Wirtschaft

Das Kalkül der Scheichs Wo das Emirat Katar in Deutschland überall mitmischt

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Tamim bin Hamad Al Thani ist der Herrscher von Katar: Der Scheich-Familie gehören über zwei Investmentgesellschaften etwa zehn Prozent der Deutschen Bank, bei Volkswagen sind es gar 17 Prozent.

(Foto: IMAGO/SNA)

Für die WM in Katar hagelt es viel Kritik. Deutlich leiser werden die Töne, wenn es nicht um Sport, sondern um die Investitionen des Emirats geht. Dabei werfen die vielen Beteiligungen des autokratischen Regimes, vor allem an großen Dax-Unternehmen, Fragen auf.

Mit der Fußballweltmeisterschaft ist auch das kleine, aber reiche Golfemirat Katar in den Fokus der deutschen Öffentlichkeit gerückt. Es gibt kaum ein Land der Welt - abgesehen von Russland -, das wegen Menschenrechtsverletzungen derzeit mehr kritisiert wird. Gleichzeitig ist Katar aber schon seit vielen Jahren engstens mit der deutschen Wirtschaft verbunden.

Das Emirat ist zwar einer der kleinsten arabischen Staaten, aber auch eines der reichsten Länder der Welt. Es besitzt große Mengen an Erdgas und Erdöl. Das bedeutet, die Geldquelle, auf dem der Wüstenstaat erbaut ist, wird - wenn die Ressourcen einmal verbraucht sind - versiegen. Um Reichtum und Wohlstand für die Zukunft zu sichern, die Untertanen loyal und bei Laune zu halten, sind Katar und die Mitglieder der Königsfamilie deshalb seit vielen Jahren weltweit auf Einkaufstour, um neue Geldquellen zu erschließen.

Auf dem Einkaufszettel ganz oben stehen starke Marken und zukunftsträchtige Branchen, wie Transport, Finanzdienstleitungen und erneuerbare Energien. Vor allem über die Investmentsparte der Qatar Investment Authority (QIA), einem der größten Staatsfonds der Welt, haben sich die Kataris teils dicke Aktienpakete, auch an Dax-Unternehmen gesichert.

Hier hat Katar bereits überall die Finger im Spiel:

  • Die mit Abstand größte Position mit gut 17 Prozent ist die Beteiligung am deutschen Autobauer Volkswagen. Katar ist damit nicht nur der drittgrößte Investor bei VW, die Investoren aus dem Wüstenstaat sicherten sich damit auch zwei Plätze im mächtigen Aufsichtsrat der Wolfsburger.

  • Autohersteller haben mit 50 Prozent das überhaupt größte Gewicht im Portfolio des katarischen Staatsfonds. Für die Top 10 qualifizieren sich auch die knapp 5 Prozent an einem weiteren deutschen Autobauer: Porsche. Dass sich die QIA beim kürzlich erfolgten Börsengang 23 Millionen Aktien schnappte, hat sich für das Emirat besonders gelohnt. Der Ausgabepreis der Papiere betrug knapp 2 Milliarden US-Dollar. Allein in den ersten Wochen ergibt das eine Rendite von 20 Prozent.

  • Auch am Versorger RWE hält Katars Staatsfonds ein nicht unbedeutendes Aktienpaket. Erst kürzlich hatte die QIA den Essener Konzern bei der Finanzierung der Übernahme des Solaranlagen-Entwicklers und -Betreibers Con Edison Clean Energy Businesses unterstützt - der größten seit der Abspaltung des Energieriesen von Innogy. Im Rahmen der Übernahme zeichnete der Fonds eine 2,4 Milliarden Euro schwere Pflichtwandelanleihe, kam so auf gut neun Prozent bei RWE und stieg damit zum größten Aktionär auf.

  • Bei Siemens mischt das Emirat ebenfalls mit. Am Münchener Industriekonzern hält es seit bereits über zehn Jahren gut 3 Prozent der Anteile. Auch wenn das wenig scheint, sind die Kataris damit immerhin der viertgrößte Investor des Unternehmens. Die Familie Siemens besitzt selbst nicht mehr als sechs Prozent der Papiere.

  • Auch vor Deutschlands größtem Geldinstitut, der Deutschen Bank, machen die Kataris nicht Halt. Angeblich sind hier zwei Mitglieder der Herrscherfamilie über die Unternehmen Paramount Services und Supreme Universal mit gut 6 Prozent beteiligt. Insgesamt hält Katar etwa zehn Prozent an der Bank.

  • Seine Finger im Spiel hat das Emirat auch bei der Reederei Hapag Lloyd. Die Qatar Holding Germany GmbH sicherte sich 12,3 Prozent an der fünftgrößten Reederei der Welt. Auch diese Beteiligung entpuppte sich als lukratives Investment. Der Kurs hat sich seit 2016 verachtfacht.

  • Daneben hält Katar auch Anteile am Tübinger Impfstoffhersteller Curevac, an Siemens Healthineers und an einem Siemens-Joint-Venture, Fluence, einem Anbieter von Energiespeichertechnologien. Des Weiteren gibt es eine Beteiligung an dem Spezialisten für datengetriebene Prozessoptimierung Celonis.

Experten mahnen angesichts eines solch umfangreichen Engagements eines autokratischen Regimes zur Vorsicht. Zumindest bislang hätten Beteiligungen an der kritischen Infrastruktur in Deutschland zwar nicht im Fokus gestanden, stellt Rolf Langhammer vom Kiel Institut für Weltwirtschaft gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) fest. Politische oder geopolitische Interessen des Emirats seien aber auch nicht ausgeschlossen. Eines Tages könnte Katar seinen Einfluss "für eigene Interessen ausnutzen", warnt der Ökonom.

Fest steht, Katar geht es nicht nur um Rendite. Die Herrscherfamilie ist als strategischer Investor bekannt, der langfristig investiert. Dafür spricht auch die schlechte Performance des Staatsfonds, der seit Jahresbeginn 26 Prozent verlor, während der Weltaktienindex MSCI World "nur" gut 20 Prozent einbüßte.

Auch die Fußball-WM könnte für das autokratisch regierte Land Mittel zum Zweck und Teil einer längerfristigen Strategie sein, fürchten Beobachter. Katar will mit Sportereignissen wie der Handball-WM 2015, der Leichtathletik-WM 2019 - und jetzt mit der Fußball-WM sein ramponiertes Image aufbessern. Die Fachwelt spricht hier auch von "Sportwashing". "Sportwashing" jedoch sei nicht das erste Ziel, sagt der Politikwissenschaftler und Golfstaaten-Experte Nicolas Fromm von der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg: "Internationale Sportveranstaltungen sind Teil eines viel größeren strategischen Projekts, an dem Katar seit Jahrzehnten arbeitet". Gemeint ist das Ziel, zunehmend Macht und Einfluss in der Wirtschaft zu gewinnen.

Quelle: ntv.de

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