Wirtschaft

Jede Box ein Datenpunkt Die neuen Player im Container-Business

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Damit der Container nicht zur Blackbox wird, wird die Fracht getrackt.

(Foto: imago images/Rainer Unkel)

Alles wird in Containern transportiert: die Zahnbürste, der Rasierer, die Handtücher, der Föhn. Die Stahlbox ist die kleinste Einheit der Globalisierung. Doch wer hat bei allem Hin und Her noch den Überblick?

Dieser Drang, Dinge bis an ihren Ursprung zurückzuverfolgen, bahnt sich seinen Weg oft in der privaten Downtime. Etwa: Diese Zahnbürste im Mund, woher kommt die eigentlich? Welche Räder der Globalisierung mussten da bis ins Bad walzen? Am Ende landet man in der gedanklichen Rückverfolgung bei einer bunten Box - dem Container.

Der Container ist die kleinste Einheit der Globalisierung. Quasi: der Pixel der Weltwirtschaft. Das Rückgrat aller Logistik. Alles wird in Containern transportiert: die Zahnbürste, der Rasierer, die Handtücher, der Föhn. Beim Frühstück geht es weiter: Toaster, Kaffeemaschine, Kaffeepulver, die Teller vom Möbelgiganten. Container, Container, Container. Es wäre müßig, alles aufzuzählen, was so seinen Weg durch die Welt findet. Aber: Es ist verdammt viel.

Entsprechend ist einiges auf den Ozeanen los: Im vergangenen Jahr hat das Schweizer Logistik-Unternehmen Kühne + Nagel 4,8 Millionen Container bewegt. Konkurrent Sinotrans nochmals 3,7 Millionen Container. DHL Global Forwarding weitere 3,2 Millionen Container. DB Schenker USA nochmals 2,2 Millionen. Und DSV Panalpina auch noch 1,9 Millionen – und das sind nur die top fünf der globalen Logistikdienstleister.

All diese Container werden auf ihren Reisen um den Globus natürlich auf Schiffe verladen. Maersk, die größte Containerschiffreederei, schickt rund 700 solcher Schiffe auf die Ozeane, mit insgesamt 4,1 Millionen TEU. TEU, die Abkürzung für Twenty-foot Equivalent Unit, ist die entscheidende Maßeinheit des Containerhandels. Wenn so ein Container also 20 Fuß lang ist (circa 6,10 Meter), entspricht er einem TEU. Ein 40-Fuß-Container: zwei TEU. Nach Maersk liegt die Mediterranean Shipping Company mit 3,8 Millionen TEU auf Platz zwei. Hapag-Lloyd, eine deutsche Reederei, mit 1,7 Millionen TEU auf dem fünften Platz.

Logistik im Superlativ

Dieser globale Vertrieb funktioniert aber nicht wie ein Onlineeinkauf, nach dem Motto: eine Bestellung, ein Paket. Wenn etwa ein Reifenhersteller aus Japan seine Reifen vom Produktionsstandort in Tokio nach Vancouver verschiffen will, landen diese nicht zwangsläufig alle auf einem Schiff, nicht einmal bei einer Reederei.

Die Globalisierung ist kein Wohnungsumzug, eher die Anreise von Mitarbeitern mit der U-Bahn: Jede Charge kann separat kommen, auf mehreren Schiffen, von verschiedenen Reedern. Denn wer in diesen Mengen denkt, muss sehr genau darauf achten, das günstigste Angebot zu bekommen. Die Globalisierung skaliert nicht nur die Umsätze, sondern auch die Vertriebskosten.

Nur: Wer behält bei all diesen Schiffen, all diesen Containern und all diesen TEU den Überblick über das große Ganze? Lange gab es in der Branche keine Möglichkeit, seine Container über die Reeder hinweg zu tracken und zu schauen, wo sich welche der Kisten gerade befindet. Das jedenfalls sagt Niklas Ohling, Senior Director Container Steering beim größten deutschen Reeder Hapag-Lloyd in Hamburg. "In den frühen 2000er-Jahren gab es da die ersten Ideen", sagt Ohling. Aber eben: nur Ideen. Was fehlte, war erstens die entsprechende Technologie und zweitens die Möglichkeit, dieses Wissen zu monetarisieren. Und vielleicht auch irgendwie das Interesse.

