Wirtschaft
Freitag, 07. Mai 2010

Per Saldo: Der dicke Milliardenfinger

Martin Morcinek

Während Europa um die Rettung Griechenlands kämpft, spielen in New York plötzlich die Kurse verrückt. Was als turbulenter Tag im Mai beginnt, könnte an der Wall Street das Ende einer ganzen Epoche einläuten.

Allmächtige Computer, schwache Menschen: Wer regiert wen?
Allmächtige Computer, schwache Menschen: Wer regiert wen?(Foto: REUTERS)

Was ist nur mit den Amerikanern los? Liefert Europa nicht genügend Unsicherheit? Athen, Schuldenkrise, unausgespielte Trümpfe im Ärmel von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet: Das reicht doch eigentlich.

Tut es nicht. Jedenfalls nicht, wenn es auch ein ausgewachsenes Kurs-Chaos an der Wall Street geben kann. So zumindest muss es sich jener Fehlerteufel gedacht haben, der sich angeblich irgendwo zwischen Computersystemen, Händlerfingern und Parkettpsychologie ins Detail geschlichen haben soll.

In Deutschland hatten die Börsianer gerade erst die Füße hoch gelegt, den Rotwein entkorkt und die Krawatten gelockert, als an der New York Stock Exchange ein geisterhaftes Höllenspektakel ausbrach. Alles, was Aktien rund um den Globus hält, war mit einem Mal hellwach: Der Dow sackt fast 1000 Punkte ab. Später kommt die Bestätigung: Es ist der größte Intraday-Punktverlust seiner Geschichte. Selten in der Geschichte der Menschheit wurde wohl mehr Adrenalin gleichzeitig ausgeschüttet als an jenem denkwürdigen Donnerstagabend. Kann das ohne Konsequenzen bleiben?

Der deutsche Markt kam in den Genuss der Gnade des frühen Feierabends: Als in New York das Chaos ausbrach, hatten Dax & Co längst geschlossen - sonst wäre wohl auch hier Hektik ausgebochen.
Der deutsche Markt kam in den Genuss der Gnade des frühen Feierabends: Als in New York das Chaos ausbrach, hatten Dax & Co längst geschlossen - sonst wäre wohl auch hier Hektik ausgebochen.(Foto: REUTERS)

Verschreckte Berichterstatter haben es umgehend nachgerechnet: Insgesamt soll der Börsencrash in der Spitze mehr als großzügige gerundete 1000 Mrd. Dollar vernichtet haben, eine an sich schon schwer vorstellbare Summe. Der Schreck war noch nicht ganz in alle Glieder gefahren, da war ein Großteil der vernichteten Werte schon wieder da. Der Dow legte einen beeindruckenden Rebound hin. Dennoch hat eine ganze Menge Leute eine ganze Menge Geld verloren, so viel steht fest.

Doch was in jenen Minuten genau geschehen ist, bleibt auch am Tag danach noch unklar. Ob es wieder passiert, ist nun Gegenstand von offiziellen Untersuchungen. Im Mittelpunkt der Spekulationen tauchten schnell die Aktien von Procter & Gamble auf, die aus heiterem Himmel von 60 auf weniger als 40 Dollar gefallen waren - mehr als nur ungewöhnlich für einen Konsumgüterriesen. War es doch nur ein "Fat-Finger-Trade", ein Händler mit dicken Fingern, der drei Nullen zu viel ins Ordersystem getippt hatte?

War der Auslöser für das Multi-Milliardendesater also eine Folge menschlichen Versagens? Kann das sein? Oder ist der computergesteuerte Aktienhandel an allem schuld? Darf das denn sein? Haben die Sicherheitssysteme der Börsenbetreiber vesagt? Keiner weiß Genaues. Die Falltür bleibt weit offen, die Unsicherheit hält an.

Hilflose Händler: Nach dem Debakel muss jeder seine eigenen Schlüsse ziehen. Aufsicht und Politik stehen ohnehin unter Zugzwang.
Hilflose Händler: Nach dem Debakel muss jeder seine eigenen Schlüsse ziehen. Aufsicht und Politik stehen ohnehin unter Zugzwang.(Foto: REUTERS)

Sicher ist allerdings schon jetzt: Es gibt keinen Markt, der immer recht hat. Für Minuten hingen in New York alle in der Luft: Anleger, Strategen, Computerspezialisten, Hedgefonds-Manager. Selbst Gurus und Insider starrten mit offenem Mund und entsetzt geweiteten Augen in den technischen Abgrund. Alle Logik lief ins Leere. Mit einer herkömmlichen Panik hatte der Sturz wenig gemein: Es fehlte das Getrampel der Herde, die Emotionen der Anleger, die menschliche Angst: Die Kurse hatten sich einfach selbstständig gemacht, und das schneller als der Mensch reagieren konnte.

Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass dieser wilde Abend im Mai Folgen haben wird; Folgen, die über die Ermittlungen der US-Börsenaufsicht und etwaige Schadenersatzklagen hinausgehen. Der gespenstische Kurssturz von New York wird den laufenden Debatten in Washington um eine Reform der Finanzmärkte eine neue Dynamik geben - mit den entsprechenden Folgen für die politische Diskussion in Europa. Wer immer auch gegen eine strenge Regulierung wer, dem fehlen nun ein paar Argumente.

Niemand - auch die USA nicht - kann es sich leisten, dass den Finanzmärkten derartige Spielräume für ein unkontrollierbares Eigenleben bleiben. Eine neue Ära bricht an. Zeit für konstruktive Vorschläge.

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Quelle: n-tv.de