Wirtschaft

"Riesenproblem" im Stromnetz Dena-Chef schlägt Alarm

Die Begeisterung der Deutschen für die umweltfreundliche Energieversorgung droht die deutsche Strom-Infrastruktur zu überfordern. Um Zeit für den Ausbau zu gewinnen, fordert die Deutsche Energie-Agentur, die Solarförderung drastisch zu beschneiden. Andere Schlüsse ziehen die Grünen.

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Das deutsche Stromnetz folgt alten Mustern: Dass es einmal hundertausend dezentrale Energieerzeuger geben wird, hatte man sich vor Jahrzehnten nicht vorstellen wollen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Deutsche Energie-Agentur (Dena) fürchtet bei einem weiteren Ausbau der Solarstrom-Kapazitäten in Deutschland einen Netzkollaps. Die Agentur empfiehlt daher eine Deckelung der Solarförderung auf ein Zehntel.

"Die Netze stehen vor der Überlastung durch Sonnenstrom", sagte Dena-Chef Stephan Kohler der "Berliner Zeitung". Durch die Photovoltaik entstehe ein "Riesenproblem in den Netzen", das bislang kaum beachet worden sei. "Der Ausbau der Photovoltaik muss deshalb schnell drastisch eingeschränkt werden", forderte Kohler.

Das "Handelsblatt" hatte Anfang Oktober bereits Ergebnisse der zweiten Netzstudie der Dena veröffentlicht, die offiziell erst Ende des Jahres vorliegen soll. Dem Blatt zufolge fehlen Deutschland 3500 Kilometer Hochspannungsleitung. Um die Lücken zu schließen, seien bis 2020 Investitionen in Höhe von rund 6 Mrd. Euro erforderlich. Der Ausbau des Stromnetzes gilt derzeit als zentrale Voraussetzung für den Umstieg auf die erneuerbaren Energien.

"Union hat Ausbau verschlafen"

Die Grünen ziehen allerdings völlig andere Schlüsse aus dem Dena-Befund als Agenturchef Kohler. "Die Bundesregierung hat den Netzausbau seit Jahren verschlafen und sogar behindert", erklärte ihre energiepolitische Sprecherin Ingrid Nestle. "Insbesondere die Union hat in der Vergangenheit immer wieder progressive Erdkabel-Regelungen bekämpft, die einen viel schnelleren und problemloseren Netzausbau ermöglicht hätten."

Nestle wies zudem darauf hin, dass es seit langem bekannt sei, dass der Bedarf an neuen Stromleitungen groß ist. Allerdings sei es "unseriöse Panikmache", die Ausbaukosten allein den erneuerbaren Energien anzulasten.

Die Dena gehört mehrheitlich dem Staat, an ihr sind aber auch die KfW-Bankengruppe, die Allianz, die Deutsche Bank und die DZ Bank beteiligt. Die Agentur berät Regierung, Unternehmen und Haushalte in Fragen der Energieversorgung und des Energiesparens.

Es fehlt an Kabeln und Speichern

In diesem Jahr sollen Solaranlagen mit 9,5 Gigawatt Leistung installiert werden, kommendes Jahr sollen es ebenso viele werden. Damit wären Ende 2011 Photovoltaik-Anlagen mit insgesamt knapp 30 Gigawatt Leistung am Netz, die Dena-Chef Kohler zufolge an sonnigen Sommertagen zur Mittagszeit rund 25 Gigawatt Strom erzeugen können. Der Bedarf liege aber an Wochenenden nur bei gut 30 Gigawatt, sagte Kohler der Zeitung.

"Bei Erreichen der zeitweise fast vollständigen Abdeckung der Last durch Sonnenstrom ist ein weiterer Ausbau der Photovoltaik nicht mehr sinnvoll, weil Netze und Speicher in Deutschland noch nicht ausreichend auf die stark schwankenden Solarstrommengen eingestellt sind", sagte der Dena-Chef.

"Nicht mehr beherrschbar"

Bei der Geschwindigkeit des derzeitigen Ausbaus wird Ende 2013 eine Kapazität von knapp 50 Gigawatt erreicht. "Das wäre katastrophal und nicht mehr beherrschbar für die Netze", sagte Kohler.

Er verlangte daher, den Ausbau sofort einzuschränken. "Ich halte einen Deckel für den Photovoltaik-Ausbau von einem Gigawatt pro Jahr für sinnvoll. Dann erreichen wir die gerade noch verträgliche Marke von 30 Gigawatt Solarstrom im Jahr 2020." Das verschaffe ausreichend Zeit, um Speicher und Netze so auszubauen, dass sie auf hohe Photovoltaik-Mengen eingestellt seien.

Quelle: n-tv.de, hvo/rts

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