Wirtschaft

Exportschlager Strom? Der arabische Energie-Frühling beginnt

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In Dubai entsteht derzeit ein gigantisches Solarkraftwerk.

REUTERS

Der Traum von der schier unerschöpflichen Sonnenenergie aus den Wüsten Arabiens lebt. Nachdem mit Desertec eines der größten deutschen Solarprojekte versandete, nehmen es Länder wie Ägypten und Saudi-Arabien selbst in die Hand.

Der Nahe Osten und Nordafrika haben wirtschaftlich bisher vor allem eins zu bieten: Erdöl. Der Exportschlager hat arabische Staaten superreich gemacht. Ohne das Öl bleibt der Region vor allem: viel Sonne und viel Wüste. Eine Kombination, die keine ideale Grundlage für die Versorgung einer rasant wachsenden Bevölkerung scheint.

Aber die Zeiten ändern sich. Die arabische Welt arbeitet derzeit möglicherweise an einem neuen Exportschlager. Diesmal ist es nicht Erdöl, sondern Sonnenenergie. Die Wüste wird damit plötzlich zum großen Standortvorteil.

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Blick auf das Solarthermiekraftwerk Noor II in der Provinz Ouarzazate in Marokko.

(Foto: imago/Belga)

Bisher sind Solaranlagen in Nordafrika und dem Nahen Osten rar gesät. Gerade mal fünf der weltweit installierten 450 Gigawatt Leistung sind in dieser Region installiert. Aber es tut sich was: In Ägypten entsteht derzeit in der Nähe des Assuan-Staudamms das größte Solarkraftwerk der Welt, der Benban Solar Park. Wenn der Bau 2019 vollendet ist, soll das Sonnenkraftwerk eine Leistung von fast 1,9 Gigawatt haben  – fast so viel wie zwei Atomkraftwerke. Der schon fertig gestellte Teil versorgt bereits 20.000 Haushalte mit Strom.

Saudi-Arabien kündigt Investitionen an, die das Projekt in Ägypten sogar in den Schatten stellen dürften: Bis 2030 will das Königreich über das ganze Land verstreut Kraftwerke mit einer Gesamtleistung von 200 Gigawatt errichten. Das ist etwa fünfmal so viel wie Deutschland derzeit hat. Bereits dieses Jahr soll der Bau der ersten beiden Kraftwerke starten - zusammen sollen sie 7,2 Gigawatt an Spitzenleistung aufweisen und bereits 2019 ans Netz gehen. Ägypten wäre seinen Titel als Solarkraftwerk-Rekordhalter wieder los.

Hoffnung auf Jobs

Ähnliche Großprojekte sind auch am Persischen Golf am Start. Nahe Dubai und Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten werden gewaltige Solarparks gebaut, die nach Fertigstellung jeweils so viel Leistung wie ein großes Atomkraftwerk haben sollen. In Marokkos Wüstenregion steht der Noor-Kraftwerkspark vor seiner Vollendung, der vor allem aus Solarthermieanlagen besteht. Er soll bereits dieses Jahr mehr als eine Million Marokkaner mit Strom versorgen. Bis 2020 will das Königreich weitere Kraftwerke bauen.

Die Ziele sind in allen diesen Ländern ähnlich. Zum einen soll die eigene Energieversorgung sichergestellt und unabhängiger vom Ausland gemacht werden. Marokko etwa muss große Teile seines Stroms per Unterseekabel aus Spanien importieren. Zum anderen sollen diese Mammut-Projekte der heimischen Wirtschaft Schwung verleihen und Arbeitsplätze schaffen. Saudi-Arabien etwa will zum Technologie-Standort werden und plant zusammen mit dem japanischen Tech-Konzern Softbank den Einstieg in die Produktion von Solar-Kollektoren. 100.000 neuen Jobs sollen durch die solare Vision entstehen.

In Ägypten denkt man schon einen Schritt weiter: Der dortige Energiemister sprach jüngst von Plänen, sein Land als Korridor für den Energietransport in Nachbarländer zu etablieren. Auch nach Europa soll Wüstenstrom fließen. Diese Idee ist nicht neu, sondern spukt schon lange in den Köpfen von Politikern, Managern und Forschern umher. Manifestiert hatte sie sich in Desertec.

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Die Vision Desertec sieht ein interkontinentales Netz von Stromleitung vor, welches Sonnenstrom aus den Wüsten Nordafrikas und des Nahen Ostens nach Europa transportieren soll.

(Foto: www.desertec.org)

Das ambitionierte Projekt wollte den Energiereichtum der Wüsten heben und den Sonnenstrom via Kabel nach Europa transportieren. Klingt schlüssig: Schließlich reichen gerade mal 0,3 Prozent der Wüstenfläche aus, um fast 20 Prozent des europäischen Strombedarfs zu decken, wie Wissenschaftler beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt errechnet haben. Von dieser Vorstellung elektrisiert, gründeten Unternehmen – darunter deutsche Konzerne wie Siemens, RWE und Eon – im Jahr 2009 die Desertec Industrial Initiative (DII).

Arabische Länder nehmen es selbst in die Hand

Das kühne Vorhaben verlor jedoch nach und nach an Schwung – und schließlich auch an Mitstreitern. Grund sollen interne Reibereien und unterschiedliche Ziele gewesen sein. Zudem sorgte die Protestwelle des "Arabischen Frühlings" ab 2011 für ein unsicheres Investitionsklima in der Region. 2014 wurde die Desertec-Initiative in ihrer ursprünglichen Form aufgelöst. Übrig geblieben ist ein Beratungsunternehmen in Dubai, an dem noch drei Gesellschafter beteiligt sind.

Mittlerweile scheint die Idee zu neuem Leben zu erwachen. Diesmal kommt die Initiative jedoch nicht aus Europa, sondern aus der Region selbst: Saudi-Arabien hat das Geld, um eine heimische Energiewende zu erzwingen. Auch Ägypten plant aktiv den Umbau seiner Energieversorgung. Bis 2022 will das Land bereits 20 Prozent seines Energiebedarfs aus erneuerbaren Quellen decken. Geld für die Vorhaben kommt zwar auch aus Europa – etwa von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) in Deutschland. Eine immer größere Rolle spielen aber Geldgeber aus Afrika und Asien.

Bei dem arabischen "Energie-Frühling" hat zwar die eigene Energieversorgung zunächst Priorität. Manche Branchenkenner glauben jedoch, dass ein Export von Sonnenstrom aus Arabien nur eine Frage der Zeit sein wird. Vor allem angesichts der geringen Kosten: In Abu Dhabi und Dubai soll Sonnenstrom bereits für unter 3 Cent pro Kilowattstunden zu haben sein. Deutlich günstiger als hierzulande produzierter Strom aus Gas-, und Kohlekraftwerken. Vielleicht liegt in den sonnigen Weiten des Orients am Ende doch eine Antwort auf die drängenden Energiefragen dieses Jahrhunderts.

Quelle: n-tv.de

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