Wirtschaft

Favorit steht schon fest Tesla braucht Hilfe der deutschen Autowelt

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Elon Musk weiß: Ein bisschen Tesla täte auch den deutschen Autobauern gut.

(Foto: picture alliance/dpa)

Tesla-Chef Musk geht deutlich auf Tuchfühlung mit den deutschen Autobauern, er signalisiert sogar Kooperationsbereitschaft. Warum? "Der wertvollste Autobauer der Welt braucht jemand, der ihm seine Fabrik füllt", sagt ntv-Autoexperte Becker. Da bietet sich einer an, der auch Musk-Fan ist.

Es ist eine kleine Ankündigung mit womöglich großen Folgen: Künftig werde er mehr Zeit in Deutschland verbringen, wenn die Tesla-Fabrik in Brandenburg fertig sei, verkündet Elon Musk diese Woche auf der Preisverleihung der Axel Springer Awards in Berlin. Wo er denn in dieser Nacht schlafe, fragt ihn Springer-Chef Matthias Döpfner. In einem Konferenzraum seiner noch unfertigen Fabrik in Grünheide, lautet die Antwort des Tesla-Chefs.

Musk scheint wirklich in Deutschland Wurzeln schlagen zu wollen. Und er sucht Anschluss: Er sei offen für "Fusionen" mit seinen deutschen Rivalen - "freundlicher Art", ergänzt er, feindliche Übernahmen schließt er explizit aus. Nachdem er die deutsche Autoindustrie mit seiner Gigafactory geentert hat, will der Tesla-Chef nun offenbar zu einem festen Bestandteil werden. Als Partner unter Gleichen.

Musks Übernachtungspläne in Grünheide, eine Anspielung auf die turbulente Zeit, als er wegen der stockenden Produktion des Tesla 3 in einem Konferenzraum oder auf dem Dach seiner Fabrik in Kalifornien campierte, offenbaren allerdings - wahrscheinlich völlig ungewollt - noch etwas: Er ist im Krisenmodus. "Der wertvollste Autobauer der Welt signalisiert: Er braucht Hilfe", sagt Autoexperte Helmut Becker. Insofern sei sein Vorschlag kein unmoralisches Angebot. In den Augen des ehemaligen BMW-Chefvolkswirts dürfte Musk allerdings eher eine Kooperation gemeint haben, keine Fusion. Denn nur so werde "aus dem Angebot eine vernünftige Win-win-Situation", so Becker. Tesla würde profitieren und umgekehrt täte ein bisschen Tesla auch BMW, Daimler und Volkswagen gut.

Grünheide als Auftragsschmiede?

Für diese Theorie spricht in der Tat einiges: In Grünheide sollen jährlich rund 500.000 E-Autos vom Band rollen. Dass so viele Teslas in Europa abgesetzt werden können, ist unrealistisch. "Teslas Portfolio ist schwach", so Becker. Der Elektropionier brauche jemanden, "der seine Fabrik füllt". In Grünheide werden hauptsächlich Model 3 vom Band rollen. Die meisten anderen Modelle werden in den USA produziert. Der Automarkt verlangt nach jetzigem Stand aber mehr Autos in der Breite, vor allem verlangt er Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge und Hybride.

Die Zahlen verdeutlichen es: In Deutschland wurden im November zwar 28.965 Elektroautos neu zugelassen (plus 523 Prozent), gleichzeitig aber auch 71.904 Hybridfahrzeuge (plus 177 Prozent) und darunter allein 30.621 Plug-in-Hybride (plus 383 Prozent).

Diesen großen Markt kann Musk nicht bedienen, weil er nicht über Verbrennertechnik verfügt. Die haben aber sämtliche deutsche Hersteller. Die Lösung liegt für den Auto-Experten auf der Hand: Auftragsfertigung. "Musk kann in seiner Fabrik Plug-in-Hybride für deutsche Autobauer bauen." Im Gegenzug für das Plug-in-Knowhow bekommen BMW, Daimler und Volkswagen das Batterie-Knowhow von Tesla, das ihnen fehlt. Das Ergebnis ist moderne Arbeitsteilung.

Der Druck zu kooperieren ist groß für Musk. "Ohne Kooperation riskiert er die Pleite", sagt Becker. "Die deutschen Hersteller nicht." Denn wenn der Tesla-Chef seine Kapazitäten nicht füllen kann und das Wachstum ausbleibt, bleiben auch die erhofften Gewinne aus. Die bestehen schon jetzt fast ausschließlich aus dem Verkauf von CO2-Gutschriften an Verbrenner-Hersteller, nicht aus dem Bau von Autos. "Wehe, die Aktionäre ändern dann ihre Einstellung zu Tesla, dann ist der Traum schnell ausgeträumt."

