Wirtschaft

Auch Untergangspropheten können irren "Inflationsangst ist gefährlich"

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(Foto: REUTERS)

Ein Gespenst geht um in Deutschland: das Gespenst der Inflation. Angesichts der lockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank werden die Warnungen vor einer unausweichlichen Geldentwertung schriller. Zu Unrecht, sagt Mark Schieritz, wirtschaftspolitischer Korrespondent der "Zeit" im Interview mit n-tv.de. Die wirkliche Gefahr liege anderswo.

n-tv.de: Die öffentliche Meinung in Deutschland ist sich sicher: Die Inflation kommt unausweichlich – die lockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank lasse keinen anderen Schluss zu. Sie sehen das allerdings anders. Wieso eigentlich?

Mark Schieritz: Wir haben tatsächlich viele Probleme, doch Inflation ist keines davon. Es deutet nichts auf einen starken Preisanstieg hin – derzeit liegt die Inflationsrate in Deutschland bei 1,2 Prozent. Viele Leute warnen schon seit Jahren davor, dass die große Inflation unmittelbar bevorstehe. Bisher ist das aber nicht eingetreten. Es ist ja auch kein realistisches Szenario.

Hier könnte man mit Blick auf die Geldspritzen der Notenbank einwenden: Nur weil Inflation bisher ausgeblieben ist, heißt das ja nicht, dass sie auch in Zukunft ausgeschlossen ist.

Diese Annahme beruht zum Teil auf einer falschen Vorstellung davon, wie Geldpolitik funktioniert. Es ist richtig, dass die Notenbanken viel Zentralbankgeld in Umlauf bringen. Inflation kann daraus aber erst entstehen, wenn dieses Geld in irgendeiner Form nachfragewirksam wird – etwa durch Banken, die Kredite vergeben und Konsumenten, die dann Dinge kaufen. Es braucht also einen Druck auf die Preise, damit diese steigen. Das ist ein Mechanismus, durch den Inflation entstehen kann. Angesichts der schweren Krise ist das aber nicht realistisch.

Nun kann man natürlich argumentieren, es könne bald der Zeitpunkt kommen, wo genau das passiert. Die Notenbanken haben dann allerdings die Möglichkeit, schnell gegenzusteuern. Sie können dann anfangen, das Geld zu vernichten oder die Zinsen anzuheben. Das ist alles kontrollierbar.

CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt bezeichnete die EZB als "Inflationsbank" und deren Chef Mario Draghi als "Falschmünzer". So überzogen diese Formulierungen auch sind: Dahinter steckt der Vorwurf, dass dieses Gegensteuern nicht stattfinden wird.

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Mark Schieritz

So kann man natürlich argumentieren. Man kann der Meinung sein, dass die EZB bewusst Inflation erzeugen will, um den Schuldenabbau zu erleichtern – oder aus welchen Gründen auch immer. Der entscheidende Punkt ist jedoch, das passiert nicht einfach so. Man muss dafür unterstellen, dass böswillige Notenbanker am Werk sind, die Inflation erzeugen wollen.

Aus meiner Kenntnis dieser Bank heraus und angesichts der Verhältnisse in dem EZB-Rat habe ich nicht den Eindruck gewonnen, dass dort heimlich eine Inflationsschwemme erzeugt werden soll. Das würde zudem eindeutig gegen das Mandat verstoßen, demzufolge die Bank für Preisstabilität sorgen muss. Man muss schon viel kriminelle Energie unterstellen, um zu dem angesprochenen Schluss zu gelangen.

Gerne wird das Argument angeführt, dass zwar nicht die Notenbanken, aber die Regierungen gesteigertes Interesse an einer Inflation haben. Denn nur so ließen sich die Schuldenberge abbauen.

Natürlich kann man das unterstellen. Doch nicht die Regierungen machen die Geldpolitik, sondern die Notenbanken. Man unterstellt mit diesem Vorwurf, dass die Unabhängigkeit der Notenbanken komplett ignoriert wird – und die Banker Anweisungen der Regierungen Folge leisten werden.

Das halte ich nicht für realistisch. Die Stimmung in Europa ist anders. Vor allem in Deutschland ist das nicht denkbar. Es würde ein Aufschrei durch das Land gehen, wenn das passierte. Politiker wollen wiedergewählt werden. Ich denke nicht, dass ein deutscher Politiker es riskieren würde, einen solchen Aufschrei zu erzeugen. Er weiß, dass er dann abgewählt wird. Aus Sicht eines Politikers ist es in diesem Punkt sehr rational, die Unabhängigkeit der Notenbanken nicht zu sehr anzutasten.

Es stimmt, dass Inflation den Schuldenabbau erleichtert. Wenn sie aber außer Kontrolle gerät, ist dieses Mittel nur begrenzt wirksam. Es ist vollkommen klar: Finanzmärkte und Investoren werden höhere Zinsen fordern, wenn die Inflationsrate steigt und die Kaufkraft ihres Geldes, ihre Renditen sinken. Das kompensiert dann einen Teil des Vorteils wieder weg, den eine Regierung durch Inflation haben könnte. In unseren heutigen Zeiten mit den globalen Finanzmärkten lassen sich Schulden nicht so einfach durch Inflation beseitigen, wie es früher der Fall gewesen sein mag.

