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Das schwimmende Labor25 Jahre "Polarstern"

22.11.2007, 17:03 Uhr

Seit 25 Jahren leistet ein deutsches Spezialschiff Grundlagenarbeit für die weltweite Klimaforschung. Das eisbrechenden Forschungsschiff "Polarstern" ist zudem eines der wichtigsten Instrumente zur Erkundung der Pole.

Mit rund 30 Kilometern pro Stunde schiebt sich derzeit ein dickbauchiges Schiff durch den Südatlantik. Noch ist es angenehm warm an Deck; doch die Menschen auf der "Polarstern" warten mit Spannung auf bitterkalte Zeiten. Denn das Eis brechende Forschungsschiff nimmt wieder Kurs auf die Antarktis. Seit 25 Jahren bahnt das schwimmende Großlabor des Bremerhavener Alfred-Wegener- Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) Wissenschaftlern den Weg ins Eis. Während tief unten in der "Polarstern" vier jeweils 5.000 PS starke Dieselmotoren hämmern, knallen am 28. November in Berlin die Korken zur Jubiläumsfeier des "leistungsfähigsten Polarforschungsschiffes der Welt".

Seit ihrer Indienststellung am 9. Dezember 1982 gilt die "Polarstern" als wichtigstes Werkzeug der deutschen Polarforschung. "Ohne sie wären die Pole und damit entscheidende Regionen für die weltweite Klimaforschung für uns kaum erreichbar", sagt die Fahrtleiterin auf der Strecke Bremerhaven Kapstadt, die Meeresbiologin Sigrid Schiel. An 320 Tagen im Jahr ist das 118 Meter lange und 25 Meter breite Schiff auf See, die meiste Zeit davon in den Ozeanen der Arktis und Antarktis. Vom Blick in die unerforschte Tiefsee bis zur Entschlüsselung der Klimageschichte haben die 46 Expeditionen der "Polarstern" einmalige Daten erbracht. Sie ist laut AWI das einzige Forschungsschiff, das Wissenschaftlern ganzjährig die Arbeit in den eisigen Regionen ermöglicht.

Dank ihres verstärkten Rumpfes und ihrer Kraft kann die "Polarstern" durch bis zu 1,50 Meter dickes Eis einfach hindurch fahren. Wenn es dicker kommt, geht das Schiff mit dem Kopf durch die Wand: "Wir brechen das Eis nicht, wir rammen immer wieder dagegen an", sagt Kapitän Stefan Schwarze.

Außer der navigatorischen Herausforderung, einen Weg durchs Eis zu finden, schätzt Schwarze nach 17 Jahren an Bord vor allem die besondere Atmosphäre. "Über die Wissenschaftler kommt man immer wieder zu hoch interessanten Themen ins Gespräch", sagt der 45- Jährige. Eine große Herausforderung sieht Schwarze im Zusammenleben an Bord. Unter den extremen Polarbedingungen und fernab erreichbarer Häfen müssen Menschen aus zumeist mehr als zehn Nationen in der Enge des Schiffes miteinander auskommen.

Im Notfall rücken sie noch enger zusammen. Wenn das Schiff im Eis stecken bleibt, muss es unter Umständen bis zu sieben Monate dort ausharren, bis es wieder in freies Wasser driftet. "So lange reichen bei äußerster Beschränkung unsere Vorräte", sagt Schwarze. "Um Energie zu sparen, werden dann nur noch wenige Räume beheizt."

Aber auch unter normalen Expeditionsbedingungen ist das Leben nicht besonders luxuriös. Die bis zu 55 Wissenschaftler und 44 Seeleute sind in Zwei- oder sogar Drei-Bett-Kabinen untergebracht. Für die Freizeit gibt es ein kleines Schwimmbad, eine Sauna und ein Fitness-Studio. Ein Videokanal sendet fünf verschiedene Programme; Internet gibt es auch aber nur für E-Mails, nicht zum Surfen. Das "Heiligtum" ist der für offizielle Anlässe reservierte "Blaue Salon" - dort steht sogar ein Kachelofen.

Für die Forscher zählen aber vor allem die Arbeitsbedingungen einschließlich der technischen Geräte bis zum Hubschrauber. "Wir können inzwischen sogar molekulargenetische Untersuchungen vornehmen", lobt Sigrid Schiel die Ausstattung. Außer den Laboren für Biologen, Chemiker, Geologen und Physiker ist das Schiff mit Kühlräumen und Aquarien für den Heimtransport von Proben ausgerüstet.

Die umfassenden Analysemöglichkeiten sind für viele Wissenschaftler der wichtigste Aspekt der "Polarstern". Oftmals haben sie ihre Experimente und Probenentnahmen jahrelang vorbereitet. Wenn sie dann endlich einen Platz an Bord bekommen haben und ihr Experiment läuft, stehen sie unter ungeheurem Druck: "Einen zweiten Wurf gibt es zumeist nicht", sagt Schiel.

Nach mehr als einem Dutzend Fahrten ist die "Polarstern" für Schiel "fast zur zweiten Heimat" geworden. Wenn am 28. November in Berlin die Jubiläumsfeier beginnt, nähert sich für die Meeresbiologin die jüngste Expedition dem Ende. Mit ein bisschen Wehmut wird Schiel in Kapstadt von Bord gehen. Ein Argument tröstet sie über den Abschied von dem Forschungsschiff hinweg: "Es gibt kein besseres."

Quelle: Wolfgang Heumer, dpa