Wirtschaft

Brexit irritiert Mittelständler Der genervte Hoflieferant der Queen

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Mark Brearley ist Chef des Londoner Traditionsunternehmens Kaymet - und erklärter Brexit-Gegner.

(Foto: cri)

Seit fast einem Jahr erfreut sich die Queen an den Produkten von Kaymet. Beim Londoner Traditionsbetrieb ist die Euphorie indes gedämpft. Wegen des Brexits blickt Firmenchef Brearley sorgenvoll in die Zukunft.

Die wohl größte Ehre für Mark Brearley ist auf einem schnöden A4-Blatt dokumentiert. "Ich bin sehr stolz darauf", sagt er und fängt an zu grinsen. Dabei ist der schwarzweiße Zettel mit den Klebestreifen bei weitem nicht so elegant wie die Dutzenden bunten Tabletts im Raum. Ein genauerer Blick auf das Papier verrät: "Hoflieferant ihrer Majestät Königin Elizabeth II". "Wir waren überglücklich, als wir den Brief erhalten haben", sagt der Chef des Londoner Unternehmens Kaymet. Seit April 2018 lässt sich die Queen ihren Tee von Tabletts und Servierwagen aus dem Londoner Traditionsbetrieb kredenzen. Es ist einer der wenigen Lichtblicke für Brearley in Zeiten der Brexit-Wirren.

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Das bunte Tablettsortiment von Kaymet gefällt der Queen.

(Foto: cri)

Der 56-Jährige ist gut aufgelegt an diesem Tag. Hier ein Lächeln, dort eine flapsige Bemerkung - der ehemalige Architekt bereut seinen Einstieg bei Kaymet vor sechs Jahren nicht. Wer die royalen Waren begehrt, muss für ein Tablett zwischen 30 und 400 Euro zahlen. Die Servierwagen kosten bis zu 1500 Euro. Zwar stand im vergangenen Geschäftsjahr ein Verlust zu Buche, der Umsatz machte aber einen Sprung um 40 Prozent. Das Mittelstandsunternehmen aus dem Südosten der britischen Hauptstadt sieht sich auf einem guten Weg. Der Brexit trübt allerdings die Laune des bekennenden Europäers Brearley. "Ich habe Angst, aus unserem Land herausgerissen zu werden", sagt er. "Und damit meine ich die Europäische Union."

Wenn Brearley redet, fokussiert er seinen Gesprächspartner durch die dicken Gläser seiner Hornbrille. Mit seinem dunkelblauen Wollpullover, der olivgrünen Jacke und den braunen Lederschuhen sieht er immer noch aus wie ein Architekt. Vor kurzem habe er sich erstmals mit dem bürokratischen Aufwand beschäftigt, der im Falle eines Chaos-Brexits auf ihn zukommen würde, erzählt Brearley. Er ist genervt vom politischen Wirrwarr. Zwar könne ein kleines Unternehmen wie Kaymet mit allem umgehen, "was auch immer da kommt". Doch noch immer gebe es keine Klarheit. "Wir sind vollkommen ratlos."

Beunruhigende Risiken

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Die Unklarheit belastet auch das Verhältnis zu Brearleys Kunden. Je näher ein möglicher Brexit rückt, desto häufiger erhalte er Fragen zu künftigen Zöllen und Lieferkosten. "Wir müssen dann einen Preis zusagen, der eine Unbekannte enthält", sagt er. "Wir haben keine Ahnung, ob es Zölle geben wird oder nicht. Wie können wir also Zusagen machen, ohne Kunden zu verlieren? Es sind diese kleinen Unsicherheiten und Sorgen, die sich einschleichen." Dazu gehörten bereits Währungsschwankungen. "Das schwache Pfund war mit Blick auf die Exporte super für uns, wenn Kunden unsere Produkte in Euro bezahlen wollten", sagt Brearley. "Aber es hat unsere Importpreise deutlich nach oben getrieben." Auch diese Entwicklung besorgt ihn. Etwa 60 Prozent seiner Waren exportiert Kaymet in fast 40 Länder. Zu den Kunden zählen hauptsächlich Hotels und Restaurants - und die Queen.

