip Erdogans zum neuen Staatspräsidenten der Türkei nur kurz. Dominierte zunächst Erleichterung über die zu erwartende Fortsetzung des bisherigen politischen Kurses, der der Türkei Stabilität und Wirtschaftswachstum gebracht hat, überwiegen machen sich nun auch Zweifel breit, zumal sich mit Fitch eine der drei großen Ratingagenturen skeptisch zur Türkei geäußert hat.

An der Börse in Istanbul verlor der BIST-100-Index um die Mittagszeit 1,1 Prozent, nachdem er im frühen Handel um 1,5 Prozent gestiegen war. Die Landeswährung Lira hat ihre Gewinne wieder abgegeben und kostet 2,1513 Dollar, nachdem zeitweise für einen Dollar nur noch 2,1372 Lira fällig gewesen waren. Auch die Kurse türkischer Staatsanleihen kommen von ihren Hochs zurück. Die Rendite der zweijährigen Anleihen sank im Tagestief auf 9,03 Prozent und steht nun wieder bei 9,18 Prozent. Am Freitag im späten Geschäft rentierten die Titel noch mit 9,42 Prozent.

Die Kursgewinne von Aktien, Anleihen und Lira zeugen nicht nur von der Hoffnung auf ein ungebrochenes Wirtschaftswachstum, sondern auch von Zuversicht, dass Erdogan innenpolitische Probleme wie die Korruptionsskandale und die Proteste in den Griff bekommt. Erdogan will das Amt des türkischen Staatspräsidenten, das sich bisher weitgehend auf repräsentative Aufgaben beschränkte, mit mehr Befugnissen ausstatten.

Für die türkische Wirtschaft birgt das neue Fallstricke. Dazu gehöre der Umbau des Kabinetts nach dem Wechsel des bisherigen Ministerpräsidenten in das Amt des Staatspräsidenten, heißt es. Wenn bei der Besetzung von Ministerposten unerwartete Personalentscheidungen getroffen würden, könnten türkische Aktien, Anleihen und die Lira sehr volatil reagieren, sagt Özlem Derici, Chefvolkswirtin bei Deniz Invest.

"Wirtschaftszar" geht im kommenden Jahr

Nach den Parlamentswahlen im kommenden Juni werden viele Kabinettsmitglieder nach drei Legislaturperioden ausscheiden müssen. Das betrifft auch den stellvertretenden Ministerpräsidenten Ali Babacan, den türkischen "Wirtschaftszar", der bei internationalen Investoren sehr geschätzt wird.

"Kurzfristig besteht die Gefahr, dass Erdogan nicht bis zu den Parlamentswahlen wartet, sondern das Kabinett gleich umgestaltet und Personen von ihren Posten abzieht, die der Markt für glaubwürdig hält", sagt Viktor Szabo von Aberdeen Asset Management. Negative Marktreaktionen wären in diesem Fall garantiert, fügt er hinzu.

Es steht einiges auf dem Spiel: So hat Erdogan versprochen, das Bruttoinlandsprodukt der Türkei von 820 Milliarden Dollar mehr als zu verdoppeln. Im Jahr 2023, wenn sich die Staatsgründung zum hundertsten Mal jährt, soll das Land nach dem Willen des künftigen Staatspräsidenten zu den zehn größten Volkswirtschaften gehören.
Damit hat Erdogan, der sein neues Amt am 28. August antritt und sich 2019 erneut zur Wahl stellen könnte, viel vor.

Das jährliche Wirtschaftswachstum hat seit 2012 das Ziel der Regierung von 5 Prozent nicht mehr erreicht und dürfte auch in diesem Jahr darunter liegen. Und die Inflation hält sich hartnäckig oberhalb von 9 Prozent. Sie ist damit doppelt so hoch wie das offizielle Inflationsziel.

Gewaltenteilung gefährdet

Zudem gehen die wirtschaftlichen Probleme mit einem Glaubwürdigkeitsverlust staatlicher Institutionen einher. So haben Erdogan, seine Berater und Wirtschaftsminister Nihat Zeybekci Druck auf die türkische Zentralbank ausgeübt, damit diese zur Ankurbelung der Wirtschaft die Geldpolitik lockert. Zentralbankgouverneur Erdem Basci beugte sich dem Druck und leitete vorzeitig einen Zinssenkungszyklus ein. Volkswirte warnen, dass dieser zu zweistelligen Inflationsraten und einschneidenden politischen Maßnahmen führen könnte.

Tim Ash, Leiter der Abteilung Emerging Markets Research der Standard Bank, sieht die Gewaltenteilung in der Türkei gefährdet. Während der Präsidentschaft Erdogans dürfte die Kontrolle über die Politik nachlassen, meint er.

Die Ungewissheit über die künftige Wirtschaftspolitik kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Da die US-Notenbank Zinserhöhungen erwägt, könnte dies zu einer Umkehr der Kapitalströme führen, die das türkische Wirtschaftswachstum angetrieben und die Leistungsbilanzdefizite von Schwellenländern wie der Türkei gemildert haben.

Senkt Fitch den Ausblick?

Ein Land wie die Türkei, deren Wirtschaftswachstum sehr stark auf schnell flüchtigem "heißen Geld" basiert und dessen kurzfristiger externer Finanzierungsbedarf 48 Milliarden US-Dollar (5,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts) beträgt, ist besonders anfällig für geldpolitische Kurswechsel großer Zentralbanken wie der Federal Reserve. Daher müsste die Zentralbank in Ankara eigentlich eine straffere Geldpolitik betreiben, um die Inflation in den Griff zu bekommen, sagen Analysten. Tatsächlich dürfte sie aber auf Drängen der Politik die Zinsen weiter senken.

Die vielfach geäußerte Kritik an Politik und Institutionen der Türkei hat die Ratingagentur Fitch alarmiert. Ihre Analysten erwägen, bei der nächsten Überprüfung der türkischen Bonitätsnote am 3. Oktober den Ausblick für das Land auf "negativ" von "stabil" zu senken. Aktuell stuft Fitch die Türkei mit "BBB-" und stabilem Ausblick ein. Ob Fitch der Türkei auch eine schlechtere Bonitätsnote geben werde, hänge davon ab, wie sich die politische Lage dort bis zu dem Überprüfungstermin entwickle, heißt es dazu bei Deniz Invest.

Quelle: n-tv.de

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