Wirtschaft

Nach der WM kommt die Tristesse Brasilien droht hartes Jahr 2015

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Bereits jetzt kommt es in Brasilien zu zahlreichen Demonstrationen.

(Foto: REUTERS)

Noch bestimmt die Fußball-WM das Leben in Brasilien. Doch danach drohen den Menschen im größten südamerikanischen Land harte Einschnitte. Die Regierung muss nämlich das Haushaltsdefizit in den Griff bekommen.

Erst das rauschende Fest, dann der Kater: Nach der Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer werden die allermeisten Brasilianer ihren Blick auf die Präsidentenwahl im Oktober richten. Und das dürfte die Stimmung schnell wieder umschlagen lassen. Denn der Ausblick für Lateinamerikas Wirtschaftsmacht Nummer eins ist trüb.

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Im Fall ihrer Wiederwahl muss Präsidentin Dilma Rousseff ihren Landsleuten einiges zumuten.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Brasilianer müssen sich 2015 auf staatl iche Einschnitte, Steuererhöhungen und steigende Preise gefasst machen. Unabhängig vom Ausgang der Wahl dürfte die Konjunktur bereits das vierte Jahr in Folge hinter den Erwartungen zurückbleiben. Ein böses Erwachen für Brasilien, das im vergangenen Jahrzehnt noch zu den dynamischsten Schwellenländern der Welt gehörte.

Die amtierende Präsidentin Dilma Rousseff oder einer ihrer Herausforderer wird nicht um schmerzhafte Einsparungen herumkommen, um das wachsende Staatsdefizit wieder unter Kontrolle zu bringen. "Egal, wer die Wahl gewinnt, es wird ein schwieriges Jahr - schlimmer als die meisten glauben", erklärt der ehemalige Präsident Fernando Henrique Cardoso, der als Chef der wichtigsten Oppositionspartei noch immer großen Einfluss in der Wirtschaft hat. Selbst ein Mitarbeiter von Rousseff, der ungenannt bleiben wollte, stimmt dieser Einschätzung zu: "Noch redet kaum jemand über 2015. Aber es wird ohne Zweifel hart."

Volkswirte prophezeien "verlorenes Jahr"

Noch gehen die Volkswirte der brasilianischen Notenbank im Schnitt davon aus, dass die Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um 1,7 Prozent zulegt und im kommenden Jahr um 2 Prozent. Diese Prognose ist jedoch irreführend - viele Ökonomen räumen ein, dass ihre Modelle die politischen Entwicklungen nach der Wahl außen vor lassen. Auch wenn das Land ihrer Einschätzung nach im kommenden Jahr an einer Rezession vorbeischrammen dürfte, haben viele 2015 bereits beim Wachstum als weiteres "verlorenes Jahr" verbucht.

An der Sanierung des Haushalts führt kein Weg vorbei, weil Rating-Agenturen und Investoren das Defizit seit Jahren mit immer mehr Argwohn betrachten. Im Wahlkampf wird die pragmatische Linke Rousseff einen großen Bogen um das Thema machen - damit werden kommendes Jahr umso tiefere Einschnitte unvermeidbar. Für zusätzliche Dringlichkeit könnte Standard & Poor's sorgen: Viele Experten gehen davon aus, dass die mächtige Rating-Agentur in diesem Jahr den Daumen über Brasilien senkt und das Land nur noch ganz knapp in der oberen Kategorie "Investment Grade" bleibt, die für viele Investoren eine rote Linie darstellt.

"2015 wird das Jahr der Einschnitte"

Den Brasilianern dürften im nächsten Jahr nicht nur Steuererhöhungen übel aufstoßen, sondern auch Preiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr sowie an den staatlich subventionierten Zapfsäulen. Vielen Einwohnern macht jedoch auch die staatliche Neuverschuldung Sorgen, die dieses Jahr auf knapp vier Prozent der Wirtschaftsleistung steigen dürfte. Das ist zwar gerade im Vergleich zu vielen Ländern der Euro-Zone nicht besonders viel, aber den über 40-Jährigen sind die 1980er und 90er Jahre noch zu gut in Erinnerung: Damals führte die enorme Staatsverschuldung zu einer Hyperinflation, die Erspartes und Gehälter auffraß. Angesichts dieser Episode legen auch die Investoren bei Brasilien andere Maßstäbe an als bei vielen anderen Ländern.

Falls sie gelingen, könnten die Einschnitte längerfristig sowohl das wirtschaftliche Gleichgewicht als auch das angeschlagene Vertrauen der Anleger wiederherstellen. Dies wiederum könnte auch eine Rückkehr zu den guten alten Zeiten mit Wachstumsraten von über vier Prozent ermöglichen. Aber selbst im besten Fall muss dies kurzfristig mit einem Rückgang des Privatkonsums erkauft werden. "2015 wird das große Jahr der Einschnitte", erläutert dementsprechend auch Brasilien-Chefvolkswirt Marcelo Salomon von der britischen Großbank Barclays. Brasiliens Regierung müsse beweisen, "dass sie nicht nur kurzfristig herumdoktert."

Quelle: ntv.de, Brian Winter und Silvio Cascione, rts

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