Wirtschaft

Bewusster GegenkursEuropa ordnet seine Verhältnisse neu - an Trump vorbei

28.01.2026, 17:57 Uhr
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Die EU sucht neue Bündnisse. (Foto: picture alliance/dpa)

Europa muss unabhängiger von den USA werden. Experten predigen dies seit Jahren und durch den Politikstil von Präsident Trump kommt nun Tempo in die Sache. Die EU bindet neue Partner an sich und sucht weitere Verbündete. Doch die US-Dominanz ist groß.

Die Europäische Union legt im neuen Jahr auf einmal ein hohes Tempo vor, wenn es um Handelsabkommen geht: Am Dienstag vereinbarte sie mit Indien, dass die Zollsätze auf fast alle Waren abgeschafft werden. Wenige Tage zuvor unterschrieb die Staatengemeinschaft nach jahrzehntelangen Verhandlungen ein Freihandelsabkommen mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten.

Kanada wiederum verständigte sich Mitte Januar mit China auf die Beseitigung von Handelshemmnissen. Und als erster britischer Premierminister seit 2018 befindet sich Keir Starmer gerade in China. Dass all diese Initiativen plötzlich möglich werden, hängt mit einer einzigen Person zusammen: US-Präsident Donald Trump. Denn der führt die Supermacht auf den entgegengesetzten Weg höherer Zölle und verschreckt bisherige Partner durch einen rüden, teilweise unkalkulierbaren "America-first"-Ansatz.

Während dies 2025 noch Schrecken und Fassungslosigkeit bei den bisherigen Partnern der USA auslöste, bekommt 2026 für Deutschland und die EU einen anderen Charakter, wie aus Gesprächen mit Regierungsvertretern und EU-Diplomaten deutlich wird: Europa zimmert nun - notgedrungen - an einer weltweiten Zusammenarbeit um die USA herum. "Die Welt ist unsicherer geworden, Allianzen, auf die wir vertraut haben, gesetzt haben, fangen an, brüchig zu werden", sagte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche auf einer Veranstaltung. Deutschland müsse sich daher neue Partner suchen. Auch der kanadische Ministerpräsident Mark Carney machte zuletzt klar, dass seine Regierung als Reaktion auf das US-Verhalten verstärkt auf andere Partner in der Welt zugehe. Überlegungen, wie man Abhängigkeiten von einem unkalkulierbaren Trump-USA abbauen kann, gibt es dabei in vielen Bereichen - Handel, Sicherheit, Technologie, Politik.

Die erwähnten Handelsabkommen sind ein Vorgeschmack dessen, was noch kommen soll: Kanzler Friedrich Merz dringt darauf, dass die EU schnell auch Abkommen mit Australien, Indonesien oder Mexiko überarbeitet oder neu abschließt. Die EU führt weitere Handelsgespräche etwa mit Malaysia, den Philippinen und Thailand, die 2027 unter Dach und Fach gebracht werden sollen. Neu auf der Agenda steht Vietnam: Mit dem Land will die EU ein Abkommen über Handel und Investitionen in kritische Mineralien, Halbleiter und Infrastruktur abschließen.

Der Treiber: Je unsicherer der US-Markt wird, desto mehr braucht die deutsche und europäische Industrie sichere Absatzmärkte in anderen Teilen der Welt. Die USA bleiben zwar die größte Volkswirtschaft der Welt. Aber die Hochzollpolitik wirkt sich bereits auf die Handelsströme aus. Der Anteil der USA am Welthandel lag 2023 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes noch bei 10,8 Prozent - Tendenz durch die Zollstreitigkeiten sinkend.

Trumps Drohung, das zu Dänemark gehörende Grönland zu annektieren, hat Schockwellen auch in die Reihen der überzeugtesten Transatlantiker in Kanada und Europa gesandt. Schon 2025 gab es Zweifel, ob die USA ihre Nato-Verpflichtungen unter Trump überhaupt einhalten würden - auch weil dem US-Präsidenten Sonderbeziehungen zu Russland nachgesagt werden. Offiziell hält etwa Kanzler Merz daran fest, dass die Nato weiter das wichtigste Verteidigungsbündnis für Deutschland ist. Nato-Generalsekretär Mark Rutte mahnte, wegen seines Jobs wenig überraschend, dass Sicherheit für Europa ohne die USA völlig illusorisch sei.

Aber hinter den Kulissen laufen sehr wohl Überlegungen, dass man stärker ohne die USA denken und marschieren müsse. In der Rüstungsindustrie sollen Waffenschmieden als Alternative zu den US-Firmen aufgebaut werden. Im Ukraine-Konflikt hat sich eine "Koalition der Willigen" ohne die USA entwickelt. Von den oppositionellen Grünen kommt bereits der Vorschlag, dass man diese Gruppe doch zu einem eigenständigen Sicherheitsgremium über die Ukraine hinaus ausbauen könnte.

Dieses Denken überträgt sich nach Angaben von EU-Diplomaten nun auf andere Abhängigkeiten, etwa von US-Technologien, vom Dollar bis zu Zahlungssystemen. Überall laufen Überlegungen, wie man sich von der bisherigen amerikanischen Dominanz lösen kann - auch wenn dies angesichts der wirtschaftlichen und technologischen Stärke der Supermacht nicht einfach ist.

Die USA haben klargemacht, dass sie von der bisherigen Kooperation in der Welt wenig halten. Die Trump-Regierung ist aus mehr als 66 internationalen Organisationen oder Verträgen ausgestiegen, darunter der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Andere Staaten wollen diesen Weg nicht mitgehen, weshalb sich die Kluft zu Washington vergrößert. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos hat Trump das Konzept für einen neuen Friedensrat vorgelegt, der sich zwar anfangs um eine Lösung im Gazastreifen kümmern soll, dann aber um die ganze Welt. Die Besonderheit: Anders als bei der UN soll es beim Friedensrat eine klare Führung durch die USA geben - die auf Lebenszeit bei Trump liegt. Die Liste der Staaten, die bereit sind, sich derart einer US-Regierung unterzuordnen, ist sehr begrenzt. Keiner der wichtigen westlichen Partner hat unterschrieben.

Stattdessen wird in anderen Bahnen gedacht. Merz will im Jahr 2026 etwa an die Politik anknüpfen, die bereits sein Vorgänger Olaf Scholz geprägt hat: In einer Welt mit einer stärker werdenden Konkurrenz zwischen den USA und China will Deutschland engere Bande zu den aufstrebenden Schwellenländern auf der Südhalbkugel knüpfen. Brasilien, Südafrika, Nigeria, Indonesien und Indien rücken deshalb in Wahrnehmung und Wertschätzung deutlich nach oben.

Schon 2025 fuhr Merz übrigens trotz des Boykotts von Trump zum G20-Treffen nach Südafrika. "Es war keine gute Entscheidung der amerikanischen Regierung, hier zu fehlen", kritisierte Merz in Johannesburg. Die USA hätten in den Beratungen der anderen wichtigsten Industrienationen der Welt denn auch "eine ziemlich geringe Rolle gespielt - Für uns war es gut, dass wir hier sind."

Quelle: ntv.de, Andreas Rinke, rts

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