Doch nun leben wir im Jahr 2021, und sogar private Endkunden können sehen, ob ihre Bestellung eingegangen ist, ob die Ware verpackt worden ist und ob sie auf dem Weg zum Paketzentrum ist oder schon auf der letzten Meile - im besten Falle sogar in Echtzeit. Und das gilt nicht mehr nur für die neue Schrankwand, sondern längst auch für trivialere Produkte wie die Pizza, deren Weg vom Ofen bis vor die Tür bis ins Detail aufbereitet verfolgt werden kann.

Globale Logistik erfordert Daten

Klar, der Pizzavergleich hinkt. Und doch: Bis man den Weg der Pizza auf dem eigenen Smartphone verfolgen konnte, wussten die allermeisten vermutlich nicht, dass sie dieses Bedürfnis nach minutiöser Kontrolle überhaupt haben.

Es mutet daher erstaunlich an, wie lange solche Lösungen im globalen Handel auf sich warten ließen. Schließlich sind dort die versendeten Mengen derart groß, dass unser Gehirn die damit verknüpften Zahlen kaum noch verarbeiten kann. Die Waren sind um ein Vielfaches teurer. Und geht etwas verloren, ist sehr viel mehr futsch als das Abendessen.

Im globalen Zusammenspiel sind Kontrolle und Überblick also noch wichtiger. Denn nicht nur das günstigste Containerangebot zählt, sondern auch die genaue Planung. Kommt der Satz Reifen pünktlich an, wenn die eben produzierten Autos die Reifen benötigen? Das ist "just in sequence", das ist der Takt, in dem die Weltwirtschaft arbeitet. Es war vermutlich also nur eine Frage der Zeit, bis jemand auf die Idee kommt, so einen Service anzubieten. Am Ende war dies Ocean Insights, ein Startup aus Rostock. Und damit zurück zum Frühstückstisch.

Frühstücks-Logistik

"Vieles, was man morgens beim Frühstück in der Hand hat, wurde von Ocean Insights getrackt", sagt Robin Jaacks, früher CCO und Geschäftsführer von Ocean Insights. "Ob du dir das Gesicht eincremst oder in dein Auto steigst - das kommt alles im Container."

Seit 2012 bietet Ocean Insights dieses Tracking an, in dieser Zeit ist das Unternehmen zu einem globalen Player geworden. Jaacks, der vorher etwa Praktikant bei Tesla war, kam damals als Jüngster zu Ocean Insights. "Ich glaube, die hätten mir die Aufgabe nicht übertragen, wenn wir gewusst hätten, was sich dahinter alles verbirgt", sagt er und lacht. Ocean Insights haben die Gründer inzwischen an Project 44 verkauft. Jaacks ist dort nun Senior Vice President Growth.

Bei seinem Start war die Zukunft des Unternehmens eine große Blackbox - keine Finanzierung, kein Investment. "Wir haben ein ungewöhnliches Modell gewählt und Ocean Insights selbst finanziert", sagt Jaacks. Ocean Insights ist mit seinen Kunden gewachsen, eingenommenes Geld hat das Unternehmen entweder ins Research Development oder in neue Mitarbeiter investiert. Alles aus dem Cashflow.

Jaacks' Unternehmen arbeitet aktuell für rund 200 große Industriekunden in über 30 Ländern. "Wir haben starke Märkte in Japan und in den USA", sagt Jaacks. Er und Project 44 haben ein Ziel: dem irren Treiben auf den Meeren eine user-freundliche Oberfläche zu geben. Etwas, das man bequem vom Büro oder von zu Hause abrufen kann. Hübsche Farben, schöne Visualisierungen, stilisierte Schiffe, Kräne und so weiter. Aber die Optik ist nicht der entscheidende Punkt. Sondern natürlich die Daten.

Jede Aktion ein Datenpunkt

Wenn Daten das Gold der Neuzeit sind, dann sind die Daten von Project 44 das Rohöl. Jeder Container ein Datenpunkt. Jedes Schiff, jeder Hafen, jede Be- und jede Entladung, jedes Ein- und jedes Auslaufen, jede Verzögerung eines Schiffes oder auch jedes längere Verwahren eines Containers im Hafen oder beim Zoll wird minutiös dokumentiert.

