Wirtschaft

Zu viel Tempo, zu wenig Planung"Wärmewende? Was sollen die Kommunen noch alles machen?"

25.01.2026, 15:26 Uhr
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Rauchender-Schornstein-eines-Wohnhauses-im-Winter
Rauchende Schornsteine soll es im Winter schon bald nicht mehr geben. (Foto: picture alliance / CHROMORANGE)

Das Aufgabenfeld der Kommunen ist riesig: Sie müssen Schulen, den öffentlichen Nahverkehr und Müllabfuhr organisieren. Und die Versorgung mit Strom und Wärme. Und den Netzausbau für die erneuerbaren Energien und alles, was dazu gehört: Solarprojekte, Betrieb und Finanzierung der Anlagen. Inzwischen auch die Wärmewende. Mit leeren Kassen. "Das ist zu viel des Guten", findet Michael Reichert. "Die Kommunen können nicht Spezialisten für alles sein", sagt der Chef des Green-Tech-Unternehmens WI Energy im "Klima-Labor" von ntv. Ihm zufolge quietscht es gehörig auf dem Weg zum neuen Versorgungssystem. Er verlangt weniger Druck und mehr Planung. Fortschritte gibt es trotzdem. Reichert macht dafür zwei Dinge verantwortlich: niedrige Gaspreise und sein Unternehmen. "Wir rennen mit unserem Modell offene Türen ein. Dieses Jahr werden wir die ersten 'kommunalen Energiefabriken' umsetzen."

ntv.de: Wie blicken Sie auf die Wärmewende? Sie leben in einer Kommune, die da sehr weit ist. Viele andere stehen noch vor der großen Herausforderung, einen Plan für die Wärmewende vorzulegen.

Michael Reichert: In den vergangenen Jahren sind die traditionellen Zulieferer für den europäischen Markt weggebrochen, dafür müssen wir andere Lösungen schaffen. Das hat Auswirkungen auf Beschaffungsmärkte und Beschaffungspreise. Schaut man sich die Wirtschafts- und Energiepolitik der letzten Jahre an, wurden Energie- und Wärmewende mit einem gewissen Druck vorangetrieben.

Von Robert Habeck?

Ich möchte kein Bashing betreiben, aber es gehört zur Aufgabe der Politik, stabile und niedrige Preise darzustellen. Wir hätten uns für Energie- und Wärmewende ein wenig mehr Planung und geordnete Strukturen gewünscht. Durch die Stabilisierung der Gaspreise sorgt die neue Regierung dafür, dass diese Themen mit mehr Vorlauf umgesetzt werden können.

Die Abschaffung der Gasspeicherumlage war richtig?

Deutschland ist trotzdem Vorreiter der Energiewende. Der Atomausstieg ist entschieden, Kohlekraft wird abgeschafft. Das sind mutige Schritte in Märkten, die teilweise mehr als 50 Jahre funktioniert haben. Notwendigerweise, denn wir wollen auch bei den Klimazielen international Vorreiter sein. Natürlich soll der Umstieg von der klassischen Versorgung auf das dezentrale System schnell gehen, aber wenn Energie- und Wärmewende funktionieren sollen, benötigen wir eine ausgereifte Planung.

Die Politik oder speziell die Kommunen?

Sowohl als auch. Die Politik muss planbare Regularien und Förderbedingungen schaffen, auf die man sich verlassen kann. In den Kommunen muss das in einer sinnvollen regionalen Umsetzung münden.

Haben wir diese Vorgaben und stabilen Rahmenbedingungen aktuell?

Es ist logisch, dass man neben der Energiewende gleichzeitig die Wärmewende anpacken möchte, weil ungefähr 50 Prozent des deutschen Energieverbrauchs auf Wärme entfallen.

Der Verband der kommunalen Unternehmen sagt: 80 Prozent der deutschen Heizwärme stammen nach wie vor aus fossilen Quellen wie Gas und Öl.

Ja. Wenn wir diesen Verbrauch mit Wind, Solar und Biogas ersetzen können, eröffnet sich für Deutschland eine Riesenchance. Aber auf dieser Reise muss man alle Akteure und Marktteilnehmer mitnehmen. Durch die Energiekrise ist die soziale Akzeptanz für die Energiewende in großen Bereichen verloren gegangen. Es gab große Unsicherheit bei Unternehmen, bei Kommunen und auch bei den Bürgern.

Die Energiekrise wurde vom russischen Angriff auf die Ukraine verursacht, nicht von der deutschen Politik.

Globale Krisen kann man für den nationalen Markt schwer planen. Ich spreche beispielsweise vom Heizungsgesetz. Erinnern Sie sich daran, was das für einen Aufruhr in der Bevölkerung verursacht hat? Die wirtschaftlichen Konsequenzen dieses Gesetzes waren nicht sauber durchdacht.

Wo finde ich das "Klima-Labor"?