Tesla Motors (USD)
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Der Tesla-Chef scheint sich dieses Risikos bewusst zu sein. Selbst ihm scheint der extrem hohe Aktienkurs mittlerweile unheimlich zu werden. Aus den Zeilen einer Mitarbeiter-Mail in dieser Woche schwingt mit, dass nicht nur Kritiker eine mögliche Blase nicht mehr für ausgeschlossen halten, sondern auch Musk selbst. Dass Tesla in den wichtigen Index S&P 500 aufgenommen wird, hat die Aktie in den vergangenen Wochen noch einmal um rund 40 Prozent und den Gesamtwert auf rund 550 Milliarden Dollar nach oben katapultiert.

Wie Soufflé unterm Vorschlaghammer

Nicht nur die Kritiker, auch Musk befürchtet großes Rückschlagspotenzial: Tesla werde nach zukünftigen Gewinnen bewertet, schreibt er. Würden die Anleger "irgendwann zu dem Schluss kommen, dass diese ausbleiben, wird unsere Aktie sofort zerstört wie ein Soufflé unter einem Vorschlaghammer", zitierte der Blog Electrek aus seiner Mail.

Musk braucht demnach dringend einen Plan B. Einen Favoriten für eine Kooperation dürfte der Tesla-Chef schon haben: Volkswagen. Im September hatten sich Musk und Konzern-Chef Herbert Diess bei einer gemeinsamen Spitztour im neuen ID.3 beschnuppert. Diess war vorher bereits im Model Y von Tesla unterwegs gewesen und hatte lobende Worte gefunden. Die Chemie zwischen den beiden scheint also zu stimmen. Diess ist eh als großer Musk-Fan bekannt. Außerdem hat VW von allen deutschen Autobauern die größten Kapazitäten. Im Jahr 2019 liefen bei den Wolfsburgern mit annähernd elf Millionen Automobilen so viele Fahrzeuge wie nie zuvor vom Band.

Diess hatte zwar unmittelbar nach seiner Begegnung mit Musk - wie zu erwarten war - Gerüchte über Kooperationspläne zurückwiesen, ein späterer Sinneswandel im Konzern darf allerdings nicht ausgeschlossen werden. Zumindest solange Diess den Konzern steuert. Tesla ist auf seinem Technologiefeld unschlagbar, das Tesla-Elektro-Management ist dem deutschen weit überlegen. Eine Kooperation mit dem Newcomer wäre für alle deutschen Autobauer also mehr als sinnvoll.

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Den möglichen Strategiewechsel bei Volkswagen scheint eine aktuelle Wortmeldung des VW-Managers Alex Hitzinger interessanterweise vorwegzunehmen. Zufall? Wohl kaum. Der Trend zu Elektrifizierung, Vernetzung und Automatisierung von Fahrzeugen werde eine Konsolidierungswelle in der Autobranche auslösen, prognostiziert Hitzinger bei einer Veranstaltung der "Financial Times". Aber: "Nicht jeder wird sich diese komplexen Plattformen leisten können." Eine kleinere Anzahl größerer Akteure werde die Transformation vorantreiben, so der Chef des bei der Konzernmarke Audi angesiedelten Entwicklungsprojekts Artemis weiter. Dass er Volkswagen als einen der Treiber sieht, davon darf ausgegangen werden. Ob das dem mächtigen VW-Betriebsrat aber passen würde, darf bezweifelt werden. Musk ist bekanntlich kein Freund von Gewerkschaften.

Wirtschaftsminister Peter Altmaier scheint dem Kooperationsgedanken gegenüber jedenfalls nicht abgeneigt zu sein. "Wir haben in Deutschland traditionell eine starke Automobilindustrie mit einem weltweit hohen Ansehen und dazu passt Tesla, aber das muss nicht unbedingt zu Fusionen oder größeren Zusammenschlüssen führen", so Altmaier im Interview mit ntv. Er hege keine Zweifel daran, "dass in den nächsten Jahren und Jahrzehnten die besten und erfolgreichsten Elektroautos gebaut werden. Gerne von Elon Musk, aber nicht nur", ergänzt er. Auch "unsere traditionellen Automarken" sollten auf diesem Markt erfolgreich sein.

Quelle: ntv.de