Kolumnen

Per Saldo Weißt Du noch, der SSV?

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Hach, waren das noch Zeiten, als man sich ungehemmt durch Wühltische arbeiten konnte.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Einkaufsliste schreiben, das Geld in den Brustbeutel und auf zum Schlussverkauf. Vor C&A und Karstadt der Ellenbogeneinsatz, zu Hause der Katzenjammer über das knallgrüne Hemd, das man niemals tragen wird. Seit 2004 ist damit Schluss. Eine Schwärmerei von der guten alten Zeit.

Ja, eigentlich müsste diese Kolumne ein textgewordenes sehnsüchtiges Seufzen sein. Ein sentimentales Erinnern an alte Zeiten, in der der Kunde zweimal im Jahr vom König zum Basarhändler wurde und stolz die erbeuteten Schnäppchen nach Hause trug. Der Schlussverkauf hätte sich einreihen müssen in die Liga der autofreien Sonntage, Sperrmülltage und Langen Donnerstage, vulgo "Schlados" ("Schei…langer Donnerstag"). Hat er aber nicht. Ganz und gar nicht.

Stattdessen pflastern schon seit Wochen rote Schilder mit Prozentzeichen- und SALE-Aufdrucken die deutschen Innenstädte und der Einzelhandel liefert sich die gewohnte Preisschlacht: Bikinis für 9,90 Euro, Flipflops für 5 Euro. Und das war erst der Auftakt des Saisonfinales. Ab dem offiziellen Start des gemeinsamen Sommerschlussverkaufs am 25. Juli sind dann noch mal Rabatte von bis zu 80 Prozent drin. Die Branchensprecher frohlocken und hoffen auf kräftige Umsatzsprünge und ordentlich Platz in den Lagern für die neue Herbstmode.

Gewohnheit schlägt Gesetz

Wie kann das eigentlich sein? Offiziell wurde der Schlussverkauf doch bereits im Jahr 2004 abgeschafft. Doch im Jahr 7 nach der Einführung des neuen Rabattgesetzes blüht die Schnäppchenwiese schöner denn je. Seit 2004 darf der Handel eigentlich Preisnachlässe und Sonderverkäufe nach Belieben durchführen. Dass er es nicht tun, hat einen einfachen Grund: Die Kunden hatten sich zu sehr an die Sommer- und Winterschlussverkäufe gewöhnt.

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Aber moment mal! Das geht ja immer noch!

(Foto: picture alliance / dpa)

Immerhin sind die Schlussverkäufe eine über 100 Jahre alte Institution. Im Juni 1909 begann die Geschichte der Schlussverkäufe und zwar ebenfalls mit einer Reform des Gesetzes gegen unlauteren Wettbewerb (UWG). Damals nahmen Sonderverkäufe einzelner Textilhändler derart überhand, dass sich die Gesetzgeber gezwungen sahen, die Zahl und Dauer der Saisonverkäufe zu regeln.

Aus demselben Grund wurde jedoch fast ein Jahrhundert später die Abschaffung der Schlussverkäufe beschlossen. "Durch die Rabattitis das ganze Jahr hindurch sind die Verbraucher abgestumpft", klagte damals der Hauptverband des deutschen Einzelhandels und zog zum Beweis den vermeintlich letzten Winterschlussverkauf 2003/2004 heran. Doch wie sich herausstellen wollte, gehörte ausgerechnet der zu den Ausreißern in der Statistik.

Denn dem Einzelhandel war nicht wohl dabei, mit den alten Gewohnheiten zu brechen. Und so wurde der Schlussverkauf einfach umetikettiert: Aus dem WSV, bzw. SSV wurde einfach das neudeutsche "SALE". Auch neue Wortfindungen wie der KSV – der "KarstadtSchlussVerkauf" - wurden gesichtet.

Der Markt ist König

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Alte Gewohnheiten sind halt schwer zu brechen. (Schlussverkauf 1965)

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Für die Schnäppchenjäger blieb also bis heute alles wie bisher: Zweimal im Jahr bequeme Schuhe an, Brustbeutel um und los geht's. Und die Moral von der Geschicht: Unterschätze die Macht der Gewohnheit nicht. Es wird vermutlich weiterhin nicht nur Schlussverkäufe, sondern auch "Wetten, dass…?" geben. Wenn sich die Hotdog-Verkäufer an den dänischen Stränden über ausbleibende Touristen beschweren, könnten selbst in Dänemark die Schlagbäume wieder hochgehen.

Nur für die Sperrmüll-Fans und für die Raucher sieht es übel aus: Denn in beiden Fällen ist die Lobby für saubere Straßen und saubere Luft zu groß. Wir Verbraucher sind halt nur gemeinsam stark.

Quelle: n-tv.de

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