Politische Unterstützung - damit meint er auch die von der Stadt - erhalten kleine Betriebe wie Kaymet schon lange nicht mehr, sagt Brearley. Erschwerend komme hinzu, dass es keine Unternehmensverbände mit starker Lobby wie in Deutschland gebe. "Jeder kämpft für sich", sagt er. Um Herstellern aus London dennoch eine Stimme zu geben, hat er die Initiative "Made in London" ins Leben gerufen. Sie vereint mittlerweile fast 3000 Betriebe. "Die meisten sind klein", sagt er. Einige seien aber etwas größer, wie etwa das Ford-Motorenwerk im östlichen Stadtteil Dagenham mit knapp 2000 Beschäftigten. Ihr Ziel sei es, der mangelnden Unterstützung durch London erfolgreich zu trotzen.

Fachkräftemangel und "Sorge um Menschen"

Nach dem Gang in die rund 400 Quadratmeter große Fabrikhalle, kommt Brearley wieder auf die Brexit-Hängepartie zu sprechen. Sie habe auch die "Sorge um Menschen" ins Spiel gebracht. Dreieinhalb Millionen EU-Bürger leben und arbeiten derzeit im Vereinigten Königreich. Ihr Schicksal ist unklar, denn das britische Arbeitsrecht muss im Brexit-Fall von dem der EU entkoppelt werden. Viele Unternehmer wie Brearley bedrückt das. Zwei seiner insgesamt zwölf Mitarbeiter sind Osteuropäer. "Es ist sehr schwer, Leute zu finden", sagt er. Hinter ihm frisst sich eine Kreissäge kreischend durch eine Metallplatte. Brearley bedauert den Fachkräftemangel in England. Am ehesten werde man als Metallindustrieller in Osteuropa fündig, denn dort hätten die Fachkräfte einen vergleichsweise "stärkeren Willen, diese Arbeiten zu machen". Demonstrativ lobt er einen Polen als besonders versiert.

Dann geht er durch die Halle, vorbei an Dutzenden Kartons und mehreren Metallgerüsten, in denen Bleche und Rohre verschiedenster Längen und Größen liegen. Durch die zahlreichen Fenster im Dach strömt natürliches Licht, es ist angenehm hell. An einer abgewetzten Werkbank aus Holz lehnen Dutzende Griffe, die für Servierwagen bestimmt sind. Entlang eines Regals stehen Stapel von fertiggestellten Tabletts. Ihre goldenen Ränder stechen aus dem allgemeinen Graubraun der Halle heraus. Es riecht nach Lacken und Farben.

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Alle zwei Wochen erhalte er Materiallieferungen, sagt Brearley. "Die meisten Teile kommen aus dem Ausland." Am anderen Ende der Halle hämmert ein Mann auf ein Stück Metall ein, während sein Kollege im dunkelblauen Overall eine Drehmaschine bedient. Brearleys Stimme und die Musik aus dem Radio mit der aufgesteckten britischen Flagge gehen beinahe in dem Arbeitslärm unter. "Die Platten werden meistens in Italien fabriziert", sagt er. In England gebe es schließlich nur eine Aluminiumhütte. Es sei auch ein italienisches Familienunternehmen, das die kleinen Räder herstellt. "Zwei Komponenten stammen aus China, alles andere ist europäisch", sagt er.

Auch historisch ist Kaymet in Europa verwurzelt: Ein Nachfahre der deutschstämmigen Familie Schreiber hatte die Marke 1947 gegründet. Mittlerweile leitet Brearley das Unternehmen gemeinsam mit seiner Frau und seinem Bruder - mitunter mit modernen Mitteln: Stolz verrät er, dass er den Instagram-Account der Firma selbst pflege. Der jüngste Eintrag ging vergangenes Wochenende kurz vor der pro-europäischen Großdemo online. Das Foto zeigt ein blaues Kaymet-Tablett mit zehn gelben Zitronen. Außerdem liegen zwei gelb-blaue Buttons darauf. Ihr Slogan: "Scheiß auf Brexit".

Dieser Text entstand im Rahmen einer Recherchereise mit dem Journalists Network.

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Quelle: n-tv.de

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