Wirtschaft

"Das zentrale Motiv ist Macht" Porsche-Piëch-Clan setzt sich bei VW durch

Wegen des Mangels an Mikrochips kann der VW-Standort Wolfsburg nicht am bisherigen Schichtmodell festhalten.

Mit Porsche-Chef Blume übernehme "der nächste Schüler der Familien Porsche und Piëch" die Führung in Wolfsburg, wettert Corporate-Governance-Experte Manuel Theisen.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Der geplante Führungswechsel und der Umbau der Konzernstruktur bei Volkswagen verstoßen laut Kritikern gegen die Regeln guter Unternehmensführung. Doch die Familien Porsche und Piëch setzen ihn trotz Interessenkonflikten um und zementieren damit ihre Macht im Konzern.

Die Ablösung von Konzern-Chef Herbert Diess bringt die Machtverhältnisse bei Volkswagen in Bewegung: Die Familien Porsche und Piëch, die über die Porsche Automobil Holding SE das Sagen bei Europas größtem Autobauer haben, wollen sich bei Entscheidungen stärker einmischen als bisher, wie aus dem Umfeld des Aufsichtsrats zu hören ist. "Sie wollen die Umsetzung der strategischen Vorgaben stärker im Blick haben", sagt eine Person mit Kenntnis der Vorgänge Reuters. Der künftige Konzernchef Oliver Blume - Wunschkandidat des Porsche-Piëch-Clans - solle mehr Augenmerk auf das operative Geschäft legen als sein Vorgänger.

Blume wird den Wolfsburger Mehrmarken-Konzern vom 1. September an neben seinen Aufgaben als Porsche-Chef führen. Investoren-Kritik an der Doppelrolle perlt an den Großaktionären ab. Sie sehen dadurch auch nicht den Erfolg des geplanten Börsengangs der Porsche AG gefährdet. Blume soll vielmehr dafür sorgen, dass der Gang aufs Börsenparkett trotz der Bedenken umgesetzt wird. Denn das ist ein wichtiges Projekt für den Porsche/Piëch-Clan. "Die Struktur des Börsengangs erfüllt vor allem das Interesse der Familien, ihre Kontrolle über Porsche weiter zu zementieren. Von diesem Plan werden sie sich nicht abbringen lassen." sagt Hendrik Schmidt, Experte für Unternehmensführung bei der Fondsgesellschaft DWS, die sowohl bei Volkswagen als auch bei der Porsche Holding investiert ist.

Geplant ist, dass die Familien eine Sperrminorität bei dem Sportwagenbauer erhalten, den Ferdinand Porsche 1931 gründete. "Die Familien mischen tatkräftig mit - etwas, das ihnen lange abgesprochen wurde", konstatiert eine weitere Person aus dem Unternehmensumfeld. Das sei bei der Neubesetzung der Konzernspitze deutlich geworden, die Familien hätten hier ihren Einfluss geltend gemacht. Sie hätten schließlich erkannt, dass man Diess zu lange habe gewähren lassen. Der impulsive, oft unberechenbare Volkswagen-Chef hatte in den vergangenen zwei Jahren mehrfach vor der Entlassung gestanden, weil er mit dem Betriebsrat über Kreuz lag und das Management nicht in Entscheidungen einband.

"Bankrotterklärung an Personalpolitik des Aufsichtsrats"

Auch das an Volkswagen beteiligte Land Niedersachsen war von Diess abgerückt. Der 63-Jährige konnte sich lange nur halten, weil die Familien ihre Hand schützend über ihn hielten. Zuletzt mehrten sich Insidern zufolge jedoch auch bei ihnen die Zweifel, ob er noch der Richtige sei, um die von ihm angestoßenen zahlreichen Veränderungen auch umzusetzen. Daraufhin senkte der Aufsichtsrat den Daumen.

Blume soll den von Diess angestoßenen Wandel zu einem führenden Mobilitätsdienstleister nun in ruhigeres Fahrwasser führen, so der Wunsch der Familien. "Es gibt Unternehmen, in denen die Transformation ruhiger verläuft", sagt einer der Insider. Bei Volkswagen mit seinen widerstreitenden Interessengruppen wurden Konflikte unter Diess öffentlich ausgetragen. Auch das soll sich mit Blume ändern. Investoren und Branchenexperten stoßen sich jedoch daran, dass der Porsche-Chef künftig zwei Hüte tragen soll. Auch intern gibt es in dem mit seinem Haupteigner eng verflochtenen Unternehmen Zweifler: "Reicht ein Chef für zwei börsennotierte Unternehmen?" fragt ein Manager.

Experten für Corporate Governance formulieren zum Teil deutliche Kritik: Die Regeln guter Unternehmensführung würden bei dem familiendominierten Volkswagen-Konzern seit Jahrzehnten ignoriert, sagt Manuel Theisen, emeritierter BWL-Professor an der Universität in München, der auf solche Fragen spezialisiert ist. "Die Ernennung von Blume ist eine Bankrotterklärung an die Personalpolitik des Aufsichtsrats. Es erfolgt keine Abstimmung. Es folgt einfach der nächste Schüler der Familien Porsche und Piëch, der in eine unmögliche Situation reingepflanzt wird." Einen globalen Autokonzern zu führen wie in einem Nebenjob, und parallel einen Börsengang vorzubereiten, sei kaum möglich.

Die Porsche SE hält Vorwürfe mangelnder Transparenz für unbegründet. Sowohl Volkswagen als auch die börsennotierte Holding, über die die Familien 53,3 Prozent der Stimmen an dem Konzern halten, hätten schon vor Jahren Regeln eingeführt, um mögliche Interessenkonflikte zu vermeiden, sagt ein Sprecher. An wichtigen Entscheidungen seien Dutzende Juristen beteiligt, die dafür sorgten, dass betroffene Manager mit Doppelfunktionen bei Sitzungen den Raum verließen. Von Volkswagens Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch, der auch den Vorstand der Porsche SE leitet, ist bekannt, dass er bei Abstimmungen den Raum verlässt, bei denen er befangen sein könnte.

Doch das hat die Kritik nicht verstummen lassen. "Wir haben den größten europäischen Autokonzern und eine Reihe von Großaktionären, die ihrer Verantwortung nicht nachkommen", fasst Theisen zusammen. Die Familien ordneten dem Börsengang von Porsche alles andere unter. Ihnen sei auch egal, ob das Unternehmen 60 oder 80 Milliarden Euro wert sei. "Das zentrale Motiv ist Macht."

Quelle: ntv.de, Jan Schwartz, rts

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