Seit Ausbruch der Finanzkrise wird vor Inflation gewarnt. Selbst wenn aus ökonomischen Gründen keine Inflation droht: Kann die Angst davor nicht zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden?

In der Tat. Für die Entwicklung der Preise sind die Inflationserwartungen sehr wichtig. Wenn die Gewerkschaften davon überzeugt sind, dass die Preise stabil bleiben, werden sie sich in den Tarifverhandlungen daran orientieren. Wenn die Gewerkschaften jedoch das Gefühl haben, dass die Preise kräftig anziehen werden, dann werden sie auch höhere Löhne fordern. Unternehmen werden Lohnerhöhungen durch höhere Preise auffangen wollen. Es besteht also durchaus die Gefahr einer Spirale aus steigenden Löhnen und steigenden Preisen.

Ich denke deshalb, dass Inflationsangst und das Schüren dieser Angst nicht nur auf falschen Tatsachen beruht, sondern auch gefährlich ist.

Unabhängig davon, ob die große Inflation kommt oder nicht: Ist die Angst vieler Bundesbürger vor den Folgen einer Geldentwertung nicht nachvollziehbar?

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Man bemüht dann häufig die Geschichte und sagt, man habe Inflation erlebt und den Nationalsozialismus als Folge davon. Das ist eine sehr selektive Wahrnehmung von Geschichte. Hitler kam nicht nach der großen Inflation 1925 an die Macht. Er kam 1933 inmitten der großen Wirtschaftskrise an die Macht. Wir haben uns in Deutschland die Geschichte so zurechtgelegt, alles Elend auf die Inflationsphase zu projizieren.

Das ist historisch nicht korrekt. Die Inflation war schlimm, sie hat viele Menschen hart getroffen. Die einfachen Arbeiternehmer hat es aber keineswegs heftiger erwischt, da ihre Löhne mitgestiegen sind. Anders sah es für diejenigen aus, die Ersparnisse hatten.

Wichtiger noch: Der Untergang der Weimarer Republik geschah in einer Phase der Deflation, in einer Zeit sinkender Preise und steigender Arbeitslosigkeit. Vor diesem Hintergrund sollten wir uns bewusst machen, dass Deflation noch gefährlicher als Inflation sein kann.

Historische Analogien sind immer problematisch. Kann man dennoch Schlüsse mit Blick auf die heutige Krise in Europa – gerade mit Blick auf Spanien oder Griechenland – ziehen?

Meine Lehre aus der Wirtschaftsgeschichte ist: Gesellschaften haben einen Vertrag geschlossen. Die Bevölkerung überträgt die Macht auf Zeit und erwartet im Gegenzug von der Regierung die Möglichkeiten darauf, sich im Leben zu verwirklichen. Wenn die Arbeitslosigkeit wie in Spanien bei rund 30 Prozent liegt, dann ist dieser Vertrag in Gefahr. Deshalb muss man alles tun, um diese schwere Wirtschaftskrise zu beenden. Diese ist viel gefährlicher für den sozialen Zusammenhalt und die politische Stabilität als eine vermeintlich drohende Inflation.

Sie weisen in ihrem Buch darauf hin, dass das Schüren von Inflationsangst durchaus im Eigeninteresse einiger Warner liegen kann…

In den letzten Monaten haben zahlreiche Banken Produkte aufgelegt, die vor Inflation schützen wollen. Die haben natürlich ein Interesse daran, diese Produkte auch zu verkaufen. Und einige Politiker versuchen, sich als Kämpfer gegen die Inflation zu inszenieren und damit an der Wahlurne zu punkten. Da ist es hilfreich, die Bedrohung möglichst groß zu zeichnen.

Es ist ja durchaus möglich, dass es nicht zu der beschworenen Inflation kommt. Dann hätten viele Anleger Geld versenkt.

In Deutschland haben wir das Phänomen, dass viele Menschen Immobilien kaufen. Das mag aus vielen Gründen oft eine absolut vernünftige Entscheidung sein. Doch wenn ich meine Investitionsentscheidung alleine darauf baue, dass das Geldsystem kollabiert, und es kollabiert nicht, dann habe ich viel Geld verloren. Ein Beispiel ist der Goldpreis, der in den letzten Wochen kräftig gesunken ist. Wer auf eine Katastrophe spekuliert, hat keine kluge Investitionsentscheidung getroffen, wenn die Katastrophe ausbleibt.

Sie sind Journalist und kein Anlageberater. Dennoch die Frage: Wie soll sich ein Anleger inmitten der Inflationsdiskussion verhalten?

Jeder sollte sich seine eigenen Gedanken machen. Man sollte sich nichts erzählen lassen, weder von Politikern noch von Anlageberatern. Man sollte sich die Frage stellen, ob es wirklich sein kann, dass die Preise in dieser Krise kräftig steigen. Den eigenen Kopf zu benutzen, halte ich für sehr wichtig – egal, ob es um Politik oder Investment geht. Zudem ist die Grundregel aller Anlageentscheidungen: Nicht alles auf eine Karte setzen. Schon gar nicht auf eine Karte, die vom Untergang des Währungssystems ausgeht.

Mit Mark Schieritz sprach Jan Gänger

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Quelle: n-tv.de