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Wolfgang Köbler Fussball-EM: Punkten in Polen

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(Foto: dpa)

„EM-Gastgeber Polen wird Fußball-Europameister!“ Wer darauf wettet und Recht behält, dem versprechen die Buchmacher derzeit eine Außenseiterquote von 41:1. So hoch sind die Renditechancen für Anleger im Nachbarland natürlich nicht. Investments sind dort aber attraktiv, weil die Volkswirtschaft zu den stabilsten und wachstumsstärksten in Europa gehört.

Große Sportereignisse haben immer eine wirtschaftliche Komponente für die Austragungsländer. Die  Fußball-Europameisterschaft ab dem 8. Juni gibt den Gastgebern Polen und Ukraine grundsätzlich eine gute Möglichkeit, sich der Welt als attraktive Standorte zu präsentieren. In den Medien wird dies bisher leider von den politischen Problemen in der Ukraine überlagert.

Dabei haben beide Staaten im Vorfeld der EM erheblich in ihre jeweilige  Infrastruktur investiert – in der Hoffnung auf Image- und Sympathiegewinne bei den Fans und den Medien. Allein in Polen flossen rund 20 Milliarden Euro in den Neu- bzw. Ausbau von Stadien, Autobahnen, Zufahrtsstraßen, Hotels und in den öffentlichen Nahverkehr.  Die hohen Ausgaben werden langfristig auch einen weiteren wirtschaftlichen Schub in das 38 Millionen Köpfe zählende Land bringen.

Wirtschaftsstruktur wie im Westen

Seit Beginn des Transformationsprozesses 1990 hat Polens Wirtschaft eine eindrucksvolle Entwicklung durchlaufen. Die Wirtschaftsstruktur des Landes, das 2004 der EU beigetreten ist, zeigt tiefgreifende Fortschritte und nähert sich Jahr für Jahr der Struktur der alten 15 EU- Mitgliedstaaten. Die Bruttowertschöpfung erfolgt inzwischen zu rund 63 Prozent im Dienstleistungssektor und nur noch zu einem Drittel in der Industrie.

Nach der Finanzkrise 2008 war Polen das einzige Land im osteuropäischen Raum, das selbst 2009 noch ein positives Wirtschaftswachstum aufwies. Der Zloty ist eine flexible Währung geworden, die Verschuldungsquote liegt bei ca. 57 Prozent des Bruttosozialproduktes. Die Wachstumsprognose für 2012 liegt bei 2,3 Prozent. Das lässt eine weitere stabile Entwicklung erwarten. Fundamental ist Polen solide aufgestellt, die Wirtschaft ist gut diversifiziert und das Bankensystem stabil.

Die Kapitalmärkte belohnen die Stärke des Landes: Kreditausfallversicherungen, sogenannte Credit Default Swaps (CDS), werden mittlerweile mit Spreads gehandelt, die deutlich unter dem Niveau vieler Eurozonenländer notieren. Der wunde Punkt des Landes liegt in der fehlenden Fiskaldisziplin. 2011 gab der Staat fast sechs Prozent mehr aus als er einnahm.  Die Regierung muss das polnische Sozial- und Rentensystem grundlegend reformieren. Doch solche strukturellen Änderungen lassen sich erfahrungsgemäß nur sehr schwer in der Bevölkerung durchsetzen.

Schwächephase beim Zloty abwarten

Betrachtet man die Investitionsmöglichkeiten, so bieten der Aktien- und der Rentenmarkt ein breites Produktspektrum. Der Zloty bewegte sich in den vergangenen zehn Jahren in einer Bandbreite zwischen 3,25 und fünf Euro/Zloty. Aktuell kostet ein Euro etwa 4,25 Zloty. Vorübergehend wird sich der Wechselkurs auf diesem Niveau halten. In den kommenden Monaten erwarten wir jedoch, dass sich der Kurs der polnischen Währung um bis zu fünf Prozent abschwächt. Danach halten wir Investitionen in die Währung für sinnvoll.

Aufgrund der höheren Verzinsung und des Wachstumsvorsprunges gegenüber dem Euroraum sehen wir dann weiteres Aufwertungspotenzial für den Zloty. Wir halten es für attraktiv,  in kurzlaufende Anleihen mit bis zu drei Jahren Laufzeit zu investieren. Der Renditevorsprung polnischer Staatsanleihen gegenüber Bundesanleihen beträgt zurzeit etwa 450 Basispunkte. Dazu gibt es zahlreiche weitere Schuldner sehr hoher Bonität.

Der breite Aktienmarkt wird sich zwar dem derzeitigen weltweiten Rückzug nicht entziehen können, bietet aber langfristig ein starkes und stabiles Potenzial innerhalb der osteuropäischen Staatengemeinschaft. Neben verschiedenen liquiden Einzelwerten gibt es mittlerweile eine Vielzahl von Indexfonds und aktiv gemanagten Investmentfonds mit Schwerpunkt Polen.

Mag Polen im Fußball vielleicht nicht zur europäischen Spitze gehören, im wirtschaftlichen Vergleich steht das Nachbarland hervorragend da. Seine Wirtschaft bleibt eine Ausnahmeerscheinung innerhalb Europas und sollte ihren beeindruckenden Sonderstatus behalten. Auch wenn die Buchmacher einem Titelgewinn des polnischen Teams kaum Chancen einräumen, nützt  die Fußball-EM dem Land: Polen kann sich als Musterknabe präsentieren und das Vertrauen der Welt als Investitionsstandort weiter verstärken.

Der Autor Wolfgang Köbler, Vorstand der KSW Vermögensverwaltung und Experte des Internetportals Vermögensprofis.de.

Quelle: ntv.de