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"Wir sollten das Öl verlassen" IEA sieht Krise kommen

Mit ungewöhnlich deutlichen Worten hat die Internationale Energie-Agentur (IEA) vor einer weltweiten Krise bei der Ölversorgung gewarnt. "Wir sind der Ansicht, dass die Ölproduzenten ihre Fördermenge bedeutend erhöhen müssten, wir sind uns aber nicht sicher, dass sie es tun werden oder können", sagte IEA-Chefökonom Fatih Birol der Zeitschrift "Internationale Politik".

Nach einer Durchsicht aller neuen Ölförderprojekte weltweit komme die OECD-Behörde zu folgendem Schluss: "Selbst wenn alle diese bereits finanzierten Projekte in den nächsten Jahren realisiert werden, ist die Gesamtkapazität, die sie an neuer Ölförderung bringen können, zu gering." Die fehlende Ölmenge beziffert Birol auf 12,5 Millionen Barrel pro Tag, rund 15 Prozent des Weltölbedarfs. "Diese Lücke bedeutet, dass wir in den nächsten Jahren eine Lieferklemme und sehr hohe Preise erleben können."

"Supply Crunch"

Der diesjährige "World Energy Outlook" werde voraussichtlich "die erste umfassende öffentliche Studie sein, in der wir unser Denken darüber überprüfen und revidieren, wie viel Öl und Gas auf den Markt kommt. Dabei werden etliche Leute neue Schlussfolgerungen ziehen." Birol spricht von einem "Supply Crunch", einer Versorgungskrise.

Bereits der Energiebericht des vergangenen Jahres sei "ein deutliches Signal an die Regierungen unserer Mitgliedsstaaten" gewesen. "Und wenn wir dieses Jahr im November den 'World Energy Outlook 2008' vorstellen, halte ich es für denkbar, dass die Sirenen noch lauter schrillen können." 2007 hatte die IEA in einer Abkehr von ihrer bisherigen Position erstmals vor einer möglichen Verknappung des Öls gewarnt.

Neues Motto: Weg vom Öl

Deutlicher als bislang spricht Birol über das "Ende" des Ölzeitalters. Der Anstieg des Ölpreises werde den Menschen Zeit geben, sich anzupassen". Langfristig sei jedoch klar: "Ob das Öl im Jahr 2030 zu Ende ist oder im Jahr 2040 oder 2050, ändert daran nichts." Eines Tages werde das Öl "definitiv" zu Ende sein. "Und ich denke, wir sollten das Öl verlassen, bevor das Öl uns verlässt. Das sollte unser Motto sein."

Birol betont, dass "die Märkte allein" die Probleme nicht lösen können. Die IEA werde im kommenden Jahr zu einem Ministertreffen einladen, "und ich erwarte, dass die Energiesicherheit zusammen mit der Klimafrage ganz oben auf der Tagesordnung steht". Von den Regierungen fordert der IEA-Chefökonom Regeln, die für eine Reduzierung des Energieverbrauchs sorgen, vor allem im Verkehr. Offenbar mit Blick auf Deutschland sagt er, "einige Länder" hätten damit ihre Schwierigkeiten. "Es hängt von den Regierungen ab, Maßnahmen zu ergreifen. Wir haben sie gewarnt."

"Erschöpfung der Ressourcen"

Anhänger der Peak-Oil-Theorie warnen bereits seit langem vor einem Rückgang der Ölförderung aufgrund einer Ressourcenerschöpfung. Peak Oil besagt, dass die Produktion leicht förderbaren Öls rückläufig ist, nachdem die Hälfte dieser Vorkommen gefördert wurde. Dieser "Peak" ist - je nach Berechnung - bereits erreicht oder wird in naher Zukunft erreicht sein. Die Mineralölwirtschaft argumentiert, unkonventionelle Vorkommen könnten den Rückgang ersetzen, Peak-Oil-Experten bestreiten dies.

Birol benutzt den Ausdruck "Peak Oil" in dem Interview nicht, spricht aber von der "Erschöpfung der Ressourcen". Dies sei nicht der einzige Grund für den erwarteten Engpass: "Mangelnde Investitionen sind ein anderes Problem, ein weiteres ist, dass manche Ölländer die Produktion nicht erhöhen wollen".

IEA fliegt blind

Die Grünen-Politikerin Astrid Schneider, die Birol für die "Internationale Politik" interviewte, sagte gegenüber n-tv.de, seine Äußerungen seien "äußerst bemerkenswert", weil die Internationale Energie-Agentur die Öffentlichkeit erstmals in klaren Worten vor einer Ölknappheit warne. Erstmals führe die IEA den öffentlichen Nachweis, dass alle geplanten Ölförderprojekte nicht ausreichen, um den Rückgang der Ölförderung auszugleichen.

Schneider verwies auf Birols Aussage, die OPEC-Länder müssten ihre Fördermengen bedeutend erhöhen, um den Rückgang in anderen Regionen auszugleichen. Zugleich gebe Birol zu, die IEA befinde sich fast "im Blindflug", da die Daten der OPEC nicht transparent genug seien. "Es ist verblüffend, wie wenig diese wirtschaftlichen Basisdaten in der Öffentlichkeit bekannt sind und wie wenig das zu Konsequenzen im Investitionsverhalten führt", so Schneider.

Quelle: ntv.de