Kolumnen

Per Saldo Sterben für Apple

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"Alle Smartphones haben Probleme": Apple-Chef Steve Jobs erklärt die Welt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Aufstieg von Apple ist unaufhaltsam. Die Schar der Schäflein, die sich weltweit unter dem Zeichen des Apfels versammeln, wächst ohne Unterlass. Apple ist rein und gut - so der Glaube. Doch auf den zweiten Blick sieht die Welt etwas anders aus.

Haben Sie schon ihr iPhone 4 bestellt? Noch nicht? Auch kein iPad am Start? Dann sind Sie entweder aus der Steinzeit oder Sie gehören zu den Ignoranten, die die technischen Segnungen des Konzerns mit dem angebissenen Apfel einfach nicht zu schätzen wissen. Unbelehrbar quasi, ein Heide im Kreis der gläubigen Schäfchen, von denen die Treuesten sich auch tage- und nächtelang vor den heiligen Hallen der elektronischen Bekehrung darnieder lassen, um voller Verheißung der Gaben des Apfels zu harren.

In der Tat hat sich ein teils merkwürdiger Kult um die Produkte von Apple entspannt. Ein Kult, der nicht immer ganz nachvollziehbar ist. Keine Frage, die Produkte aus Cupertino in Kalifornien haben einen Nutzwert, eine technische Einfachheit bei gleichzeitig vielfältigen Möglichkeiten und, nicht zuletzt, eine Haptik, die sie nicht umsonst so erfolgreich machen. Wahrscheinlich gibt es Millionen ehemaliger frustrierter Windows-Nutzer, die mit ihren Apple-Produkten, die sie heute benutzen, selig sind. Und sie sind daher auch gerne bereit einen, teils happigen Mehrpreis dafür zu bezahlen.

Probleme haben doch alle!

Doch der Erfolg scheint bei Apple-Guru Steve Jobs und den Seinen mittlerweile ein etwas skurriles Gebaren in mehrerlei Hinsicht auszulösen. Erstes Beispiel ist eine etwas merkwürdige Pressekonferenz, auf der sich der Apple-Chef am vergangenen Freitag mit einem Befreiungsschlag zu den Problemen beim Empfang seines neuen iPhone 4 zur setzte. Allerdings waren seine Argumente weniger technischer Natur, sondern eher simpel gestrickt. Eigentlich habe jedes Smartphone Schwierigkeiten mit der Antenne, was kurzerhand mit Videos dokumentiert wurde, die den Blackberry Bold, das Droid Eris (In Europa Hero) von HTC und das Samsung Omnia II zeigten, die nach dem so genannten "Todesgriff" ebenfalls Empfangsprobleme haben sollten. Außerdem habe man sich die Kundenzufriedenheitswerte angesehen und festgestellt, dass sich doch nur ganz wenige Jünger – Verzeihung, Kunden – beschwert hätten. Hört sich ein bisschen nach "Was nicht sein darf, das nicht sein kann" an. Aber das wäre blasphemisch.

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Schlangestehen für das iPad in Singapur: Der Apple-Kult geht um die ganze Welt.

(Foto: REUTERS)

Dass die iPhones auf jeden Fall senden können, musste Apple ebenfalls in dieser Woche eingestehen. Und zwar etwas geknickt deshalb, weil sie offenbar mehr senden, als man gerne zugeben möchte. Ein einziger Satz dazu steht in den Datenschutzbestimmungen zum Betriebssystem iOS 4, das die Geräte iPhone, iPod und das iPad benutzen. Darin räumt Apple sich und seinen Partnern das Recht ein, Daten inklusive des Echtzeit-Standorts dieser Geräte zu sammeln, zu benutzen und zu teilen. Diese Klausel gilt übrigens schon mehrere Jahre. Das wirft Fragen auf, vor allem bei Datenschützern, die befürchten, der Konzern könne Bewegungsprofile seiner Nutzer erstellen. Eine recht unangenehme Vorstellung, zumindest für einige Jünger, nochmals Verzeihung, Kunden.

Wissbegieriger Apfel

Apple reagierte mit einem Antwortschreiben seines Justiziars Bruce Sewell, der betont, dass diese Daten lediglich dem Zweck diene, Werbung und die Anwendungen, genannt Apps, zu verbessern. Partnern würden diese Informationen anonymisiert übermittelt und diese könnten keinerlei Rückschlüsse auf ein individuelles Gerät oder dessen Nutzer ziehen. Welch ein Glück! Apple selbst allerdings hat wohl Datenbanken aufgebaut, um seine Werbung, mit der der Konzern viele Millionen verdient, zielgerichteter auf die Jünger - Verzeihung, Nutzer - auszurichten. Früher hat Apple wohl seine Daten an andere Datenkraken wie beispielsweise Google anonymisiert weitergegeben. Um mehr Unabhängigkeit zu haben, hat das Apfelimperium seit 2008 wohl seine eigenen Datenbanken aufgebaut. Ob davor noch anonymisiert wird, bleibt aber offen.

