Wirtschaft

"Deutsche Inflationsangst übertrieben" Weidmann stellt sich an Draghis Seite

EZB-Chef Draghis hat mit seiner Äußerung einer "perversen Inflationsfurcht" der Deutschen für Wirbel gesorgt. Nun bekommt er Rückendeckung von Bundesbankpräsident Weidmann. Er sieht allerdings den Staatsanleihenkauf durch die EZB nach wie vor kritisch.

3fwz0704.jpg7296172247853612812.jpg

Jens Weidmann erwartet kein japanisches Szenario im Euroraum.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Präsident der Deutschen Bundesbank, Jens Weidmann, ist EZB-Chef Mario Draghi zur Seite gesprungen. Weidmann verteidigte eine in Deutschland hochumstrittene Aussage Draghis. "Mit meinem Kollegen Mario Draghi stimme ich vollkommen darin überein, dass es keinen Grund gibt, irrationale Inflationsängste zu pflegen", sagte Weidmann bei einer Rede in Berlin. Draghi hatte in einem Interview die "perverse Inflationsfurcht" der Deutschen kritisiert und dafür viel Widerspruch geerntet.

Nüchterne Analyse gefordert

"Ich plädiere dafür, die Dinge nüchtern zu analysieren und auch langfristige Gefahren für die Preisstabilität im Blick zu behalten", sagte er. Genauso wenig wie ein Anstieg der Preise zu erwarten sei, scheine ein Abrutschen der Preise gegenwärtig wahrscheinlich. Angesichts der wirtschaftlichen Lage sei das Risiko eines gefährlichen Preisverfalls auf breiter Front in der Euro-Zone begrenzt: "Auch dieses Gespenst löst sich bei nüchterner Betrachtung in Luft auf", trat er Sorgen vor einer Deflation entgegen.

Nach Einschätzung Weidmanns droht dem Euroraum somit keine japanische Krankheit. Ökonomen bezeichnen damit eine Phase mit auf breiter Front fallenden Preisen und schwachem Wirtschaftswachstum. "Angst vor einem japanischen Szenario ist unangebracht", betonte der Bundesbankchef. Er stellte sich in seiner Rede hinter die Niedrigzinspolitik der EZB. Sie dürfe nur kein Dauerzustand werden.

Kritisch sieht Weidmann nach wie vor den Ankauf von Staatsanleihen durch die Notenbank, weil sie aus seiner Sicht die Grenzen zwischen Geld- und Fiskalpolitik zu verwischen droht.

Der Bundesbank-Chef zeigte in seiner Ansprache Verständnis für die Sorgen der Sparer in Deutschland wegen des geringen Zinsniveaus. "Aber bitte bedenken Sie, dass niedrige Zinsen ja auch einen Impuls dazu geben sollen, mehr zu konsumieren und mehr zu investieren", erklärte der Währungshüter. Die Sparer profitierten gleichzeitig als Häuslebauer und als Bürger von den niedrigen Zinsen.

Staatsanleihen mit Eigenkapital unterlegen

Weidmann ging auch auf die aktuelle Debatte um die deutsche Exportstärke ein. Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss sei mit rund sieben Prozent der Wirtschaftsleistung sehr hoch. "Die Überschüsse werden mittlerweile aber hauptsächlich außerhalb des Euroraums erwirtschaftet", sagte der frühere Wirtschaftsberater von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Deutschland trage also durchaus dazu bei, die Ungleichgewichte im Währungsblock zu reduzieren.

Weidmann erneuerte seine Forderung, dass Banken Staatsanleihen mit Eigenkapital unterlegen und es für das Volumen eine Obergrenze geben sollte. Eine solche Regulierung würde dann auch die Kreditvergabe der Banken an Unternehmen fördern, sagte Weidmann. Er gab sich aber pessimistisch, dass seine Forderung von der Politik recht bald aufgegriffen wird.

Weidmann denkt laut über weitere Amtszeit nach

Darüber hinaus warf Weidmann trotz seiner erst 2019 endenden Amtszeit einen Blick auf die Jahre danach: "Ich möchte erst einmal bleiben. Wenn eine zweite Amtsperiode möglich ist, bleibe ich gerne noch länger", sagte er. Mit einer zweiten Amtszeit würde er die Bundesbank sogar bis 2027 führen. Dies liegt aber nicht alleine in seiner Hand, da die künftige Bundesregierung in dieser wichtigen Personalie das Vorschlagsrecht hat.

Die Frage eines Wechsels zu einer Geschäftsbank stelle sich für ihn nicht, sagte Weidmann weiter. Sein Vorgänger Axel Weber hatte im Streit über die Krisenpolitik der EZB 2011 das Handtuch geworfen und war nach einer Karenzzeit zum Schweizer Geldhaus UBS gewechselt.

Weidmann hat im EZB-Rat als einziger Notenbanker gegen das Staatsanleihen-Ankaufprogramm gestimmt, mit dem die Europäische Zentralbank Krisenstaaten bei Bedarf stützen und damit letztlich den Euro stabilisieren will. Er sieht damit die Grenze zwischen Geld- und Finanzpolitik verwischt.

Quelle: n-tv.de, wne/DJ/rts/

Mehr zum Thema