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Mysteriöse Windrad-Crashs Experten nähern sich dem Rotor-Rätsel

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"Plötzlich auftretende Überlast": Die rätselhafte Unfallserie beschäftigt nicht nur die Experten.

picture alliance / dpa

Wie sicher sind Windräder? Mitten im Winter knicken in Deutschland urplötzlich mehrere Windräder um. Die rätselhafte Häufung weckt Zweifel an der Betriebssicherheit der Anlagen. Bei der Suche nach der Ursache stoßen Experten auf eine heiße Spur.

Die ungewöhnliche Serie von Windrad-Havarien rund um den Jahreswechsel lässt sich laut Experten womöglich auf dieselbe Fehlerquelle zurückführen. Bei den Vorfällen in mehreren Bundesländern waren in Dezember und Januar ohne Vorwarnung schwere Schäden an vier Windkraftanlagen aufgetreten. Bei drei der betroffenen Windräder knickten die Masten um. Bei einer vierten Anlage nahe Zichow in Brandenburg brach ein Rotorblatt.

Einem Bericht des "Spiegel" zufolge deuten die bisherigen Untersuchungen daraufhin, dass der mysteriösen Unfallserie eine gemeinsame Ursache zugrunde liegt. Die Rotorblätter der betroffenen Anlagen sollen sich zu spät aus dem Wind gedreht haben, heißt es. Als die auftretenden Kräfte zu stark wurden, hielt die Konstruktion den Belastungen nicht mehr stand und brach. Dabei ist von einer "plötzlich auftretenden Überlast" die Rede.

Mehr als 27.000 deutsche Windräder

Die betroffenen Anlagen, die bei vergleichsweise harmlosen Witterungsbedingungen umstürzten, waren allesamt mehr als 15 Jahre alt. Das Problem könnte weitere, baugleiche Windkraftanlagen betreffen: Eigentlich soll ein elektronisches Steuerungssystem Masten und Rotoren vor zu starken Belastungen schützen. Dafür verantwortlich ist die sogenannte Pitch-Regelung, die den Anstellwinkel der Rotorblätter verändert, so dass der Luftwiderstand der Anlage sinkt und die Belastungen durch den Winddruck nachlassen.

Wenn die Pitch-Regelung nicht funktioniert oder auch nur zu spät auf Böen oder anhaltenden Starkwind anspricht, könnte unter Umständen schon geringerer Winddruck ausreichen, um die Stabilität der Windkraftanlage insgesamt zu gefährden. Rund um den Jahreswechsel kam es binnen 24 Tagen in Deutschland zu vier Windrad-Havarien.

Zwei Windrad-Modelle im Fokus

Gutachter sollen im Auftrag der verschiedenen Betreiber den Auslöser der Unfallserie ermittlen. Vollständig abgeschlossen ist die Ursachenforschung noch nicht, heißt es. Betroffen waren demnach zwei Anlagen vom Typ "D4" von DeWind sowie zwei Windräder vom Typ "Tacke TW 1,5", die nach der Enron-Pleite als Typ "GE 1.5" installiert wurden. Die beiden Modelle seien "fast identisch".

Die fraglichen Anlagen standen in den Bundesländern Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen. Letzte Sicherheit über die Unfallursachen gibt es noch nicht. Einzelne Betreiber haben weitere Gutachten in Auftrag gegeben. Die Ermittlungen dauern an.

Instabile Windkraftanlagen?

"In dem konkreten Fall, den wir untersucht haben, lag es höchstwahrscheinlich an der Pitch-Regelung", erklärte Robert Döring von dem Dienstleistungsunternehmen Enertrag, das solche Anlagen wartet. Bei der älteren Baureihe sei noch ein hydraulisches und kein elektronisches System in Betrieb, so Döring, das mehr Wartung erfordere.

Schätzungen zufolge sind noch mehr als 150 Anlagen vom Typ D4 mit ähnlich veralteten Pitch-Regelungen in Deutschland in Betrieb. Vom Modell Tacke TW 1,5 beziehungsweise GE 1.5 sollen sich nach Informationen des "Spiegel" noch 1800 Exemplare in deutschen Onshore-Windparks drehen.

Das Problem mit schlimmstenfalls instabilen Windrädern bleibt demnach auf ein vergleichsweise kleines Segment beschränkt: Insgesamt produzieren in Deutschland nach Angaben des Bundesverbands Windenergie derzeit mehr als 27.200 Windräder Strom.

Der Branchenverband sieht ohnehin kein generelles Problem der Betriebssicherheit, das sich nicht durch regelmäßige Wartung beheben ließe. "Die Betreiber wollen möglichst lange Betriebszeiten erreichen und sparen an allem, aber nicht an der Wartung", erklärte Wolfram Axthelm vom Bundesverband Windenergie.

Quelle: n-tv.de, mmo/dpa

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