"Lage alles andere als gut"Umsatz im Einzelhandel steigt trotz Kaufzurückhaltung

Globale und nationale Ereignisse drücken die Konsumlaune der Deutschen. Das Kaufverhalten bleibe auf dem Niveau des zweiten Corona-Lockdowns, klagt der Einzelhandel. Im ersten Halbjahr verzeichnet er dennoch einen leichten Anstieg. Der könnte aber schnell verpuffen.
Die deutschen Einzelhändler haben ihren Umsatz im ersten Halbjahr vor allem durch Preiserhöhungen gesteigert. Die Einnahmen wuchsen von Januar bis Juni um 2,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Inflationsbereinigt (real) blieb ein Plus von 0,7 Prozent übrig.
"Die Lage im Einzelhandel ist alles andere als gut", sagte der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE), Stefan Genth. Die Konsumstimmung bewegt sich dem Branchenverband zufolge seit Langem rund um das Niveau des zweiten Corona-Lockdowns. "Das ist zu wenig, um der Branche Auftrieb zu geben", betonte Genth. Weder die internationale Lage mit den Konflikten in Nahost und in der Ukraine noch die Bundespolitik machten kurzfristig Hoffnung auf bessere Stimmung.
Der HDE rechnet für das Gesamtjahr 2026 mit einem Umsatzwachstum von zwei Prozent - befeuert vor allem durch den Online-Handel. Ohne Preiserhöhungen soll nur ein reales Plus von 0,5 Prozent herausspringen. Die Politik müsse entschlossene Reformen angehen, um Unternehmen und Verbraucher bei Lohnnebenkosten, Energiepreisen und Bürokratie zu entlasten, fordert der HDE. Erst wenn die Menschen positive Veränderungen im Alltag spürten, steige die Konsumlaune.
Der HDE lässt monatlich 1600 Menschen zur Anschaffungsneigung, Sparneigung, finanziellen Situation und zu anderen konsumrelevanten Faktoren befragen. Das daraus erstellte Konsumbarometer bildet die erwartete Stimmung in den kommenden drei Monaten ab.
Vor allem stationärer Handel verzeichnet weniger Kunden
In einer Umfrage des Ifo-Instituts schätzen 54 Prozent der Einzelhändler die Nachfrage im Juli als unzureichend ein. Im zweiten Quartal von April bis Juni kauften demnach bei rund 48 Prozent der Unternehmen im stationären Einzelhandel weniger Kunden ein als saisonüblich. Bei Online-Shops registrierten dagegen nur knapp 26 Prozent der Händler weniger Klicks als für die Jahreszeit üblich.
Die Erwartungen bleiben überwiegend pessimistisch, auch wenn sie sich zum dritten Mal in Folge verbesserten. Im Juli stieg das Barometer für das Geschäftsklima auf minus 28,7 Punkte von minus 32,4 Punkten im Juni, wie das Münchner Ifo-Institut zu seiner Umfrage mitteilte.
Die Stimmung in der Branche sei weiterhin "schlechter als vor der Eskalation des Konflikts im Iran Ende Februar", ordnete Ifo-Experte Patrick Höppner ein. Viele Händler schätzten ihre Geschäftsaussichten für den weiteren Jahresverlauf sehr zurückhaltend ein. Im April und Mai war der Indikator auf die niedrigsten Werte seit 2023 abgerutscht. "Der Iran-Konflikt hat die konjunkturelle Unsicherheit erhöht und belastet die Verbraucherstimmung, auch wegen höherer Inflationsrisiken", sagt Höppner. Im Juli war die Inflationsrate auf 2,8 Prozent gestiegen, weil der staatliche Tankrabatt ausgelaufen war und zudem die Ölpreise wieder anzogen.
Kein Wirtschaftsaufschwung
Zuletzt zeigte der Trend im Einzelhandel nach unten: Im Juni allein gingen die Einnahmen um 1,2 Prozent zurück. Real gab es ein Minus von 1,1 Prozent. Ökonomen hatten hier nur ein Mini-Minus von 0,1 Prozent erwartet.
Der schwache Konsum hat dazu beigetragen, dass sich der Aufschwung der deutschen Wirtschaft im Frühjahr verlangsamt hat. Das Bruttoinlandsprodukt wuchs zwar von April bis Juni mit 0,2 Prozent das dritte Quartal in Folge, aber langsamer als zu Jahresbeginn mit 0,4 Prozent und Ende 2025 mit 0,3 Prozent. "Die Konsumausgaben entwickelten sich den vorläufigen Erkenntnissen nach verhalten", erklärten die Statistiker.
Im Juni stiegen die Tankstellenumsätze real um 2,1 Prozent zum Vormonat. Der Umsatz im Einzelhandel mit Lebensmitteln schrumpfte dagegen um 1,4 Prozent zum Vormonat, der mit Nicht-Lebensmitteln um 1,0 Prozent. Der Internet- und Versandhandel verzeichnete ein Plus von 0,4 Prozent.