Wirtschaft

Draghi will alle Register ziehen Was der EZB-Kurs für Sparer bedeutet

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Läutet EZB-Chef Mario Draghi die Ära der Strafzinsen ein?

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Ankündigungen der europäischen Währungshüter sind schlechte Neuigkeiten für Sparerinnen und Sparer: Wegen mauer Konjunkturaussichten und schwacher Inflation will die EZB den geldpolitischen Antikrisen-Kurs weiter ausbauen. Schwund bei Spareinlagen ist programmiert.

Die Europäische Zentralbank hat den Weg für eine fortgesetzte lockere Geldpolitik geebnet. Die Leitzinsen bleiben zwar vorerst konstant - bei null Prozent gibt es da auch keinen großen Spielraum nach unten. Auch die 0,4 Prozent Strafgebühren für Bankengelder, die über Nacht bei der EZB geparkt werden, bleiben unverändert. Doch schon für das nächste Treffen im September kündigt der EZB-Rat weitere Maßnahmen zur Stützung der Konjunktur an. "Die Schultüte ist gut gefüllt", kommentiert ein Händler. Weil die Wirtschaft in Europa zu schwach und die Inflation zu gering ist, erwägen die Währungshüter alle Register zu ziehen: Möglich sind Zinssenkungen, Anleihenkäufe sowie neue Einlagensätze.

Die Währungshüter halten die Füße still, signalisieren aber gleichzeitig, in Habachtstellung zu sein. Die konjunkturellen Aussichten im Euro-Raum haben sich zuletzt deutlich eingetrübt. Der Ifo-Index, der die Stimmung in der Chefetagen in der deutschen Wirtschaft misst, ist auf den niedrigsten Wert seit April 2013 gesackt. Außerdem verharrt die Inflation mit zuletzt 1,3 Prozent trotz allen billigen Geldes, das die EZB in den vergangenem Jahren in die Wirtschaft der Eurozone gepumpt hat, deutlich unter den von der EZB gewünschten 2,0 Prozent.

Was gut für die Konjunktur und die Aktienmärkte ist, geht jedoch spürbar zulasten von Sparern und Banken. Die erhoffte Rückkehr der Zinsen ist vom Tisch. Vor allem für die deutschen Sparer ist das eine schlechte Nachricht, weil viele trotz spärlicher Zinsen an ihren Sparbüchern festhalten. Laut Bundesbank steckten Ende 2018 rund 2,5 Billionen Euro in Bankeinlagen oder wurden von Sparern in Form von Bargeld "unterm Kopfkissen" aufbewahrt. Weil die Inflation mit 1,3 Prozent in der Eurozone über den Zinsen liegt - in Deutschland beträgt die Teuerungsrate 1,6 Prozent - schrumpft die Kaufkraft des Gesparten stetig, das Geld wird immer weniger wert. Die Comdirect Bank schätzt den Wertverlust, den Sparer hierzulande in ersten Halbjahr erlitten haben, auf 15,9 Milliarden Euro.

Kritik der Bankenverbände: Die "falsche Medizin"

Weiterer Schwund droht durch schärfere Strafgebühren. Die Notenbank hat zwar jetzt noch nicht an den 0,4 Prozent gerüttelt, erwartet worden waren 0,5 Prozent. Damit ist das Thema jedoch nicht vom Tisch. Beobachter rechnen jetzt damit, dass die EZB den Strafzins auf einer der letzten Ratssitzungen unter ihrem Ende Oktober scheidenden Präsidenten Mario Draghi anziehen wird. Um die Banken nicht zu sehr zu belasten, sollen Optionen geprüft werden, ihn möglicherweise je nach Höhe der Einlagen zu staffeln. Banken, die viel Geld horten, werden dann wohl mehr zahlen.

Eine Entlastung für die Geldhäuser ist das nicht unbedingt. Minus 0,4 Prozent Strafzinsen bedeuten nach Berechnungen des Bundesverbands deutscher Banken (BdB), dass die Institute monatlich mehr als 600 Millionen Euro an Negativzinsen für überschüssige Liquidität an die EZB zahlen müssen. Die deutschen Banken, die traditionell einen Überhang an Kundeneinlagen haben, sind besonders betroffen. Sie tragen nach Angaben des BdB etwa ein Drittel der Belastungen aus dem negativen Einlagenzins im Euroraum.

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Die Bankenverbände reagieren entsprechend kritisch auf die EZB-Entscheidung. "Ein weiteres Anhalten oder eine Verschärfung der Negativzinsen wird für die Wirtschaft und für jeden in diesem Land deutlich spürbar werden", warnt der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV), Helmut Schleweis. Die EZB drohe damit, die schädlichen Nebenwirkungen für Sparer, Banken und Unternehmen zu zementieren, sagte die Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands Öffentlicher Banken Deutschlands, Iris Bethge. "Leider verlängert die EZB die Dosis der falschen Medizin."

Es droht ein Domino-Effekt bei Strafzinsen

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Sparer müssen fürchten, dass Banken die Gebühren über kurz oder lang durchreichen werden. Kontoführung, Überweisung, Kreditkarte - die Liste, wo traditionelle Banken das Geld der Sparer abgreifen, ist schon jetzt lang. Sogar fürs Abheben und Einzahlen von Geld am Schalter dürfen Banken und Sparkassen grundsätzlich eine Extra-Gebühr kassieren. Im Kampf gegen schwindende Erträge geben einzelne Geldinstitute auch schon die Strafzinsen der EZB an Unternehmen oder große Investoren wie Fonds weiter. Selbst reiche Privatkunden müssen bei Tages- und Festgeldkonten Gebühren zahlen. Das Gros der Privatkunden ist bislang verschont geblieben. Aber der Wind könnte sich schnell drehen.

Die Sparkassen in Baden-Württemberg haben Strafzinsen für ihre Kunden ausdrücklich nicht mehr ausgeschlossen. "Wir wollen das nicht. Aber wenn dieses Zinsniveau auf einer langen Achse fortgeschrieben wird, dann wird der betriebswirtschaftliche Druck so groß, dass sich niemand mehr Negativzinsen entziehen kann", sagte der baden-württembergische Sparkassenpräsident Peter Schneider kürzlich in Stuttgart. "Wenn einer der relevanten Wettbewerber damit anfängt, dann müssen die anderen nachziehen." Ansonsten würden die Sparkassen mit Einlagen geflutet.

Ähnlich äußerte sich Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing: "Man kann das Zinsumfeld nicht nur mit Kostenreduzierungen auffangen", sagte er dem "Handelsblatt" - kurz nachdem er einen Sanierungsplan inklusive des Abbaus Tausender Stellen angekündigt hatte. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass Banken, die aktuell ein kostenloses Konto anbieten, dies angesichts der Zinspolitik die nächsten Jahre oder Jahrzehnte durchhalten." Je länger das Zinstief anhält, umso wahrscheinlicher wird es, dass Institute Gebühren erhöhen oder Strafzinsen an einen größeren Kundenkreis weitergeben.

Quelle: n-tv.de

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