Wirtschaft

Stefan Riße Ist die Aktienanlage passé?

Mit dem Börsengang der Deutschen Telekom soll Deutschland ein Volk von Kleinaktionären werden. Doch auch diese Blase platzt. Seit Jahren geht die Zahl der Kleinanleger in Deutschland zurück. Ist die Aktienanlage ein Auslaufmodell - oder stehen wir vor goldenen Börsenzeiten? Börsenexperte Stefan Riße geht auf Spurensuche.

Stefan Riße

Stefan Riße

Im August 1979 erschien in der US-amerikanische "Business Week" die Titelgeschichte "Der Tod der Aktie" (Original: "The Death of Equities"). Über ein Jahrzehnt lang waren die Aktien per Saldo nicht gestiegen. Der Dow Jones bewegte sich in einer Bandbreite von rund 600 bis 1000 Punkten. Die Zeiten waren schwierig. Vor allem nach der Ölkrise 1973 litt die westliche Welt unter dem Diktat der OPEC, die den Ölpreis immer weiter nach oben schraubte. Die Folge war Rezession bei gleichzeitiger Inflation, ein Phänomen, das man bis dahin gar nicht kannte und das fortan als "Stagflation" bezeichnet wurde.

Wie so oft in der Geschichte war auch diese Titelgeschichte ein phantastischer Kontraindikator. Zwar dauerte es noch drei Jahre, dann aber begann mit der Amtsübernahme durch Ronald Reagan 1982 ein in der Geschichte unvergleichlicher Bullenmarkt.

Dicker Kater nach der Kursparty

Blicken wir heute zurück, dann sieht die Situation nicht viel besser aus. Seit März 2000, dem Ende der Jahrhunderthausse mit einem Dax von über 8000 Punkten, war für Anleger nichts zu gewinnen. Zwar erreichte er diesen Stand 2007 wieder, durch die Lehman-Krise wurden die Gewinne jedoch wieder zunichte gemacht, genauso wie die der anschließenden Erholung durch den jüngsten Absturz im August und September dieses Jahres. Inflationsbereinigt haben Aktienanleger in Deutschland in den vergangenen elfeinhalb Jahren mehr als ein Drittel ihres Vermögens eingebüßt.

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(Foto: picture alliance / dpa)

Es wundert daher nicht, dass die deutschen Privatanleger, die Aktie mental schon lange zu Grabe getragen haben. Die Aktionärszahlen und auch die Zahl der Aktienfondsbesitzer macht dies deutlich. Seit 2000 fallen sie kontinuierlich und haben sich mittlerweile fast halbiert. Die Deutschen waren nie ein Volk der Aktionäre. Nur etwas für Spekulanten, aber keine seriöse Geldanlage, war die verbreitete Meinung. Erst die von der teuersten Werbekampagne der deutschen Geschichte begleitete Emission der Telekom-Aktie im Jahr 1996 und der dann folgenden Boom bei Technologieaktien machte ihnen plötzlichen Appetit auf die vermeintlichen Risikopapiere. Plötzlich hatten auch die Deutschen begriffen, dass Aktien die bessere Geldanlage sind. Wenn es auch mal Rücksetzer geben könne, so würde es anschließend doch wieder aufwärts gehen und deshalb sei die Rendite weit besser als die von festverzinslichen Wertpapieren. Die Vergangenheit sprach da für sich. Wer in den vorherigen 20 Jahren in Aktien investiert hatte, konnte sensationelle Renditen verbuchen. Was man leider vergaß zu erwähnen, war die Tatsache, dass die 80er und 90er Jahre absolute Aktien-Ausnahmejahre waren.

Im ab März 2000 folgenden Absturz sahen die frischgebackenen Aktionäre dann, dass Rücksetzer auch 90 Prozent betragen und viele Jahre dauern können. Und so sahen sich die Deutschen am Ende in ihren zuvor gehegten Vorurteilen nur bestätigt, und schworen der Aktienanlage wieder ab.

Wiederholt sich die Geschichte?

Bedeutet dies nun, dass wir aus antizyklischer Sicht wieder vor einer neuen Jahrhunderthausse stehen wie einst 1979? Wohl nicht. Die Ausgangssituation könnte wohl unterschiedlicher nicht sein. Zwar gibt es auch heute wirtschaftliche Schwäche und steigende Rohstoffpreise, doch die Zinslandschaft sieht diametral anders aus. Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre lagen die Leitzinsen in den USA im zweitstelligen Bereich und auch die Anleiherenditen befanden sich in dieser Region. Heute liegen die Leitzinsen bei knapp über null und die Anleiherenditen sicherer Schuldner bringen selbst für langlaufende Papiere nur noch rund zwei Prozent. Nachdem zwischen 1979 und 1982 die Inflation durch die hohen Zinsen abgewürgt worden war, waren es vor allem die darauf folgenden Zinssenkungen, die den Aktienmarkt befeuerten. Heute hingegen lassen sich die Zinsen nicht mehr senken und dadurch fehlt die wohl wichtigste Triebkraft jeder Aktienhausse.

Dennoch sollte man die Anlageform Aktie nicht abschreiben. Denn wir befinden uns in einer historisch völlig einmaligen Situation. Mit jedem Tag wird klarer, dass Staaten als Schuldner nicht mehr die sichere Bank von einst sind. Entweder droht der totale Ausfall, oder dass die Minirenditen von der Inflation aufgefressen werden. Ich gehe deshalb davon aus, dass den Anlegern zunehmend einleuchten wird, dass solide international operierende und deshalb von nationaler Politik immer weniger abhängige Unternehmen die bessere Geldanlage als Staatsanleihen sind. Die Dividendenrendite im Dax liegt aktuell bei knapp vier Prozent und damit fast doppelt so hoch wie die zehnjähriger Bundesanleihen. Diese Tatsache, gepaart mit dem allgemeinen Aktienpessimismus, macht einen weiteren nachhaltigen Einbruch am Aktienmarkt höchst unwahrscheinlich.

Stefan Riße ist Portfolio Manager bei der Hanseatischen Portfolio Management in Hamburg. Bekannt ist er durch seine jahrelange Tätigkeit als Börsenkorrespondent für den Nachrichtensender n-tv. Sein aktuelles Buch "Die Inflation kommt" belegte 2010 erste und zweite Plätze auf den bekannten Wirtschaftsbuch-Bestsellerlisten. Mehr von und über Stefan Riße erfahren Sie unter https://www.rissesblog.de/

Quelle: n-tv.de

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