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Foxconn-Fabrik in Südchina: 24-Stunden-Schichten und niedrige Löhne.

(Foto: REUTERS)

Erfreulicher hingegen sind für Apple die Quartalszahlen in dieser Woche ausgefallen. Im vergangenen Quartal machte der Konzern einen Umsatz von 18 Milliarden Dollar und übertraf damit sogar die kühnen Erwartungen der Analysten. So viel Geld wurde mit den Apfelprodukten innerhalb von drei Monaten noch nie umgesetzt. Als Gewinn blieben 3,25 Milliarden US-Dollar hängen. Was ist da schon "Atennagate", wie der Streit um den iPhone-Empfang bereits genannt wird. Ein Lob den treuen Jüngern, Verzeihung, Kunden, die dem höchsten aller Hightechkonzerne so reichhaltig die Kassen füllen. Brave Schäfchen, die sogar bereit sind, im Ausland das begehrte Apfelstück für noch mehr Geld zu erwerben, damit sie nicht endlos lange Wochen harren müssen.

Günstiges iPhone

Einen faden Beigeschmack gibt es aber dennoch. Fast unbemerkt geht eine Meldung durch die Nachrichtenticker, dass sich beim taiwanischen Elektronik-Konzern Foxconn erneut ein Mitarbeiter vom Dach gestürzt hat. Die genauen Umstände sind noch unklar, aber erst im Juni gab es eine Selbstmordserie mit zehn Toten in der Fabrik in Südchina. Mitarbeiter der Firma berichten von 24-Stunden-Schichten ohne Pausen und unmenschlichen Arbeitsbedingungen, sogar für chinesische Verhältnisse. Nach der Todesserie wurde eine Lohnerhöhung um 70 Prozent angekündigt. Offen ist, ob sie auch schon ausgezahlt wurde. Nebenbei bestreitet Foxconn-Chef Terry Gou, dass die Selbstmorde irgendwas mit den schlechten Arbeitsbedingungen und den niedrigen Löhnen zu tun haben könnten.

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Apple-Chef Steve Jobs: Selbstbewusstsein des Erfolges.

(Foto: REUTERS)

Was das alles mit dem heiligen Apfel zu tun hat? Nun, Foxconn baut unter anderem, Sie dürfen raten, das iPhone für Apple zusammen. Und irgendwie erklärt sich dann auch die Tatsache, dass es der Apfelkonzern auf einen Anteil von mehr als 18 Prozent Gewinn am Umsatz kommt. Wer offenbar so billig produzieren lässt und dabei aufgrund des Designs und der hohen Nachfrage derart hohe Preise verlangen kann, der sitzt auf einer Goldgrube. Kein Wunder, dass Apple die Prognosen gleich noch angehoben hat. Fairerweise muss man sagen, dass Foxconn mit seinen mehr als 800.000 Mitarbeitern auch für andere Elektronikunternehmen fertigt. Es ist leider grausame Realität, dass der Preiskampf auf dem Elektronikmarkt auf dem Rücken und zu Lasten chinesischer Arbeiter ausgetragen wird.

Man muss nur glauben!

Was Apple selbst aber angeht, so verdichtet sich das Gebahren des Konzerns am Ende doch zu einem sehr unschönen Bild. Hier kämpft ein Branchenprimus nicht nur einmal mit Mitteln, die unter die Gürtellinie gehen. Gegen Konkurrenten, gegen Partnern und nicht selten auch gegen die eigenen Kunden, Verzeihung, Jünger. Unerwähnt bleiben hier Klagen gegen unangenehme Blogger, die restriktive Politik gegen kleinere Firmen, was Applikationen für das iPhone angeht, und die dubiose Verkaufsstrategie für Produktneuheiten, wo zwecks Gewinnsteigerungen Länder und ganze Kontinente einfach auf die Warteliste gesetzt werden. Nur die Jünger, zumindest die meisten und richtig Gläubigen, finden es irgendwie schon in Ordnung.

Früher waren Apple die Guten und Microsoft die Bösewichte. Für die echten Apfel-Jünger ist das heute noch so. Doch ob dieses Weltbild noch etwas mit der Realität zu tun hat, ist ausgesprochen fraglich. Hauptsache, die Apfel-Apologeten können mit dem neuesten iPhone, iPad oder iIrgendwas im Bekanntenkreis prahlen. Was dahintersteckt, wo es herkommt und was man damit unterstützt, ist doch viel zu kompliziert. Ist doch Apple - und wir sind doch die Guten – oder?

Quelle: n-tv.de