Wirtschaft

Weiche Gemeinschaftswährung Die Folgen der Euro-Schwäche

Das europäische Hilfsversprechen für Griechenland scheint wirkungslos zu verpuffen: Der Markt bleibt hochgradig nervös. Der Euro verliert zusehends an Wert. Welche Konsequenzen drohen Wirtschaft und Verbrauchern?

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Nicht ganz zehn Jahre nach der Einführung des Euro-Bargelds steht die Europäische Gemeinschaftswährung vor ihren ersten großen Belastungsprobe.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Kurzer Rückblick: Das Rettungspaket für Griechenland hat die Sorgen vor einer Ausweitung der europäischen Schuldenkrise nur kurzfristig gedämpft. Nachdem der Euro am vergangenen Wochenende infolge des milliardenschweren Hilfspakets deutlich über 1,33 Dollar gestiegen war, sank er zu Wochenbeginn um fast einen Cent in Richtung 1,32 Dollar.

Aus Furcht vor einem Übergreifen der Krise auf weitere Mitglieder der Währungsunion fiel die europäische Gemeinschaftswährung am Dienstag dann um gut zwei Cent auf 1,3088 Dollar. Am Mittwoch rutschte der Euro zum US-Dollar noch einmal um knapp zwei Cent ab bis auf 1,2805 Dollar.

Am Donnerstag setzte der Euro seine Talfahrt fort: Die Gemeinschaftswährung fiel zeitweise auf bis zu 1,2738 Dollar und lag damit so tief wie seit März 2009 nicht mehr.

Euro / US-Dollar
Euro / US-Dollar 1,21

Auch gegenüber anderen Währungen ging es abwärts: Mit 118,87 Yen markierte der Euro zur japanischen Valuta den tiefsten Stand seit Februar 2009. Zum britischen Pfund Sterling erreichte die Gemeinschaftswährung mit 84,68 Pence ein Neun-Monatstief.

Am Devisenmarkt sind sich die Händler einig: Die Angst vor einer Ausweitung der griechischen Schuldenkrise untergräbt zunehmend das internationale Vertrauen in den Euro.

Was heißt das für die Wirtschaft?

Allgemein gilt die Faustformel: Ein schwacher Euro hilft dem Export, macht aber die Rohstoff-Importe teurer. Die werden nämlich in der Regel in Dollar abgerechnet. Ob der schwache Euro unter dem Strich der deutschen Wirtschaft hilft, hängt von weiteren Faktoren ab.

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Der Löwenanteil des deutschen Exports bleibt im Euro-Raum.

(Foto: APN)

Die deutschen Exporteure erwirtschaften nur rund 20 Prozent ihrer Umsätze im Dollar-Raum. Dort liegen abgesehen von den USA auch die besonders dynamischen Schwellenländer wie Brasilien, Russland, Indien oder China, die ihre lokale Währung entweder an den Dollar gekoppelt haben oder ihn als Verrechnungsbasis nutzen. Abgesehen von Frankreich und der Euro-Zone sehen die deutschen Exporteure hier ihre wichtigsten Absatzmärkte.

Auf diesen Märkten müssen sich die deutschen Firmen gegen harte Konkurrenz aus Asien und Amerika behaupten. Ein schwacher Euro verschafft ihnen einen wichtigen Wettbewerbsvorteil. Er erlaubt es, die wegen der hohen Arbeitskosten teuren deutschen Exportschlager wie Maschinen und Fahrzeuge günstiger anzubieten.

Wer profitiert direkt?

Wie wichtig gerade die Schwellenländer für die deutsche Wirtschaft inzwischen sind, zeigt die Autoindustrie. Im ersten Quartal steigerten Audi, BMW und Daimler ihre Verkaufszahlen in China auf Rekordniveaus. Volkswagen verkauft schon heute deutlich mehr Autos in der Volksrepublik als in Deutschland, Tendenz weiter stark steigend.

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BMW-Werk in Spartanburg im US-Bundesstaat South Carolina.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Floriert der Export, geht es auch der deutschen Wirtschaft insgesamt gut. Trotz des schwersten Einbruchs der Nachkriegszeit machte er im Krisenjahr 2009 immer noch 40,8 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) aus. Damit liegt Deutschland über dem EU-Niveau: In der Euro-Zone liegt Exportanteil am BIP nur bei 36,3 Prozent. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes arbeitet in Deutschland jeder fünfte Erwerbstätige direkt für den Export.

