Wirtschaft

Viele Forderungen, viel Gerede Metaller ringen um Lösung

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Proteste begleiten die Tarifverhandlungen der Metall- und Elektroindustrie.

(Foto: picture alliance / dpa)

Leiharbeit eindämmen, höhere Löhne, mehr Macht für die Betriebsräte, Auszubildende übernehmen - die Liste der Gewerkschaftsforderungen im Metall-Tarifstreit ist lang. Die Arbeitgeber mauern. Der Druck steigt, denn ohne eine baldige Lösung droht ein unbefristeter Arbeitskampf.

Trotz nächtlicher Marathonsitzung bleibt die Situation im Tarifstreit der Elektro- und Metallindustrie festgefahren. Beide Tarifparteien berichteten übereinstimmend, dass sich ein Ende noch nicht abzeichne. Damit ist sowohl ein Aus der Gespräche - was wohl eine Urabstimmung über Streiks zur Folge hätte -, als auch eine erste Annäherung und damit eine Vertagung der Verhandlungen oder sogar ein Durchmarsch bis zum Abschluss möglich.

Immerhin sorgte die Anwesenheit sowohl von Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser als auch von IG-Metall-Chef Berthold Huber für das Indiz, dass es so langsam ans Eingemachte geht und der Wille zum Durchhalten gegeben scheint. Gegen 5 Uhr morgens berieten die Seiten Teilnehmerkreisen zufolge wie in den vielen Stunden zuvor über die Knackpunkte der qualitativen Themen Azubi-Übernahme und Leiharbeit. Die Entgeltfrage blieb weiter außen vor. "Qualitativ wird geklärt, vorher gibt es kein Fortkommen anderswo", sagte ein Gewerkschafter.

Mehr Macht der Betriebsräte

Als zentrale Dreh- und Angelpunkte der Gespräche im Pilotbezirk Baden-Württemberg erwiesen sich unverändert wie schon in den Runden zuvor die Forderungen der IG Metall nach einer generell unbefristeten Übernahme aller Ausgebildeten und nach mehr Macht der Betriebsräte beim umstrittenen Einsatz von Leiharbeitern. Die Arbeitgeber fühlen sich durch diese Ziele in ihrer unternehmerischen Freiheit zu stark beschnitten und pochen darauf, die Belegschaft möglichst flexibel halten zu können - das sei für die Wettbewerbsfähigkeit unerlässlich.

Die Verhandlungen, von denen bundesweit 3,6 Millionen Beschäftigte betroffen sind, wurden in unterschiedlicher Zusammensetzung geführt: Nach gemeinsamen Beratungen zogen sich die beiden Lager wiederholt zu getrennten Besprechungen zurück. Dabei stimmte sich Südwestmetallchef Rainer Dulger mit der Spitze des Bundesverbandes Gesamtmetall ab, darunter Kannegiesser.

Der Gesamtmetallvorstand will seine reguläre Sitzung in Stuttgart abhalten. Die Delegationen von Arbeitgebern und Gewerkschaftern trafen in unterschiedlicher Größe zusammen. Am Abend informierte IG-Metall-Bezirksleiter Jörg Hofmann die Hintergrundkommission mit Funktionären, Vertrauensleuten und Betriebsräten über den Stand der Diskussionen.

Deren Basis sind Empfehlungen einer gemeinsamen Expertenkommission von Gewerkschaft und Südwestmetall zu den qualitativen Themen. Die Entgeltfrage - das war vorher schon so abgesteckt - soll erst später folgen. Die Gewerkschaft verlangt 6,5 Prozent mehr Geld und besteht auf eine Paketlösung aller drei Forderungselemente. Die Arbeitgeber bieten bislang drei Prozent mehr Entgelt für 14 Monate an.

"Belastbare Brücken"

Vor den Gesprächen hatte Dulger die Gewerkschaft zum Einlenken aufgefordert: "Es wird darum gehen, ob sich die IG Metall in ihren grundsätzlichen Positionen bewegt." Auch Hofmann verlangte substanzielle Fortschritte bei den qualitativen Themen. In den Gesprächen werde jetzt geprüft, ob die Expertenkommission "belastbare Brücken" gefunden habe, fügte er hinzu.

Die IG Metall argumentiert, mit ihren Ausnahmemöglichkeiten bei der Azubi-Übernahme den Arbeitgebern schon entgegengekommen zu sein. So sollen die jungen Menschen in der Regel unbefristet übernommen werden. Aber bei wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Unternehmens, bei Ausbildung über Bedarf und bei personenbedingten Problemen - etwa der charakterlichen Eignung - könne davon abgewichen werden.

Die Arbeitgeber wollen sich zwar Nachwuchskräfte sichern, lehnen bislang aber jeglichen Zwang ab - über die bisherige Übernahme nach der Lehre für zwölf Monate hinaus. Die Arbeitgeber haben dem Vernehmen nach insbesondere ein Problem mit Regelungen, die für die derzeit in Ausbildung befindlichen jungen Menschen gelten könnten. Damit hätten bereits früher getroffene Entscheidungen für die Firmen neue tarifvertraglich vorgegebene Folgen, die sie zum Zeitpunkt der Einstellung der Lehrlinge noch nicht hätten absehen können. Dulger betonte, die Unternehmen dürften nach einem Abschluss nicht weniger Ausbildungsplätze anbieten und weniger Flexibilisierungsmöglichkeiten nutzen können als heute.

Leiharbeit eindämmen

Die Gewerkschaft will auch die aus ihrer Sicht ausufernde Leiharbeit eindämmen, mit der sie zunehmend Stammbeschäftigte verdrängt sieht. Zudem würden Ausgebildete nicht dauerhaft übernommen, aber als günstigere Leiharbeiter wieder in derselben Firma eingestellt, berichtete ein Vertrauensmann der IG Metall bei einer kleinen Versammlung vor dem Verhandlungslokal. In den Gesprächen geht es nach Aussagen von Teilnehmern auch darum, ob ein Leiharbeiter nach einer bestimmten Zeit fest eingestellt werden muss.

Baden-Württemberg war am Dienstag Schwerpunkt der bundesweiten Warnstreiks mit rund 23 600 Metallern.und Teilnehmern aus 133 Betrieben. Bundesweit beteiligten sich den Angaben zufolge rund 53 000 Beschäftigte aus etwa 290 Betrieben an vorübergehenden Arbeitsniederlegungen. Seit Ende der Friedenspflicht Ende April zählte die IG Metall insgesamt über 750 000 Warnstreikende.

Hofmann hatte am Dienstag erklärt, falls es Schritte in die richtige Richtung gebe, werde am 22. Mai in Sindelfingen weiterverhandelt. Doch wenn kein Durchbruch absehbar sei, werde am Mittwoch die Große Tarifkommission der IG Metall - das oberste Entscheidungsgremium - voraussichtlich über eine Urabstimmung zum Arbeitskampf abstimmen. Dieser könnte in den Pfingstferien beginnen.

Quelle: ntv.de, dpa/rts