"Wenn du einen Container bestellst, kriegst du eine 14-stellige Trackingnummer", sagt Jaacks. Mit der kann ein Kunde auf die Seite der Reederei gehen und sehen, was mit dem Container gerade passiert. Wurde er abgeholt? Wurde er verladen? Ist er hier? Oder da? Oder der Kunde lässt diese Daten mehrerer Reeder auf der Seite von Project 44 sammeln – und hat sie alle auf einem Blick.

"So funktioniert das heute", sagt Jaacks. Heute meint in diesem Fall: Seit beinahe zehn Jahren. Und das geht so: Die Daten, die Ocean Insights über die Reeder erhält, werden von Dienstleistern bereitgestellt, mit denen etwa Hapag-Lloyd weltweit arbeitet. "Diese Event-Daten kaufen wir mit ein", sagt Hapag-Lloyd-Mann Ohling. Diese Dienstleister können Hafenbetreiber sein. Aber auch der Zoll oder andere Spediteure, die die Container per Zug oder Lkw bewegen.

Natürlich ist Hapag-Lloyd nicht der einzige Reeder, der so arbeitet - und Ocean Insights sammelt eben, aggregiert und stellt diese Daten der verschiedenen Player so dar, dass die Kunden einen Rundumblick auf ihre Waren haben.

Weil dieses Sammeln und Aggregieren einige Zeit und bei manchen Weltregionen sogar sehr viel Zeit in Anspruch nehmen kann, sind diese Daten nicht live. Aber: "Seetransport ist der langsamste Transport", sagt Ohling. Auf dem Seeweg von Asien nach Europa dauert eine Passage fünf bis sechs Wochen. Der Zug braucht für dieselbe Strecke rund 16 Tage, ist aber viel, viel teurer, ebenso wie das Flugzeug.

Gemütliche Logistik?

Aber wenn der Transport so gemütlich ist – sollten sich dann nicht relativ einfach genaue Daten ermitteln und zur Verfügung stellen lassen? Die Antwort darauf lautet: Es ist kompliziert.

Grundsätzlich könnte man natürlich jeden Container mit Tracking-Technologie ausstatten, sagt Ohling. Wenn aber allein Hapag-Lloyd seine rund 2,9 Millionen Container damit versehen würde, wären die Kosten immens. Was auch der Grund ist, weshalb es dieses genaue Tracking bisher fast nur für gekühlte Container gibt – und für einige Forschungsprojekte, die neben den Kosten auch den Nutzen eines solchen Services ausloten.

"Wir haben das mal durchgerechnet, und es ist nicht ganz wasserdicht, aber wir tracken jedes Jahr ungefähr ein Inventory von 350 Milliarden Dollar", sagt Jaacks von Ocean Insights. Mit dieser Datenmenge traut sich Ocean Insights eben nicht nur, sie auf einem Interface zur Verfügung zu stellen. Das Unternehmen wagt auch eine Vorhersage, ob Container pünktlich ankommen werden oder nicht. Und wenn die Daten das Öl sind, dann sind solche Prognosen das Superbenzin der Globalisierung.

Was ist da im Container los?

Das hat einen einfachen Grund: Kunden wollen heute mehr Transparenz in ihrer Supply-Chain, erklärt Henning Pottharst, Global Product Manager für Smart Visibility des Logistikers Hellmann, eines Kunden von Ocean Insights. Pottharsts Job ist es, dafür zu sorgen, dass die Kunden, die mit Hellmann Waren um die Welt schicken, sehen, wo diese sind.

"Das vergangene Jahr hat in der Logistik einen großen Digitalisierungsschub gebracht", sagt Pottharst. "Im Grunde ist das eine Frage der Kostenoptimierung." Und, genau wie bei der Pizza: eine Frage der Kontrolle. Denn kommt ein Container auf Abwege, wird er vergessen oder bleibt in einem Hafen stehen, fallen schnell hohe Kosten an. Smarte Visibility soll das verhindern.