Wem schadet die Euro-Schwäche?

Jahrelang haben Wirtschaftsverbände den hohen Euro-Kurs und die Folgen für die Exportwirtschaft beklagt. Nicht zuletzt die Autobauer haben unter dem Druck negativer Wechselkurseffekte Teile ihrer Produktion in den Dollar-Raum verlagert. Ein schwache eigene Währung gilt als Vorteil: Wegen künstlich niedrig gehaltener Yuan-Kurse sah sich China international vehementer Kritik ausgesetzt. Es hieß, Peking verschaffe sich dadurch unzulässige Exportvorteile gegenüber Europa und vor allem den USA.

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Heimische Kohle: Ein Schaufelradbagger im Tagebau Vereinigtes Schleenhain der Mitteldeutschen Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag).

(Foto: picture alliance / dpa)

Wirkt die neue Euro-Schwäche nun wie ein unverhofftes Konjunkturpaket für die deutsche Wirtschaft? Skeptische Beobachter sagen: Nein. Ein schwacher Euro schade mehr als er nutze. Denn Deutschland importiere sich damit Inflation.

Weil Rohöl, Metalle und andere Rohstoffe überwiegend in Dollar bezahlt werden müssen, dürften die Preise in Deutschland und den übrigen Euro-Ländern ansteigen. Die massiven Abmilderungseffekte eines starken Euro, wie sie besonders gut während der extremen Ölpreisspitzen des Jahres 2008 zu beobachten waren, fallen damit künftig weg.

Steigen jetzt die Preise?

Wegen der weltweiten Konjunkturerholung ziehen die Notierungen an den internationalen Rohstoffmärkten derzeit wieder an. Das hohe Preisniveau zum Beispiel beim Rohöl, wo derzeit immer noch mehr als 80 Dollar je Barrel bezahlt werden müssen, drohen künftig voll auf die deutsche Wirtschaft durchzuschlagen.

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Erst zeigt sich die Schwäche am Devisenmarkt, dann im Geldbeutel.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Der vom Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) berechnete Rohstoffpreisindex zog im April in Dollar gerechnet um 5,7 Prozent an. In Euro waren es dagegen 7,0 Prozent. Je tiefer der Euro fällt, desto weiter wird diese Spanne auseinander gehen - mit allen Folgen für den Import, den Einkauf und die Erzeigerpreise.

Für die Unternehmen wird das teuer. Die deutsche Industrie beklagte im April in einer Umfrage des Markit-Instituts bereits den stärksten Kostenanstieg seit fast zwei Jahren. Sie erhöhten deshalb den dritten Monat in Folge die Verkaufspreise.

Welche Folgen drohen dem "kleinen Mann"?

Das spüren auch die Verbraucher. Die Benzin- und Dieselpreise stiegen in den vergangenen Tagen auf Jahreshochs, wobei hier der direkte Zusammenhang zwischen den Preisen an den Tankstelle und den Notierungen am Weltmarkt zumindest umstritten sind.

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Wenn die Konsumenten sich zurückhalten, bekommen das Händler, City-Manager und Kommunen sofort zu spüren.

(Foto: picture alliance / dpa)

Weil die Einkommen 2010 wegen Kurzarbeit, dem Wegfall von Boni und schwacher Lohnerhöhungen kaum steigen werden, wiegt eine höhere Teuerungsrate doppelt schwer. Sie belastet die Realeinkommen und damit den privaten Konsum. Das könnte den positiven Effekt der Euro-Schwäche auf den Export wieder zunichte machen. 

Zieht die Inflationsrate deutlich an, zwingt das die Europäische Zentralbank (EZB) zudem zu schnelleren Zinserhöhungen. Das wiederum würde Kredite für Unternehmen und Verbraucher verteuern und damit Investitionen und Konsum bremsen. Mittelfristig könnte der billige Euro damit den Erholungskurs der europäischen Wirtschaft stark beeinträchtigen.

Quelle: ntv.de, AFP/dpa/DJ/rts

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