Wirtschaft

Vom Auto-Tycoon zum Influencer Carlos Ghosn - der Mann, der im Koffer verschwand

28.09.2026, 08:53 Uhr
imageVon Diana Dittmer
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Der einstige Top-Manager Carlos Ghosn sitzt im Libanon fest. Da er weltweit polizeilich gesucht wird, kann er das Land nicht verlassen. Eine Auslieferung droht ihm nicht, da der Libanon eigene Staatsbürger schützt. (Foto: picture alliance / abaca)

Als Nissan-Retter war Carlos Ghosn einst ein gefeierter Auto-Manager. Heute gibt er im Internet Führungstipps. Dazwischen liegen Korruptionsvorwürfe, eine schwarze Kiste und eine spektakuläre Flucht aus Japan. Nun hat ihn die Justiz wieder eingeholt - diesmal in Frankreich. 

Carlos Ghosn zählte Anfang des Jahrtausends zu den mächtigsten und schillerndsten Managern der Automobilindustrie. Er sanierte den kriselnden Nissan-Konzern, schmiedete die Allianz mit Renault und Mitsubishi und wurde in Japan wie ein Popstar verehrt - bis er im November 2018 ins Visier der japanischen Justiz geriet und seine Karriere jäh endete.

Fast acht Jahre später steht Ghosn in Paris erneut im Fokus der Justiz: Seit dem 16. September läuft ein Prozess gegen ihn und die frühere französische Kulturministerin Rachida Dati. Als Europaabgeordnete soll Dati zwischen 2009 und 2012 insgesamt 900.000 Euro von einer niederländischen Tochterfirma der Renault-Nissan-Allianz erhalten haben - laut den Ermittlern für Lobbyarbeit im Europaparlament im Sinne des damaligen Autobosses. Ghosn wird Machtmissbrauch und Korruption vorgeworfen. Beide weisen die Vorwürfe zurück. Während Dati im Gerichtssaal sitzt, wird gegen den ehemaligen Auto-Boss in Abwesenheit verhandelt.

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Korruptionsprozess gegen die frühere Ministerin Rachida Dati und den Ex-Chef des Autokonzerns Renault-Nissan, Carlos Ghosn: Dati ist anders als Ghosn persönlich erschienen. Beide bestreiten die Vorwürfe. (Foto: picture alliance / abaca)

Frankreich hat einen Haftbefehl gegen ihn ausgestellt. Seit seiner Flucht aus Japan lebt der frühere Konzernchef jedoch im Libanon, der seine Staatsbürger grundsätzlich nicht ausliefert. Ghosn hat neben der brasilianischen und französischen auch die libanesische Staatsbürgerschaft.

Party im Reich des Sonnenkönigs

Für Ghosn könnte die Fallhöhe kaum größer sein. Im Jahr 1999 schickte Renault den damals 45-Jährigen nach Japan, um Nissan zu sanieren. Der Konzern war hoch verschuldet und stand mit dem Rücken zur Wand. Ghosn verordnete drastische Kostensenkungen, Schuldenabbau und harte Vorgaben. Und sein "Nissan Revival Plan" war erfolgreich. Der "Cost Killer" avancierte zum gefeierten Sanierer. Die Renault-Nissan-Mitsubishi-Allianz wurde einer der größten Autokonzerne der Welt.

Ghosn genoss seine Rolle als erfolgreicher Konzernchef und nutzte sie zugleich als große Bühne. In welchem Ausmaß, zeigte sich 2014: Aus Anlass des 15-jährigen Bestehens der Renault-Nissan-Allianz - gleichzeitig Ghosns 60. Geburtstag – wurde prunkvoll im Schloss von Versailles gefeiert. Unter den Gästen waren Beobachtern zufolge neben Geschäftspartnern auch zahlreiche Freunde, die zu seinem Geburtstag geladen waren. Der "Auto-Gott" feierte und ließ sich feiern, wo einst Ludwig XIV. seine Macht demonstrierte. 

Vier Jahre später war es für Ghosn mit der großen Bühne vorbei.

Die Flucht in der schwarzen Kiste

Am 19. November 2018 wurde Ghosn in Tokio festgenommen. Die japanische Justiz warf ihm unter anderem vor, Teile seiner Vergütung verschwiegen und Unternehmensmittel zu seinem persönlichen Vorteil verwendet zu haben. Ghosn wies die Vorwürfe stets zurück.