Pottharsts Unternehmen arbeitet mit Project 44 zusammen, weil "die es geschafft haben, über die Daten eine schöne Konsolidierungsebene zu legen", sagt er. Außerdem könne Project 44 längst nicht nur die Daten der verschiedenen Reeder visualisieren, sondern auch die, die Hellmann selbst erhebt, zum Beispiel: Was sich im Inneren eines Containers abspielt.

Wie sind Temperatur und Luftfeuchtigkeit? Hat der Con­tai­ner einen Schock abbekommen, oder wurde gar die Tür geöffnet? "Das ist, als wären die Kunden auf den Schiffen, weil sie wirklich alles wissen", sagt Pottharst. Er vergleicht das, was Ocean Insights leistet, mit einem Hotelbuchungstool: "Natürlich kannst du jedes Hotel selber finden - aber das kostet Zeit."

Planbare Logistik

Pottharst und sein Team statten die Container für ihren Visibility-Service daher schon heute mit Sensoren aus. Der Wichtigste davon: GPS-Tracker. "Das Gerät dafür ist wirklich tauglich für den Massenmarkt", sagt Pottharst. Damit meint er Preis und Verfügbarkeit. Doch auch er spricht nicht davon, dass am Ende wirklich jeder Container mit Sensorik ausgestattet sein wird.

"Es sei denn, natürlich, du hast wirklich wichtige Produkte oder irgendwo ein Problem in der Supply-Chain." Es gilt: Je wertvoller die Waren, je verderblicher oder je dringlicher die Lieferung, desto wichtiger ist es, immer und zu jeder Zeit Bescheid zu wissen. "Ocean Insights macht das ganz gut, auch diese Daten anzuzeigen."

Einige Kunden setzten die Technik sogar auf sehr kurzen Distanzen ein, auf denen es sehr wichtig ist, dass die Zeiten eingehalten werden. "Wir haben einen Kunden in Dubai, der will alle fünf Minuten wissen, wo seine Lkw sind", sagt Pottharst. Auf einer Strecke von zwei Tagen überquert dieser Lkw nämlich mehrere neuralgische Punkte, wie etwa Grenzübergänge.

Um diese Punkte herum sind sogenannte Geofences eingezeichnet: Fährt ein Lkw da rein oder heraus, trackt das Gerät seine Position. "Anhand dessen kann ich als Unternehmen in der Logistik natürlich KPIs aufbauen", so Pottharst. Also: definieren, wann welche Zwischenstationen erreicht sein müssen, damit die Lieferketten optimal funktionieren. Die Zwischenzeiten des Welthandels.

Wachstum, Wachstum, Wachstum

Das Beispiel Hellmann zeigt auch, dass Ocean Insights natürlich längst nicht mehr nur Fracht auf See, sondern auch an Land und in der Luft tracken kann. Weshalb das Unternehmen vor Kurzem bekannt gegeben hat, dass es vom US-Trackingservice Project44 aus Chicago gekauft worden ist.

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"Wir haben unsere besten Karten gespielt", sagt Jaacks. Ocean Insights stand an der 100-Mitarbeiter-Schwelle. Ein weiteres Wachsen wäre jetzt nur noch mit Investment von außen möglich. Daher der Deal: Idee gegen technologische Unterstützung und professionelles Wachstum.

Das zeigt aber, was die Gründer von Ocean Insights in den vergangenen Jahren geleistet haben - und was für ein Potenzial ihr Unternehmen noch hat. "Der Prozess ging wirklich sehr schnell", sagt Jaacks. Erst seit Neujahr hätten die beiden Unternehmen daran gearbeitet.

Project 44 war bisher vor allem für sein Straßen-Carrier-Netzwerk bekannt, nun kann es auch auf die Daten von 350.000 Containern, 700 Seehäfen und mehr als 5000 Schiffen zurückgreifen, die Ocean Insights täglich überwacht - nicht zu vergessen die fünf Millionen Fahrplanänderungen, die es weltweit täglich gibt.

Außerdem bringt Ocean Insights Kunden mit, etwa die Sysco International Food Group, Pernod Ricard, Player aus den Bereichen Automobil- und Lebensmittelherstellung. Und natürlich die Kunden, die herstellen, was man morgens im Bad und beim Frühstück alles so braucht.

Der Text erschien zuerst bei Business Punk.

Quelle: ntv.de

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