Wirtschaft
Sorgt für niedrige Zinsen: Mario Draghi.
Sorgt für niedrige Zinsen: Mario Draghi.(Foto: REUTERS)
Donnerstag, 28. April 2016

Zinsen verzweifelt gesucht: Warum Sparkassen Draghi nicht mögen

Von Christoph Herwartz, Düsseldorf

Die Sparkassen sehen sich selbst als Antwort auf die Dauerkrise. Doch sie leiden besonders unter den Niedrigzinsen - und mit ihnen die Kunden. Was tun?

Eigentlich müssten die Banken und Sparkassen zufrieden sein. Jeder will ihnen Geld geben: Die Sparer, die sich scheuen, ihr Geld in Aktien anzulegen und die Zentralbank, die ihr Geld ohne Gegenleistung verleiht - zu einem Zinssatz von 0,0 Prozent. Doch es ist zu viel: Niemand will das Geld haben, die Deutschen kaufen zu wenig Häuser und die Unternehmen zu wenig Maschinen. Der Preis für das Geld, also der Zins, sinkt gegen Null. So lässt sich kein Geschäft machen. Schon ist die Rede davon, dass Banken Negativzinsen erheben, also von ihren Kunden eine Zahlung dafür verlangen, dass sie deren Geld aufbewahren.

Alle drei Jahre treffen sich Vertreter der deutschen Sparkassen zum Sparkassentag. 2500 Banker machen sich in diesem Jahr in Düsseldorf auf die Suche nach Schuldigen und nach Wegen aus der Misere. Georg Fahrenschon, Präsident des Sparkassen- und Giroverbandes, zeigt mit dem Finger auf Mario Draghi, den Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB). Weil die EZB den Zins praktisch abgeschafft habe, gebe es keinen ehrlichen Ausgleich von Angebot und Nachfrage mehr.

Seit Jahren ist der Leitzins der EZB nun sehr niedrig. Dass soll der Wirtschaft dabei helfen, zu investieren und so neue Arbeitsplätze zu schaffen. In Deutschland wäre das nicht mehr notwendig, in vielen anderen Euro-Staaten ist die Arbeitslosigkeit jedoch noch immer hoch. Doch die Medizin wirkt nicht, oder nicht genug. Weil die Inflation auch nahe Null liegt, Geld also nicht an Wert verliert, verlagern die Unternehmen viele Investitionen in die Zukunft. Das ist schlecht für die Sparer, weil sie kaum noch Zinsen bekommen, schlecht für die Arbeiter, weil keine neuen Jobs entstehen und schlecht für die Kreditinstitute, weil ihnen das Geschäft verloren geht.

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Die Sparkassen haben unter der Situation besonders zu leiden, weil sie ein dichtes Filialnetz betreiben und wenig zentral organisiert sind. In guten Zeiten konnten sie sich das leisten, und es hat durchaus Vorteile für die Kunden, dass die Sparkassen so nah an ihnen dran sind: Sie sind leicht zu erreichen und kennen die lokale Wirtschaft. Weil Sparkassen vor allem in ihrer jeweiligen Region tätig sind, ist die Gefahr geringer, dass sie sich in einer Finanzkrise von Pleite gegangenen Banken anstecken lassen. Das alles macht sie zu einer Alternative zu den großen Privatbanken - gerade für solche Sparer, die eine neue Krise fürchten. Nun aber, da alle Kreditinstitute wenig Umsatz machen, fallen die Mehrkosten der Sparkassen besonders ins Gewicht.

Auf der Suche nach Alternativen

Sparkassenpräsident Fahrenschon will also, dass die EZB ihren Kurs ändert und die Zinsen anhebt. Die Volkswirte der großen Banken pflichten ihm bei, auch Finanzminister Wolfgang Schäuble klingt ähnlich. Manche deutsche Finanzpolitiker bereuen schon die Konstruktion der EZB, deren Auftrag (Inflation knapp unter zwei Prozent) bei der Gründung festgelegt wurde und seitdem nicht mehr geändert werden kann. Auch wenn EZB-Chef Draghi demnächst im Finanzausschuss des Bundestags erscheint - zu sagen haben ihm die Politiker nichts. Die Konstruktion hatte sich bei der Bundesbank bewährt und sollte dem Euro die gleiche Stabilität verschaffen, die die D-Mark stark machte.

Was Draghi tun sollte, anstatt die Märkte mit billigem Geld zu überschütten, ist keine einfache Frage. Auf dem Sparkassentag suchte der Verband nach Antworten bei Politikern und Finanzexperten. Johannes Wassenberg von der Ratingagentur Moody's sagte gar, manchmal wünsche er sich Negativzinsen für die Sparer, damit diese endlich merkten, dass ein Sparkonto nicht der richtige Ort für ihr Geld sei. Ganz ernst gemeint war das nicht, Negativzinsen würden vieles noch schlimmer machen. Doch die Menschen müssten auch bei volatilen Märkten in Aktien investieren, so Wassenberg.

Auch Sahra Wagenknecht von der Linkspartei sagte, ein abrupter Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik sei keine Lösung. Draghi mache das, was ihm von der Politik auferlegt worden sei. Sie pflichtete dem Grünen-Politiker Gerhard Schick bei, der gefordert hatte, mit staatlichen Investitionen die Märkte zu beleben um dann zu einer normalen Zinspolitik zurückkehren zu können.

Wie der beste Weg aussieht weiß niemand - auch diejenigen nicht, die sich mit lauten Tönen an der Debatte beteiligen. Dorothea Schäfer vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) forderte darum mehr Forschung. Was die niedrigen Zinsen bewirken, wisse man nämlich kaum. Das zeige sich zum Beispiel daran, dass zu Beginn von Draghis Niedrigzinspolitik viele Experten vor einer Hyperinflation warnten. Stattdessen trat das Gegenteil ein, die Inflation ist extrem niedrig.

Quelle: n-tv.de

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