Er sah seine Festnahme als Teil eines Machtkampfs. Er sprach von einem "Coup" und einer Verschwörung von Nissan-Managern, die eine engere Verbindung mit Renault verhindern wollten. Nach Monaten in Haft kam Ghosn unter strengen Auflagen auf Kaution frei. Japan durfte er nicht verlassen. Doch statt auf seinen Prozess zu warten, plante er eine spektakuläre Flucht, die später erneut zum Stoff seiner öffentlichen Selbstdarstellung wurde.

Am 29. Dezember 2019 verließ Ghosn seine Wohnung in Tokio, fuhr mit dem Zug nach Osaka und traf dort seine Fluchthelfer: Michael Taylor, einen ehemaligen US-Soldaten und Spezialisten für Sicherheitsoperationen sowie dessen Sohn Peter. Sie hatten Ghosns Verschwinden über Monate geplant.

Am Flughafen Kansai wartete eine große schwarze Kiste. Sie war als Transportbehälter für Musikequipment gedacht und so groß, dass sie nicht wie normales Gepäck beim Check-in durchleuchtet werden konnte. Ghosn stieg in die Kiste, die anschließend zum Privatjet gebracht und dort verstaut wurde.

Rund 90 Minuten musste Ghosn in seinem Versteck ausharren, bevor das Flugzeug Richtung Türkei abhob. Später sagte er, diese Wartezeit sei die längste seines Lebens gewesen. Über Istanbul ging es weiter nach Beirut. Einen Prozess in Japan gab es seit seiner Flucht nicht, auch nicht in seiner Abwesenheit; eine Verurteilung in Japan ist für Ghosn damit weiterhin möglich.

Für seine Fluchthelfer hatte die Geschichte ein weniger glimpfliches Ende. Michael und Peter Taylor wurden 2020 in den USA festgenommen und 2021 nach Japan ausgeliefert. Beide bekannten sich schuldig und wurden zu zwei beziehungsweise einem Jahr und acht Monaten Haft verurteilt. Nach Angaben der US-Staatsanwaltschaft überwies Ghosn im Oktober 2019 insgesamt 862.500 Dollar an eine Firma, die Peter Taylor verwaltete. Nach der Flucht zahlte Ghosns Sohn Anthony weitere rund 500.000 Dollar in Kryptowährung an Taylor. Die Staatsanwaltschaft bezifferte die Zahlungen der Ghosn-Familie auf insgesamt rund 1,36 Millionen Dollar.

Der Flüchtige wird Management-Guru

Derweil begann Ghosn im Libanon sein zweites Leben. Er gibt Interviews, ist Gast in Podcasts und erzählt immer noch gerne seine Version der Ereignisse. Seine Flucht ist Teil seiner Marke geworden: Er ist der Manager, der eine existenzielle Krise erfolgreich gemeistert hat. Besonders deutlich wird das in einem Podcast mit dem Titel "Out of the Box: Business-Meisterklasse des Ausreißers des Jahrhunderts" aus dem Jahr 2025, in dem seine spektakuläre Flucht zu einer allgemeinen Managementlektion wird.

Auch über die eigene Geschichte hinaus äußert sich Ghosn bis heute regelmäßig in Instagram-Videos zu den Themen Führung und Krisenmanagement. Der mittlerweile 72-Jährige erklärt, warum globale Führung globales Denken erfordere, warum Chefs Menschen brauchen, die ihnen widersprechen, und weshalb Nichtentscheiden teuer werden könne.

Auch Nissan hat er nicht vergessen. Erst im Juni äußerte er sich zum Zustand des Konzerns und brachte sogar seine Rückkehr ins Spiel. Die schlechten Geschäftszahlen seit seinem Abgang wertet er als Beleg für das Scheitern seiner Nachfolger. Ausgerechnet er selbst, so Ghosns Botschaft, könnte Nissan wieder auf Kurs bringen.

Der Prozess in Frankreich trifft auf einen Hauptdarsteller, der seine eigene Version der Geschichte lebt und verbreitet. Darin ist Ghosn der unverbesserliche Manager, der Opfer eines Machtkampfs wurde, sich einer aus seiner Sicht unfairen Justiz entzog und heute anderen umso besser erklären kann, wie man in Krisen führt.

Die Verhandlung in Paris endet voraussichtlich am Montag, den 28. September. Es wird erwartet, dass das Gericht dann den Termin für die Urteilsverkündung bekannt geben wird. Im Fall einer Verurteilung wegen Korruption und Einflussnahme drohen Dati und Ghosn bis zu zehn Jahre Haft. 

Quelle: ntv.de

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