Dieses Interview ist eigentlich ein Podcast, den Sie sich anhören können: "Das Klima-Labor von ntv" finden Sie auf ntv.de und überall, wo es Podcasts gibt: RTL+, Amazon Music, Apple Podcasts, Spotify, RSS-Feed.

Sie haben eine Frage an uns? Schreiben Sie E-Mail an klimalabor@ntv.de.

Ein Ergebnis des Streits ums Heizungsgesetz war, dass man den Kommunen gesagt hat: Okay, ihr wollt keine zentrale Lösung aus Berlin, dann legt bitte selbst einen Plan für die Wärmewende vor. Dann hieß es: Das Problem wird auf die Kommunen abgewälzt.

Für die großen Kommunen wurde die kommunale Wärmeplanung im Januar 2024 eingeführt. In großen Kommunen muss der Plan bereits Mitte dieses Jahres vorliegen - für ein Projekt, das eine gewisse Komplexität mit sich bringt.

… und das alle seit Jahren auf dem Schirm hätten haben können.

Ja, aber trotzdem: Wie soll das in dieser kurzen Zeit valide umgesetzt werden?

Aber es geht doch nur um einen Plan.

Erst mal ja. Ich möchte trotzdem eine kleine Lanze für die Kommunen brechen. Nicht nur wir als Unternehmen kämpfen mit Genehmigungsprozessen, Bürokratie, Fristen, Gutachten und Anforderungen, die erfüllt werden müssen. Das trifft genauso auf die Kommunen zu und behindert die Umsetzung. Irgendwer in den Behörden muss diese Themen ja bearbeiten. Vor drei oder vier Jahren haben wir 24 Monate für die Entwicklung eines neuen Solarparks benötigt. Inzwischen sind es 48 Monate. Solange der Park nicht errichtet ist, kann ich ihn aber auch nicht bei der Wärmeplanung berücksichtigen. Der ist Voraussetzung dafür. Ich bin mir sicher: Auch die Kommunen wünschen sich Genehmigungsprozesse und Regularien, die einfacher umzusetzen und zu steuern sind.

Sollten Sie sich als Green-Tech-Unternehmen nicht darüber freuen, dass in den Kommunen eine gewisse Dringlichkeit bei Wärmewende und Elektrifizieren herrscht? Sie verdienen doch Geld mit grünen Heizlösungen.

Natürlich freut uns das. Aber es ist niemandem geholfen, wenn diese Themen mit der Brechstange angegangen werden. Für eine erfolgreiche Wärmewende benötigen wir moderne Stromnetze. Bei den zuständigen Akteuren ist der Arbeitsaufwand immens gestiegen. Versorger, die aus einem mehr als 50 Jahre alten traditionellen Strommarkt kommen, müssen ihr System komplett umstellen. Nicht nur auf verschiedene Erzeuger, sondern auch auf Abrechnungszeiträume. Und je kürzer die einzelnen Zeiträume werden, desto komplexer wird es. Dazu kommen Speichermedien. Die Versorger benötigen Zeit, um in dieses System hineinzuwachsen.

Ist der Ausbau des Stromnetzes die größte Herausforderung? In Berlin werden die Kapazitäten bis 2033 verdoppelt. Der Netzbetreiber investiert jedes Jahr eine dreistellige Millionensumme. Gleichzeitig sinken die Einnahmen aus den Gasnetzen, weil immer mehr Haushalte zum Selbstversorger werden.

Absolut. Der deutsche Stromverbrauch wird sich laut Studien voraussichtlich bis 2045 verdoppeln. Wo kommt dieser Strom her? Wenn er erneuerbar sein soll, müssen wir die Kapazitäten von Wind und Solar in demselben Zeitraum verfünffachen, um den Bedarf relativ autark auch dann decken zu können, wenn wenig oder kein Wind weht oder keine Sonne scheint.

Ist das möglich?

Absolut. Sind riesige Investitionen notwendig? Ja. Deswegen ist unser Ansatz als Firma die "Sharing Economy": Wir möchten möglichst viele Akteure in dem Feld vereinen und an den Projekten teilhaben lassen. Wir setzen entlang der gesamten Wertschöpfungskette auf Kooperationen und Synergien. Jeder bringt seine Stärken ein, um die Energiewende schnell und zielgerichtet umzusetzen. Das betrifft Unternehmen aus der klassischen Energiewirtschaft, aber auch Kommunen und Bürger. Unsere Erfahrung ist: Wenn die Menschen verstehen, warum bestimmte Sachen gemacht werden, sind sie seltener dagegen, oft sogar dafür.

Ist das kein Widerspruch? Einerseits möchten wir möglichst schnell und unbürokratisch vorankommen, andererseits sollen alle teilhaben können?

