Zahllose Hürden in VenezuelaTrumps Traum vom Öl-Boom kollidiert mit der Realität
Von Juliane Kipper
Der Traum vom schnellen Öl-Boom in Venezuela könnte genau das bleiben. Verfallene Anlagen, fehlende Fachkräfte und politische Risiken machen aus dem Vorhaben ein Langzeitprojekt mit ungewissem Ausgang. Experten warnen: Der Weg zurück zur alten Förderstärke ist nicht nur teuer, sondern vielleicht auch überflüssig.
Dass es Donald Trump in Venezuela auch ums Öl geht, daraus hat der US-Präsident schon kurz nach der Gefangennahme von Machthaber Nicolas Maduro kein großes Geheimnis gemacht. Sein Versprechen klang vollmundig: US-Ölkonzerne sollen nach Venezuela zurückkehren und Milliarden von Dollar investieren, die stark beschädigte Ölinfrastruktur reparieren und damit beginnen, wieder Gewinne zu erzielen.
Doch der Weg zu sprudelnden Öleinnahmen in Venezuela ist lang und steinig. Misswirtschaft und mangelnde Investitionen haben die Produktion über Jahrzehnte nahezu zum Erliegen gebracht. Die Situation verschärfte sich zusätzlich, nachdem die Regierung in den 2000er Jahren den Ölsektor verstaatlicht und dabei auch die Vermögenswerte von Konzernen wie Exxon Mobil und ConocoPhillips übernommen und die Unternehmen damit praktisch enteignet hatte.
Auf Anfrage von ntv.de bremst auch der leitende Experte für den amerikanischen Ölmarkt des Preis-Informationsdienstes Argus Media die Erwartungen. "Es gibt keine realistischen Aussichten auf eine sofortige Steigerung der Rohölproduktion Venezuelas", sagt Gus Vasquez. Die Ölförderung in Venezuela ist von einst 3,5 Millionen Barrel pro Tag in den 1970er Jahren auf zuletzt rund 1,1 Millionen Barrel pro Tag gesunken. "Selbst unter den besten Investitionsbedingungen wird es Jahre dauern und möglicherweise Hunderte von Milliarden kosten, um die venezolanische Ölinfrastruktur wieder auf eine Kapazität von etwa 3 Millionen Barrel pro Tag zu bringen", sagt Vasquez.
Unternehmen, die in Venezuela investieren wollen, stehen heute vor hohen Hürden: Sicherheitsrisiken, eine verfallene Infrastruktur und die Gefahr langfristiger politischer Unruhen. "Es sind erhebliche mittel- bis langfristige Investitionen internationaler Unternehmen erforderlich, um die Produktion wieder auf das Niveau vor den US-Sanktionen von 1,2 Millionen Barrel pro Tag (Stand 2018) oder höher zu bringen", sagt Vasquez.
Er gibt außerdem zu bedenken: Selbst in einem verbesserten politischen Umfeld könnten die Reparaturen der maroden Infrastruktur ein Jahrzehnt oder länger dauern. Hinzu kommt, dass Venezuela seit den 1990er Jahren einen massiven Braindrain in seiner Ölindustrie erlebt hat. Mitarbeiter wurden aus politischen Gründen aus dem staatlichen Unternehmen PDVSA entlassen oder haben das Land auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen verlassen.
Öl-Analyst Nils Müller von der Hamburger Commercial Bank (HCOB) sieht in der Schwere und Zähflüssigkeit des Erdöls Venezuelas und dessen hohem Schwefelgehalt noch einen weiteren Faktor, der die Förderung beziehungsweise den Verkauf erschweren könnte. Diese Eigenschaft erfordert nämlich sogenannte Upgrader, die das Erdöl so aufbereiten, dass Raffinerien es weiterverarbeiten können.
Allein bei den Upgradern herrscht laut Müller ein großer Investitionsbedarf. "Sollten die technischen Hindernisse überwunden werden, könnte die Produktion innerhalb von sechs bis zwölf Monaten um 400.000 bis 500.000 Barrel pro Tag steigen", sagt Müller auf Anfrage von ntv.de. Sollte die politische Lage weiter unsicher bleiben, werde sich die Erholung des Ölsektors entsprechend länger hinziehen. Um abzuschätzen, wie lange es letztendlich dauern könnte, verweist Müller auf ein anderes Land: Im Irak war die Förderung 2003/04 zeitweise auf unter 1 Million Barrel pro Tag gefallen. Erst im Jahr 2008 erreichte die Förderung dann 2,4 Millionen Barrel pro Tag.