Das funktioniert, aber ja: Je mehr Teilnehmer sich eine Meinung bilden müssen, desto schneller kommt es zu Einwänden. Holt man die Bürgerinnen und Bürger bei einem Solarprojekt allerdings im Vorfeld ab, lädt zur Diskussion ein und erklärt, dass man mit investieren oder den erzeugten Strom später vor Ort günstig einkaufen kann und man gleichzeitig von Entgelten befreit wird, steigt die Akzeptanz. Das bedarf Abstimmung und einiger Vereinfachungen. In diesem Punkt steht uns eher der Föderalismus im Weg.

Das ist eine weitere, riesige Aufgabe, um die sich die Kommunen kümmern müssen. Man hört regelmäßig von einer gewissen Überforderung.

Die Einschätzung teilen wir. Die Kommunen müssen sich um die Strom- und Wärmeversorgung kümmern. Oftmals kommen der öffentliche Nahverkehr und die Infrastruktur dazu. Gleichzeitig sollen sie Spezialisten für die Wärmewende sein, für den Energiemarkt, für Solarprojekte, den Betrieb der Anlagen und für die Finanzierbarkeit des ganzen Apparates … was sollen die noch alles machen? Das ist zu viel des Guten. Deshalb rennen wir mit unserem Modell offene Türen ein.

Das erledigen Sie netterweise für die Kommunen?

Deutschland lebt von einem breiten Mittelstand. Dort sind 70 bis 80 Prozent aller Arbeitsplätze aufgehoben. Als Land sollten wir das aktiv fördern. Neben uns stehen andere Firmen bereit, um diese Themen voranzutreiben.

Diese Medaille hat zwei Seiten: Die eine Seite sagt, mit Energie- und Wärmewende können wir viele neue Arbeitsplätze schaffen. Die andere Seite sagt: Wir müssen mit dem Alten weitermachen, wir verlieren in klassischen Industrien zu viele Arbeitsplätze.

Einige politische Strömungen gehen in eine Richtung, die wir nicht gut finden. Aber der Geschäftsklimaindex befindet sich auf einem der niedrigsten Stände seit fast 20 Jahren. Die Zahl der Insolvenzen befindet sich auf einem Allzeithoch. Die Wirtschaft stottert. Das sollte uns wachrütteln. Wir müssen rechtzeitig die richtigen Veränderungen für unser Land einführen. Wir sehen großes Potenzial, mit der Energiewende und der Wärmeleitplanung neue Arbeitsplätze zu schaffen.

Weil es so viel zu tun gibt?

Klar. Auch für Menschen aus anderen Märkten oder Branchen.

Warum wird das so wenig wahrgenommen?

Den Eindruck habe ich nicht. Okay, wir haben die Fachhochschule in Trier, die Universität Trier und auch einen Umweltcampus in unmittelbarer Nähe. An unserem Standort mangelt es nicht an Nachwuchskräften. Wir verspüren gerade bei der jungen Generation, auf die so oft geschimpft wird, die Begeisterung, etwas Sinnvolles machen zu wollen. Wenn wir bei Bürgerversammlungen unsere Konzepte vorstellen, sagen auch die älteren Menschen: cooler Ansatz, innovativ. Unsere Branche kommt an. Das ist spürbar.

Sie sind zuversichtlich, dass Energie- und Wärmewende gelingen?

Ja, in den vergangenen Monaten wurden bereits einige Genehmigungsprozesse vereinfacht. Es geht inzwischen signifikant schneller. Wir selbst haben unser Modell aus Solaranlage, Speicher und Stromvermarktung in den vergangenen zwei, drei Jahren so weit ausgebaut, dass wir in diesem Jahr die ersten "kommunalen Energiefabriken" umsetzen können.

Mit Michael Reichert sprachen Clara Pfeffer und Christian Herrmann. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast "Das Klima-Labor von ntv" anhören.

Klima-Labor von ntv

Was hilft wirklich gegen den Klimawandel? Funktioniert Klimaschutz auch ohne Jobabbau und wütende Bevölkerung? Das "Klima-Labor von ntv" ist der Podcast, in dem Clara Pfeffer und Christian Herrmann Ideen, Lösungen und Behauptungen der unterschiedlichsten Akteure auf Herz und Nieren prüfen.



Ist Deutschland ein Strombettler? Rechnen wir uns die Energiewende schön? Vernichten erneuerbare Energien Arbeitsplätze oder schaffen sie welche? Warum wählen Städte wie Gartz die AfD - und gleichzeitig einen jungen Windkraft-Bürgermeister?



Das Klima-Labor von ntv: Jeden Donnerstag eine halbe Stunde, die informiert, Spaß macht und aufräumt - ohne Streit, in ausführlichen Gesprächen mit führenden Köpfen aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Wissenschaft.



Bei ntv und überall, wo es Podcasts gibt: RTL+, Amazon Music, Apple Podcasts, Spotify, RSS-Feed.



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Quelle: ntv.de

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