Dass der Ölmarkt bald mit venezolanischem Öl überschwemmt wird, damit rechnet auch Rohstoff-Analyst Carsten Fritsch von der Commerzbank nicht. Er verweist darauf: Ohne ein hinreichend hohes Ölpreisniveau werden Unternehmen nicht in die Erschließung der weltgrößten Ölreserven investieren. "Ob dies beim aktuellen Preis der Fall ist, ist fraglich. Denn das Öl aus Venezuela dürfte aufgrund seiner größeren Dichte und des hohen Schwefelgehaltes mit einem beträchtlichen Abschlag gegenüber der Benchmark WTI gehandelt werden", sagt Fritsch. Vergleichbares Öl aus Mexiko oder Kanada werde mit einem Abschlag von 6 beziehungsweise 14 Dollar unterhalb des WTI-Preises gehandelt. "Da der Ölmarkt bereits reichlich versorgt ist, würde zusätzliches Öl aus Venezuela die Preise weiter unter Druck setzen, was die Unternehmen in ihrer Entscheidung berücksichtigen müssten", erklärt Fritsch.
Trump will sein Versprechen dennoch wahrmachen, Öl aus dem Land herauszuholen. Es soll mit Tankern in die USA verschifft und zum Marktpreis verkauft werden. "Das Geld wird von mir als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika kontrolliert, um sicherzustellen, dass es zum Wohle der Menschen in Venezuela und den Vereinigten Staaten verwendet wird!", schreibt Trump auf seiner Plattform Truth Social.
Die Übergangsregierung von Venezuela wird den Vereinigten Staaten nach Darstellung von Trump zwischen 30 und 50 Millionen Barrel sanktioniertes Öl überlassen. Die Erlöse aus dem Verkauf sollen vom Weißen Haus überwacht werden und beiden Seiten zugutekommen. "Das ist eine ziemlich große Menge Öl, wenn es sofort auf den Markt kommt", sagte John Auers, Geschäftsführer für Raffinerieanalyse bei der Beratungsfirma RBN Energy.
Der Wert der genannten Barrel aus Venezuela würde sich nach dem Referenzpreis für Schweröl an der Golfküste vom Dienstag auf 1,5 bis 2,5 Milliarden Dollar belaufen, sagte Auers. Die von Trump genannte Liefermenge ist beträchtlich – bis zu 15 Prozent der gesamten Jahresproduktion von Venezuela. Allein für den Transport bräuchte es bis zu 25 der größten Öltanker der Welt.
An diesem Freitag will sich der US-Präsident mit den drei größten US-Ölkonzernen und weiteren Führungskräften der Öl-Branche im Weißen Haus treffen. Wie mit der Angelegenheit vertraute Personen sagten, werden demnach Vertreter von Chevron sowie von ConocoPhillips und Exxon Mobil zu dem Treffen erwartet. Trump stellt Ölkonzernen Subventionen für den Wiederaufbau der Energieinfrastruktur in Aussicht.
Die USA sind nach China der zweitgrößte Abnehmer von venezolanischem Öl. Im Dezember vergangenen Jahres wurden nach Angaben von Argus Media etwa 120.000 Barrel pro Tag importiert. Der Ölkonzern Chevron ist momentan der einzige US-Exporteur von venezolanischem Rohöl. Die Ausnahmegenehmigung bleibt zwar bestehen. "Der Großkonzern hatte jedoch angesichts der starken Präsenz der US-Marine in der Region bereits vor der Aktion gegen Maduro seine Lieferungen aus Venezuela reduziert", sagt der Ölmarkt-Experte von Argus Media Vasquez. Im Dezember sollen sich die Ölexporte Venezuelas außerdem bereits auf 500.000 Barrel pro Tag nahezu halbiert haben, wie vorläufige Daten basierend auf Tankerbewegungen nahelegen.
Zusätzlich soll der staatliche venezolanische Ölkonzern PDVS nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters einigen im Land tätigen Joint Ventures zu einer Drosselung der Ölproduktion geraten haben. Hintergrund ist, dass die Lagerkapazitäten nahezu ausgeschöpft sind.
Bis Venezuela wieder eine Förderung von drei Millionen Barrel pro Tag erreicht, können laut Müller noch 15 bis 20 Jahre vergehen. Er gibt allerdings auch zu bedenken: "Ob die Welt angesichts der Energiewende dann dieses relativ teuer zu fördernde und aufzubereitende Erdöl noch benötigt, ist allerdings fraglich."